Steht mit Arndt tatsächlich die gesamte deutsche Romantik am Pranger?

Für alle LeserAm 22. Januar staunte Thomas Kumbernuß, der für Die PARTEI im Leipziger Stadtrat sitzt, nicht schlecht, dass eine Stadtratsmehrheit seinem Antrag zur Umbenennung der Arndtstraße in der Leipziger Südvorstadt zustimmte. Zuvor hatte die Verwaltung sich gegen den Antrag ausgesprochen, der Straßenname würde nun einmal seit 1870 zum Straßenbild gehören. Doch kaum hat der Stadtrat sich gegen den schäumenden Patrioten ausgesprochen, melden sich die heutigen Patrioten zu Wort und starten eine Petition dagegen. Freundlichst unterstützt von der LVZ.
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Die dann auch bereitwillig all die alten Argumente wiederholt, mit denen die heutigen Patrioten den deutlich entgleisten Professor Arndt immer wieder verteidigt haben.

„Mit einer solchen Umbenennung wird die gesamte deutsche Romantik an den Pranger gestellt“, zitiert die Zeitung den Co-Vorsitzenden der Ernst-Moritz-Arndt-Gesellschaft Klaus-Michael Erben. „Die Heutigen sollten nicht der Versuchung erliegen, ,auf der vermeintlich einzig wahren Seite der Geschichte zu stehen.‘“

Ein Argument, das Alexander John, der ursprünglich die Petition zur Umbenennung der Arndtstraße startete, völlig inakzeptabel findet. Wer Ernst Moritz Arndt zum Maßstab für die deutsche Romantik macht, kennt die deutsche Romantik entweder nicht – oder er versucht den Leser für dumm zu verkaufen. Denn antisemitische und nationalistische Töne gehörten ganz bestimmt nicht zum Grundverständnis der Mehrzahl der Romantiker.

„Die Arndt nachgesagten antisemitischen Äußerungen entsprächen leider dem damaligen Zeitgeist und seien später von Arndt ausdrücklich zurückgenommen worden“, zitiert die LVZ den in Borsdorf lebenden Lehrer Kai-Uwe Arnold, der jetzt eine Petition gegen die Umbenennung gestartet hat.

Wer die Bücher von Heine, Börne, Eichendorff, Mörike und all den anderen liest, die die wichtigsten Vertreter der deutschen Romantik waren, der findet dort nichts davon.

Bei manchen anderen schon – etwa bei Achim von Arnim. Und dafür wurden ihm auch schon bei Lebzeiten die Ohren langgezogen. Denn die wacheren Zeitgenossen merkten schon, wie da im Mäntelchen der „politischen Romantik“ das konstruiert wurde, was dann die Nationalisten so gern als „das Deutsche“ verkaufen – bei Arnim schon deftig angereichert mit Antisemitismus. Und bei Arndt eben auch.

Umso peinlicher ist es, wenn die LVZ diese Aussage des Borsdorfer Lehrers unhinterfragt übernimmt.

„Es entsprach nicht dem Zeitgeist, Arndt ist für seine Äußerungen bereits zu Lebzeiten dafür heftig kritisiert worden“, stellt Alexander John dazu fest.

„Arndt lebte zur gleichen Zeit wie Goethe, Schiller, Lessing, Heine, Kleist und die Humboldts. Arndt und Alexander von Humboldt sind sogar im selben Jahr geboren und mit einem Jahr Unterschied gestorben. Auch von Robert Schumann, Brahms, Mendelssohn sind solche Äußerungen nicht bekannt. Gleiches gilt für Bettina von Arnim, Clara Schumann und Anette von Droste-Hülshoff. Und im Prinzip kann man auch noch Fontane in die Zeit zählen (ihre Lebenszeit überschnitt sich um 40 Jahre).“

Geschichtsvergessen ist also nicht, wie Arnold behauptet, dass Leipzig sich nach 150 Jahren von der Arndtstraße trennt. Geschichtsvergessen ist, die widersprüchlichen Strömungen der Zeit, in der die Romantik blühte, zu übertünchen.

„Humboldt beispielsweise plädierte 1812 für die vollständige Gleichstellung der Juden in Preußen. 1812 wurde das ,Edikt betreffend der bürgerlichen Verhältnisse der Juden in dem preußischen Staate‘ (Preußisches Judenedikt von 1812) erlassen“, geht John auf das historische Umfeld ein.

„Dieses Edikt sorgte dafür, dass Juden in Preußen juristisch keine Fremden mehr waren und somit bürgerliche Rechte bekamen. Das war ein wichtiger Schritt zur Gleichstellung, aber auch mit dem Folgeedikt 1847 war die vollständige Gleichstellung noch nicht gelungen, weil die Konservativen sich nicht zu diesem Schritt durchringen konnten.“

Wir hatten also auch damals schon den sichtbaren Widerspruch zwischen Liberalen und Konservativen, zwischen Weltoffenheit und nationalistischer Borniertheit. Letztere nun ausgerechnet als Wesenskern der Romantik zu behaupten, ist völlig am Thema vorbei.

„Wenn man das mal in die heutige Zeit übertragen würde, müsste man Höcke und Gauland nach ihrem Tod auch mit einer Straße ehren, weil für einen Teil der Bevölkerung die getätigten Äußerungen und Grundüberzeugungen dem Zeitgeist entsprechen“, spitzt Alexander John die Folgen so einer Interpretation zu.

„Bei Arndt war es aber vor allem der patriotische Kreis um Friedrich-Ludwig Jahn, Hermann von Boyen, August Neidhardt von Gneisenau und Friedrich Schleiermacher, die da sehr speziell auffielen. Heute würde man dazu wahrscheinlich ,Flügel‘ sagen.“

Geht die LVZ wenigstens auf dieses historische Umfeld ein?

Nicht einmal ansatzweise. Lieber warnt die Zeitung – mit Arnold – davor, „mit der Arndtstraße einen Präzedenzfall zu schaffen.“ Und zitiert dann Arnold: „Denn nach dieser Logik müssten auch andere Straßen umbenannt werden – die Fichtestraße, Scharnhorststraße, Gneisenaustraße, Gustav-Freytag-Straße, Lützowstraße, Körnerstraße, die Jahnallee sowie viele andere mehr.“

Die Umbenennung trifft tatsächlich einen sensiblen Punkt. Den übrigens in der DDR-Zeit auch Autor/-innen wie Christa und Gerhard Wolff oder Günter de Bruyn aufgriffen, als sie die Rezeption der Romantik zu ihrem Thema machten und gegen das ganze nationalistische Schnedderedeng der SED mit ihrer Idolisierung von Arndt, Scharnhorst, Gneisenau oder Jahn anschrieben.

Mit Straßenbenennungen bekennt man sich nun einmal auch zum Geist der gewürdigten Personen. Gut möglich, dass einige Bewohner der Arndtstraße sich mit Arndt identifizieren können. Viele andere aber können es nicht. Geschichte hört nun einmal mit der Straßenbenennung nicht auf. Jede Generation versichert sich aufs Neue, ob sie sich mit der Benennung noch identifizieren kann. Oder ob man nicht inzwischen so weit ist, dass man Leute wie Arndt nicht mehr akzeptabel findet.

Der Stadtrat tagte: Der Süden bekommt eine Hannah-Arendt-Straße + Video

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