Der Ortschaftsrat Mölkau wurde 2002 nicht erhört. Und was sich Stadtverwaltung und Stadtrat damals dachten, als sie das Stadtgut Mölkau verkauften, nachdem zuvor Millionen DM hineingesteckt worden waren, um ein vom bfb betreutes Stadtgut draus zu machen, ist auch nicht mehr herauszubekommen. Als Ortsvorsteher Klaus-Ruprecht Dietze am 9. Februar in der Ratsversammlung einen Brief des Ortschaftsrats aus dem Jahr 2002 vorlas, war das auf jeden Fall der emotionale Höhepunkt der Debatte um das „Wie nun weiter?“

Denn dass der Verkauf der Stadt sämtliche Handlungsoptionen aus der Hand genommen hat, ist mittlerweile allen Beteiligten klar. Und auch wenn Burkhard Jung betont, dass 2002 „eine andere Zeit“ war, in der sich die Stadt „in einer anderen Situation“ befand, bleiben die Fragezeichen über diesem Verkauf.Denn im Grunde ging es vorrangig um die schnellstmögliche Abwicklung des bfb, jenen einst riesigen Betrieb für Beschäftigungsförderung, der nicht nur tausenden Leipziger/-innen zeitweilig eine sinnvolle Arbeit verschaffte, sondern auch einige Projekte in der Stadt verwirklichte, die damals weit über die Stadt hinaus Beachtung fanden.

Denn einen solchen stadteigenen Bauernhof, auf dem die Stadtkinder echte Tiere und echte Bauernwirtschaft erleben konnten, hat kaum eine Großstadt. Für viele Leipziger/-innen war es ein beliebtes Ausflugsziel. Man besuchte Gutsladen und Gaststätte. Und für Mölkau selbst war der Musterhof quasi der Dorfmittelpunkt und identitätsstiftend.

Und dazu kam: Damals war die Einheit von Gutshof und Gutspark noch erlebbar. Mit dem Verkauf des Stadtgutes wurde beides auseinandergerissen. Und der Gutspark Zweinaundorf verlor seine wichtigsten Raum- und Wegebeziehungen.

Ortsvorsteher Klaus-Ruprecht Dietze. Foto: Videostream der Stadt Leipzig, Screenshot: LZ
Ortsvorsteher Klaus-Ruprecht Dietze. Foto: Videostream der Stadt Leipzig, Screenshot: LZ

Die Petition von Klaus Helmuth Tiltack brachte das auf den Punkt. Und gleich drei Stadträt/-innen nahmen sich des Themas an, um noch ein paar weitergehende Forderungen zu stellen. Denn dass die Stadt mit ihrer Stellungnahme zur Petition ihre beschränkten Handlungsmöglichkeiten betonte, reicht eigentlich nicht aus. So kann man zwar die denkmalgeschützten Teile des Wäldchens durch forstliche Eingriffe wieder betonen. Aber mehr kann man an dem Wäldchen nicht machen. Eben weil es unter Denkmalschutz steht.

Etwas, was umso mehr auffällt, weil das eigentlich auch für das Gutshaus und das dazugehörende Gelände zutrifft, die die Stadt vor 20 Jahren verkauften und die aus Sicht von Stadträtin Siegrun Seidel (CDU) den Eindruck machen, dass sie schlicht dem Verfall preisgegeben sind oder das alte Herrenhaus gar zum Spekulationsobjekt zu werden droht.

Zusammen mit Anja Feichtinger (SPD) und Beate Ehms (Linke) hatte sie einen eigenen Antrag gestellt, der noch deutlich mehr Punkte aufführte als die ursprüngliche Petition. Darunter auch die Aufforderung an die Stadt, mit der Eigentümerin des Gutshauses Gespräche über einen möglichen Rückkauf des Gutes aufzunehmen.

Was wird aus dem Gutshausensemble?

„Die Stadt Leipzig tritt mit der Eigentümerin des Stadtguts Leipzig in Mölkau in Kontakt, um die Entwicklungsplanungen des privaten Geländes und der bestehenden Gebäude zu klären und tritt mit der Eigentümerin in ergebnisoffene Verhandlungen, mit dem Ziel, zukunftsfähige Lösungen zu finden“, heißt es in ihrem neu gefassten Antrag.

Und: „Die Stadt Leipzig erarbeitet ab dem Jahr 2023 ein Entwicklungskonzept unter frühzeitiger Bürgerbeteiligung für die städtischen Flächen des Stadtgutes und -waldes Mölkau. Dazu ist es erforderlich, dass noch im Jahr 2022 eine denkmalpflegerische Zielstellung als Grundlage für das Entwicklungskonzept erarbeitet wird. Auf Basis einer bis spätestens Ende 2024 vorliegenden Kostenschätzung werden die erforderlichen Mittel in den Doppelhaushalt 2025/26 eingestellt.“

Letzteres ist durchaus machbar, sodass wenigstens das Wäldchen in seiner historischen Struktur wieder erlebbar wird.

Die Aufnahme des Kontakts zur Eigentümerin ist offen. Das Liegenschaftsamt selbst hatte formuliert: „Es besteht kein kommunaler Zugriff auf die im Privateigentum stehenden baulichen Anlagen des Stadtgutes Mölkau. Auch wenn eine Nutzung im Sinne der Antragstellerinnen begrüßenswert ist, sind die kommunalen Einflussmöglichkeiten hierbei stark eingeschränkt. Solange von den baulichen Anlagen keine Gefahr für die Allgemeinheit ausgeht, kann die Eigentümerin nur im gemeinsamen Dialog für eine aktivere Bewirtschaftung des Stadtgutes Mölkau und der angrenzenden Pachtflächen sensibilisiert werden.“

Das ist aber zu wenig. Und es tröstet den Ortschaftsrat nicht, der schon 2002 frustriert im Regen stehen gelassen wurde und 2012 noch einmal völlig ignoriert wurde. Denn bis dahin hatte Leipzig auch noch ein vertraglich vereinbartes Rückkaufrecht für das Herrenhaus:

„Ein Rückkauf des Stadtgutes Mölkau würde die Verkaufsbereitschaft der Eigentümerin voraussetzen. Ein für den Zeitraum von 10 Jahren vertraglich vereinbartes Wiederkaufsrecht ist bereits im Jahr 2012 ausgelaufen und stellt daher keine Handlungsoption dar.“

Aber man will es wenigstens versuchen, so das Liegenschaftsamt: „Das Liegenschaftsamt wird bezüglich eines möglichen Ankaufs der privaten Teilflächen des Stadtguts Mölkau Kontakt zur Eigentümerin aufnehmen.“

Und das ist nicht nur erkennbar guter Wille. Seit dem 9. Februar ist es auch Stadtratsauftrag, denn sowohl der Vorschlag des Petitionsausschusses bekam die klare Mehrheit in der Ratsversammlung als auch der gemeinsame Antrag von Anja Feichtinger, Siegrun Seidel und Beate Ehms. Anders als ein AfD-Antrag vor einem Jahr, der ohne Abstimmung mit der Verwaltung verfasst worden war und Dinge forderte, die im denkmalgeschützten Gutspark überhaupt nicht umgesetzt werden dürfen.

Darüber klärte Anja Feichtinger den AfD-Stadtrat Beyer dann auch beinahe mütterlich auf. Vielleicht hat sie die Hoffnung nicht aufgegeben, dass die hellblaue Rechtsaußen-Fraktion irgendwann lernen würde, nicht immer nur ihr eigenes Spiegelbild im Wasser zu bewundern.

Die Debatte vom 9. Februar 2022

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