Wie wird Leipzig zu einer nachhaltigen Stadt? – Auftaktveranstaltung für eine „Zukunftswerkstadt“ am 29. Mai

Den 29. Mai kann, wer Lust hat, sich über diese seltsame Stadt am sächsischen Westrand ein paar Gedanken zu machen, vormerken im Kalender. Es ist ein Dienstag. Und die Stadt lädt ein in die Kongresshalle, konkret in den Händelsaal. Ab 19 Uhr darf man rein und schon mal die Fühler ausstrecken, 19.30 Uhr beginnt die Auftaktveranstaltung für ein Leipziger Zukunftsprojekt. Motto: Leipzig weiter denken.
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Das ist nicht neu. Das war auch schon vor 14 Jahren Thema im Leipziger Agenda-Prozess. Aber es geht einer Stadt wie jeder richtigen Familie: Die Tagesprobleme drängen sich vor, sind wichtiger, sorgen für Zoff am Abendbrottisch. Wollen erst mal gelöst sein. Und dann.

Dann ist gar nichts. Denn diese Art Probleme hören nie auf. Straßen sind löcherig, Schulen kaputt, Kitas fehlen. Sanierungsstau: irgendwo jenseits der 1 Milliarde. Ehe Leipzig damit fertig ist, hat es verpasst, die richtigen Weichen zu stellen.

Denn teuer wird es, wenn man Zukunft nicht vordenkt und nachhaltig gestaltet. Stichwort Klimawandel, sagt Burkhard Jung, OBM von Leipzig. Stichwort Energiewende. Stichwort: Verkehr der Zukunft.

Nicht zu vergessen: 2020. Da muss Leipzig zum ersten Mal in seiner jüngeren Geschichte einen Haushalt aufstellen, in dem die bisherigen Zuweisungen aus dem Solidarpakt fehlen. „Auf eigenen Füßen stehen“, sagt Jung. Heißt: Leipzig muss einen nachhaltigen Haushalt hinbekommen. Nur wie? – Einfach nur Sparen bringt nichts. Da braucht man nur nach Griechenland zu schauen. Das führt geradezu in die Depression. Neues Geld reinholen? – Aber woher?

„Wir hatten Glück“, sagt Jung. „Ich hatte sowieso schon eine Zukunftsreihe geplant, in die ich alle Dezernate einbinden wollte.“ Da flatterte das Schreiben aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) auf den Tisch. Das lud zur Bewerbung um das Projekt „ZukunftsWerkStadt“ ein. „Haben wir natürlich mitgemacht“, sagt Jung. „Hatten wir doch schon einen Zeitvorteil.“

Was Leipzig in die Gewinnerrunde brachte: 16 Kommunen bekamen den Zuschlag. Und 250.000 Euro für die Werkstatt, die eine Werkstadt sein soll, weil man auch in Berlin begriffen hat: Wenn Deutschland zukunftsfähig werden will, braucht es praktikable Projekte, die in den Kommunen schon gezeigt haben, dass sie funktionieren.

„Ich hatte gleich zehn Ideen“, sagt Jung. War natürlich zu viel.

„Sieben haben wir eingereicht“, sagt Stefan Heinig, Abteilungsleiter Stadtentwicklungsplanung. „Und das BMBF legte uns trotzdem dringend ans Herz, die Zahl einzudampfen.“ Immerhin sollen im Frühjahr 2013 Ergebnisse vorliegen. Das ist nicht viel Zeit. Erst recht nicht mit Bürgerbeteiligung. Auf vier Themenfelder hat sich die Verwaltungsspitze geeinigt. Die, die sowieso schon drängen. „Und die vor allem versprechen, echte Lösungen zu ergeben“, sagt der OBM.Die Veranstaltung am 29. Mai ist die Startveranstaltung. Sie soll die Bürger einführen in das nachhaltige Denken der Stadtzukunft: Wie wollen wir leben? Wie müssen wir wirtschaften? Wie können wir die Umwelt bewahren? Und die soziale Balance, das Miteinander der Generationen, die Teilhabe an Mobilität?

„Enkeltauglich machen die Stadt“, sagt Jung. Der stolz ist auf die zurückliegenden sechs, sieben Jahre, in denen Leipzig weiter gewachsen ist. Um 25.000 Einwohner. Die Geburtenrate stieg. Der Zuzug hielt an. Die jungen Leute haben die Stadt jünger gemacht und die Innenstadtquartiere gefüllt. Doch auch das ist kein Selbstläufer: Wie sichert man die Attraktivität der Stadt künftig?

„Das will ich auf keinen Fall vom grünen Tisch aus festlegen“, sagt Burkhard Jung, der sich so langsam auch warm läuft für den OBM-Wahlkampf im Januar 2013. Da wird Nachhaltigkeit im Wahlkampf eine Rolle spielen, wenn die Kandidaten die Bewerbung ernst nehmen.

Wie groß das Thema längst ist, wird am 29. Mai Prof. Harald Welzer erzählen, einer der wichtigsten deutschen Sozialpsychologen und Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Autor von Büchern wie „Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird“ und „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“. Und mit Klaus Wiegandt: „Perspektiven einer nachhaltigen Entwicklung: Wie sieht die Welt im Jahr 2050 aus?“

Schon wegen Welzer lohnt sich der Termin.Jung ist sich sicher, dass die Leipziger mitdiskutieren. „Das Bewusstsein für diese Themen hat sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt.“ Und weil man auch gelernt hat, wie Bürgerbeteiligung besser funktioniert als mit den „üblichen zwölf Engagierten“, wird es neben den vier großen Themen-Foren auch mehrere Werkstätten geben, zu denen auch – per Zufallsverfahren – Leipziger hinzugeladen werden, die nicht zu den üblichen Expertenkreisen gehören. „Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht“, sagt Ralf Elsässer, Verantwortlicher des Leipziger Agenda 21-Prozesses. „Wenn es nur um ein, zwei Veranstaltungen geht, sind die Leipziger gern bereit, sich die Zeit ans Bein zu binden.“ Und die üblichen Experten bekommen ein Korrektiv – können direkt mit Leuten diskutieren, die zwar als „Amateure“ an die Sache gehen, am Ende aber auch Betroffene sind.

In den Werkstätten sollen konkrete Projekte entwickelt werden, die tatsächlich auch umgesetzt werden können. Und dritte Diskussionsebene wird die Website „weiterdenken.leipzig.de“ sein, wo es alle Informationen zu Foren und Werkstätten gibt – und die Möglichkeit, sich jederzeit mit Diskussionsbeiträgen einzubringen.

Das große Ziel: Im März 2013 ein fundierter Ergebnisbericht mit Handlungsansätzen und Lösungsvorschlägen, der dem Stadtrat vorgelegt wird. „Mal sehen, was der dazu sagt“, sagt Jung. Kann ja auch sein, dass die Werkstätten auch endlich Lösungen wieder auf den Tisch bringen, die in den letzten Jahren im Alltagsgalopp außer Sicht geraten sind.

Die vier Foren in der Übersicht:

3. Juli, 19:30 Uhr, im Museum der Bildenden Künste (Museumshalle im ersten Obergeschoss): „Leben und Wohnen aller Generationen: Wie finden wir in unseren Stadtteilen zusammen?“

28. August, 19:30 Uhr, im Bayerischen Bahnhof: „Neue Energie für alte Häuser: Was bedeutet die Energiewende für unsere historische Bausubstanz?“

18. September, 19:30 Uhr, im Neuen Rathaus (Festsaal): „Nachhaltige Stadtfinanzen: Vor welchen Herausforderungen steht unsere Stadt?“

23. Oktober, 19:30 Uhr, – Ort wird noch bekannt gegeben -: „Mobilität der Zukunft: Wie werden wir uns im Leipzig von morgen bewegen?“

Und jedes Mal ist auch das Umweltforschungszentrum (UFZ) dabei, das seit über 20 Jahren Forschungen zum Thema Nachhaltigkeit betreibt. „Wir werden für den notwendigen Input sorgen“, sagt Prof. Dieter Rink. Denn nur wenn auch die Fakten stimmen, kommt die Diskussion ins richtige Gleis. Denn am Ende geht es auch – so Ralf Elsässer – um das Machbare.

http://weiterdenken.leipzig.de


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