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Koordinierungsstelle in der Leibnizstraße kümmert sich jetzt gezielt um kooperative Wohnprojekte in Leipzig

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    Mühsam nährt sich das Eichhörnchen. Mühsam kommt die Stadt Leipzig voran auf dem Weg zu einer Wohnungspolitik, die ihren Namen verdient. Am Mittwoch, 24. August, wurde mit viel Tamtam eine Website freigeschaltet mit dem imposanten Namen „Netzwerk Leipziger Freiheit“. Und Postkarten überfluten die Stadt: „Lust gemeinsame Träume zu bauen?“ Ist das was für Häuslebauer? - Nicht ganz.

    Es ist ein umgesetzter Auftrag des Stadtrates. Denn innerhalb des großen Paketes „Wohnungspolitisches Konzept“ sollte auch all das irgendwie Platz finden, was jenseits des klassischen Miet- und Wohnungsmarktes passiert. Da, wo es um bezahlbaren Wohnraum, andere Wohn- und Organisationsformen geht, hatte Leipzig bislang keine Konzepte, nur ein paar einzelne Projektansätze. Deutschlandweit bekannt etwa wurde die Arbeit des HausHalten e.V. oder die des selbstnutzer e.V.. Beides Projekte, die in einer Zeit geboren wurden, als es überhaupt noch um die Rettung von Bausubstanz ging oder die Nutzung der vielen Brachen oder die Bespielung leer stehender Gründerzeithäuser durch neue Gemeinschaftsformen.

    „Das ist in der Form heute alles nicht mehr möglich“, sagt Jens Gerhardt von der Koordinierungsstelle Netzwerk Leipziger Freiheit. Genau um die geht es bei der am Mittwoch freigeschalteten Seite mit dem eigentlich sehr bekannten Leipzig-Slogan. Darf man den denn einfach verwenden?

    Darf man, sagt Gerhardt. Das ist mit der Leipzig Tourismus Marketing GmbH abgeklärt, die den Slogan ein paar Jahre lang für ihre Kampagnen benutzt hat. „Aber eigentlich stammt der Spruch aus unserer Szene“, sagt Gerhardt. Tatsächlich griff das Leipzig-Marketing hier nur einen Aspekt aus einer Zeit auf, als beim selbstgestalteten Wohnen und Leben aufgrund des riesigen Leerstands fast alles möglich war. Da war „Leipziger Feiheit“ auch ein echtes Lebensgefühl für viele junge Menschen, die hier in Leipzig Träume verwirklichen konnten, die anderswo nicht mehr realisierbar waren.

    Aber genau das ist jetzt in Gefahr.

    Die Stadt verdichtet sich. Lücken werden bebaut. Aber auch die Pionierviertel der jüngeren Vergangenheit werden zunehmend saniert und in den Neuvermietungen steigen die Mieten. Die ersten Verdrängungseffekte sind überall sichtbar. Eigentlich wäre eine echte Reaktion der Stadt schon seit ein paar Jahren fällig gewesen. Genau das war ja der Dampf hinter der ganzen Diskussion um das Wohnungspolitische Konzept. Das, was jetzt hinter „Leipziger Freiheit“ steckt, ist ein Baustein, den sich insbesondere die Akteure aus dem Bereich des kooperativen Wohnens gewünscht haben. Bislang waren die Initiativen alle sehr zersplittert. Jeder kämpfte und beriet für sich.

    Da lohnte der Blick in andere Großstädte, die diese Koordination alternativer Wohnformen schon längst mit einer eigenen Koordinierungsstelle unterstützen. Auch weil sie wissen, wie wichtig solche Wohnprojekte für die gewünschte Vielfalt in der Stadt sind. Für einen dämpfenden Effekt auf die Mietpreise sowieso, denn kooperative Wohnprojekte haben ja nicht die Rendite im Sinn, sondern bezahlbares und auch gemeinsames Wohnen für alle Beteiligten.

    Die Frage war nur: Wer bezahlt diese Beratung? Denn die meisten dieser Vereine und Initiativen arbeiten ehrenamtlich. Da kann man nicht auch noch eine professionelle Erstberatung aufbauen.

    Deswegen hat der Stadtrat beschlossen, so ein Koordinierungsbüro auf die Beine zu stellen. Mit einem Teil der 1 Million Euro, die für die Umsetzung des Wohnungspolitischen Konzept bereitgestellt wurden, wurde das Büro jetzt an den Start gebracht. Die Arbeit aufgenommen haben Jens Gerhardt und zwei Kollegen schon im März. Zuerst haben sie alle Akteure ins Boot geholt, die sich in Leipzig mit kooperativen Wohnformen beschäftigen – den selbstnutzer e.V., den HausHalten e.V., den Haus- und WagenRat e.V., die Alternative Wohngenossenschaft Connewitz, den Arbeitskreis Integriertes Wohnen e.V. und die innova eG. Man sieht: Es gibt schon allerhand Akteure in Leipzig, die sich mit dem Thema beschäftigen.

    Bislang mussten interessierte (Bauherren-)Gruppen die Tour ablaufen, um vielleicht den richtigen Weg zur Verwirklichung ihrer Idee zu finden.

    Jetzt kommt das alles in eine Hand. „Wir sind quasi die Starthilfe“, sagt Gerhardt. Da man mit den Partnern direkt zusammenarbeitet, können die Interessenten auch gezielt weitervermittelt werden. Und auch wenn die Koordinierungsstelle, die ihren Sitz in der Leibnizstraße 15 hat, bislang noch nicht für sich geworben hat, sind trotzdem schon die ersten acht Wohnprojekte im Koordinierungsbüro aufgeschlagen. „Es gibt tastsächlich eine Menge Leipziger, die sehr großes Interesse an solchen kooperativen Wohnformen haben“, sagt Gerhardt.

    Doch wie genau sie ihr Projekt dann ausdefinieren, das unterscheidet sich oft genug deutlich. Manche brauchen Kontakt zu Architekten, die sich mit dem Thema auskennen, manche Kontakt zu einer Bank, die so ein Projekt auch versteht und finanziert, manche suchen auch einfach verfügbare Häuser und Grundstücke. Gerade die sind ja knapp geworden.

    Was jetzt auch die Stadt zu einem Pilotprojekt animiert hat: fünf Grundstücke und Häuser wurden erstmals unter der Klammer „Konzeptvergabe“ ausgeschrieben. Das heißt: Bewerber, die ein kooperatives Wohnprojekt planen, werden bei der Vergabe bevorzugt. Das passt noch nicht auf alle, gibt auch Heike Will, die amtierende Leiterin des Amtes für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung (ASW) zu. Aber deswegen sei es auch ein Pilotprojekt. Wirklich systematisch in die Offensive mit einem Bündel städtischer Liegenschaften (möglicherweise auch solcher der LWB) wolle man erst zum Jahreswechsel 2016/2017 gehen. Dann soll es einen Liegenschaftspool geben, der ausschließlich für kooperative Wohnformen reserviert ist.

    Richtig hört man heraus, dass es tatsächlich erst einmal um das kooperative Wohnen geht, vor allem um Bauherrengruppen, die sich zusammentun, um abseits der üblichen Wohnungsmarktmechanismen gemeinsam ihre Träume vom gemeinschaftlichen Wohnen verwirklichen wollen.

    Was noch nicht auf der Agenda steht, sind dann die wirklich ganz alternativen Wohnformen wie die Wagenplätze. „Das schaffen wir einfach noch nicht“, sagt Heike Will. „Das ist jetzt noch nicht dran.“

    Was sicher die Betroffenen, die gerade jetzt immer öfter mit den knapper werdenden Freiräumen konfrontiert sind, anders sehen. Zumindest hat Leipzig jetzt erstmals eine Koordinierungsstelle, die sich um einen wichtigen Baustein der Wohnungslandschaft kümmert und auch – wie Jens Gerhardt betont – Lobbyarbeit für das kooperative Wohnen in Leipzig machen will.

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