Mit Traktoren fordern Bauern am 18. Januar in Berlin wieder: Wir fordern eine Agrarpolitik für uns alle

Für alle LeserDie Grüne Woche war in der Vergangenheit immer der Ort, an dem sich die großen Bauernvorstände und die Landwirtschaftsminister gegenseitig feierten und der Öffentlichkeit das Bild einer heilen Dorfwelt verkauften, das schon seit Jahren nicht mehr der Wirklichkeit entspricht. Und mittlerweile haben auch die Bauern selbst von diesem verlogenen Bild die Nase voll. Diesmal werden etliche Bauern wieder mit Traktoren nach Berlin fahren. Einige auch richtig wütend darüber, dass sie für miese Rahmenbedingungen auch noch zum Buhmann der Nation gemacht werden.

Bauern und Bäuerinnen aus Sachsen starten am Freitag, 17. Januar, mit ihren Treckern nach Berlin. Dort wollen sie am Samstag, 18. Januar, zum zehnten Mal Seite an Seite mit Umwelt-, Tier- und Verbraucherschützern für eine grundlegend andere Agrarpolitik demonstrieren.

„Die bisherige Agrarpolitik der Bundesregierung hat zu einer Spaltung zwischen Bauern und anderen Teilen der Gesellschaft geführt. Jahrzehntelang sollten wir Bauern zu möglichst billigen Preisen produzieren und angeblich sogar die Welt ernähren. Der Schutz von Umwelt, Tierwohl ist dabei viel zu oft unter die Räder gekommen, und gleichzeitig haben wir Zehntausende bäuerliche Betriebe verloren, auch hier in Sachsen. Wir müssen raus aus dieser fatalen Sackgasse“, mahnt AbL-Sachsen Geschäftsführer Clemens Risse.

„Deshalb demonstrieren wir in Berlin für eine Agrarpolitik, die die unterschiedlichen Interessen wieder zusammenführen und den Landwirten dabei eine wirtschaftliche Perspektive unter Beachtung eines konsequenten Grundwasser-, Tier- und Klimaschutzes geben muss. Wir wollen mit einer gesellschaftlich akzeptierten Praxis und zu fairen Preisen unser Einkommen erwirtschaften, nicht gegen die Gesellschaft. Dafür fahren wir wieder nach Berlin“, erklärt Johann Franz, Bauer aus Dresden.

Deshalb haben sich die Bauern für die Demonstration etwas besonderes ausgedacht. Sie werden auf der Fahrt nach Berlin und zur Demonstration Tüten mit Kartoffeln verteilen um aufzurufen „doch bei den einheimischen Bauersleuten zu kaufen. Wir wollen damit ein Zeichen setzen wie wichtig und nachhaltig regionale Kreisläufe sind“, mahnt der Landessprecher der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Sachsen, Danilo Braun

Seit zehn Jahren demonstrieren in Berlin jeweils im Januar zum Auftakt der „Grünen Woche“ Bauern und Bäuerinnen zusammen mit vielen Tausend Verbraucherinnen und Verbrauchern unter dem Titel „Wir haben Agrarindustrie satt!“ für richtungsweisende Änderungen in der deutschen und europäischen Agrarpolitik.

AbL-Sprecher Clemens Risse erklärt: „Aktuell wird besonders heftig über den Entwurf der Bundesregierung für eine neue Düngeverordnung gestritten. Hier zeigt sich, wie fatal es ist, wenn Probleme über Jahre verschleppt werden. Dann kommen Verschärfungen und Bürokratieaufwand auf alle Betriebe zu. Wir fordern ein differenziertes und vorausschauendes Vorgehen.“

In einigen Regionen sei in der Vergangenheit zu viel Tierhaltung ohne ausreichende Fläche entstanden. Deshalb sei der Umbau der Tierhaltung in Richtung Tierwohl und Flächenbindung auch für den Wasserschutz wichtig. „Wir müssen die Ursachen der Probleme angehen, sonst landen wir in einem Wust an Einzelauflagen. Der Umbau der Tierhaltung kann aber nicht von den Betrieben allein finanziert werden, da ist die ganze Gesellschaft gefordert“, sagt Risse.

Ein entschiedenes Umsteuern fordert die Demonstration „Wir haben Agrarindustrie satt!“ in Berlin auch in der EU-Agrarpolitik. Hier stehen in diesem Jahr Entscheidungen für die kommenden sieben Jahre an.

„Wir wollen, dass mit den wichtigen Zahlungen der EU konkrete positive Leistungen der einzelnen Betriebe für den Natur- und Umweltschutz honoriert werden. Es ist nicht mehr zeitgemäß, einfach wie bisher pauschal für jeden Hektar Fläche eine einheitliche Direktzahlung zu geben“, erklärt Danilo Braun und macht es konkret: „Es muss sich in Zukunft für die Betriebe lohnen, die Fruchtfolge vielfältig zu gestalten, klima- und bodenschonende Eiweißpflanzen wie Erbsen und Ackerbohnen anzubauen oder den Einsatz von Düngung und Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren. Wer Kühe im Sommer täglich auf die Weide treibt und artenreiches Dauergrünland erhält, sollte dafür ebenfalls Zusatzpunkte bekommen. Wir fordern eine sozial gerechte und ökologisch positiv wirksame EU-Agrarpolitik.“

In Berlin werden die Treckerfahrer am 18. Januar ab 12 Uhr die jährliche Großdemonstration anführen, die am Brandenburger Tor startet. Vorher machen die Landwirte mit ihren Treckern um 10.30 Uhr noch halt am Auswärtigen Amt. Dort übergeben sie ihre Forderungen sowie eine Petition direkt an Bundesministerin Julia Klöckner als Vertreterin einer internationalen Agrarministerkonferenz, die zu diesem Zeitpunkt im Auswärtigen Amt stattfinden wird.

Die Demonstration wird von über 50 Organisationen aus Landwirtschaft, Verbraucher-, Umwelt- und Tierschutz, Entwicklungspolitik und Kirchen getragen, darunter auch die Bauernverbände Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), Bioland, Demeter, Naturland und Neuland. Die Bauern laden auch die Kolleginnen und Kollegen aus den klassischen Bauernbverbänden ein, sich ihnen auf dem Weg nach Berlin anzuschließen.

Ein sanftes Umsteuern hin zu einer artgerechten und umweltfreundlicheren Landwirtschaft

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