Es ist das 25te. Und Leipzigs Statistiker sind mächtig stolz: Seit 1991 geben sie jedes Jahr ein "Statistisches Jahrbuch" für die Stadt Leipzig heraus, jedes voller Zahlen, die einem alle schon irgendwie bekannt vorkommen, wenn man das 250-Seiten-Werk in die Hand bekommt. Immerhin stammen die meisten Zahlen aus dem Vorjahr. Und auch das scheint schon wieder Äonen her zu sein.

Lohnt es sich da noch, die alten Zahlen hervorzukramen? Augenscheinlich schon. Denn in vielerlei Weise sind es sogar die jüngsten Zahlen zur Stadt Leipzig. Manches stammt sogar noch aus den Jahren 2013, 2012, weil in manchen Bereichen die amtlichen Statistiker ewig brauchen, um irgendwie eine verlässliche Zahl für ihr Metier zusammenzubekommen – etwa zu Erwerbstätigen in Leipzig. Oder gar zum Bruttoinlandsprodukt, dem berühmten BIP.

Da merkt man schon, wie Leipzigs Statistiker wie auf heißen Steinen sitzen und dann kurz vor der eh schon stressigen Weihnachtszeit beschließen: Jetzt reicht’s. Jetzt geht das Jahrbuch ohne diese Zahlen raus. Dann gib es eben 2013 erst 2016. Sollen sich doch die Leute ärgern, die sich nicht ausmähren.

Trotzdem ist das neue Statistische Jahrbuch der Stadt Leipzig, das für 2015, natürlich wieder ein ziemlich genauer Wasserstandsanzeiger für das vergangene Jahr, das Jahr 2014. Und es unterscheidet sich heftig von dem, das Leipzigs Statistik-Amt 1991 herstellte, damals noch wahnsinnig stolz darauf, überhaupt wieder so ein dickes Zahlenwerk veröffentlichen zu können. Denn bekanntlich hatte es die DDR ja nicht so mit dem Veröffentlichen von Zahlen. Niemand sollte so richtig wissen, wie dreckig es Städten wie Leipzig tatsächlich ging, wo die Entwicklung stockte und was die Wirtschaft wirklich produzierte.

“Damals waren tatsächlich noch alle Dächer grau”, beschreibt Statistiker Peter Dütthorn das Cover-Foto von 1991. “Da sieht man schon, wie sehr sich Leipzig verändert hat.” Noch vielsagender ist die Grafik auf Seite 19 – die “Amtliche Bevölkerungsfortschreibung 1989”. Wobei das Wörtchen “amtlich” freut, mit dem Leipzigs Statistiker so leise andeuten, was sie von der ganzen ruckartigen deutschen Amtsstatistik halten: nicht viel.

Wachstum mit Brüchen: Die "Amtliche Bevölkerungsfortschreibung" für Leipzig als Grafik. Grafik: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen
Wachstum mit Brüchen: Die “Amtliche Bevölkerungsfortschreibung” für Leipzig als Grafik. Grafik: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen

Denn selbst diese Grafik zeigt, wie ruckartig sich die Zahlen verwandeln, wenn so etwas passiert wie der “Zensus 2011”, der Leipzig kurzerhand einfach mal 22.000 Einwohner kostete.

Ob sie vorher dagewesen sind, weiß kein Mensch. Was man weiß, ist nur, dass die amtliche Fortschreibung im Lauf der Jahre lauter kleine Fehler zu großen Fehlern aufsummiert. Das muss dann immer durch neue komplette Volkszählungen korrigiert werden – und wenn man dazu keine Lust hat oder nicht das benötigte Geld, dann macht man sowas wie den Zensus 2011, rechnet die Stichproben hoch und wundert sich hinterher, dass man wieder komische Zahlen bekommt, die auch diesmal nicht zu den amtlichen Einwohnerverzeichnissen passen.

Man könnte es auch anders machen – zum Beispiel wie in der Schweiz – und die ganze Bevölkerung endlich elektronisch vernetzen samt allen Anmeldungen zu Krankenkassen, Steuern, Führerscheinen und Blutbanken. Klingt zwar so, als wäre das prima zur Gangsterjagd. Aber wenn man ein wenig darüber nachdenkt, merkt man schnell, dass man dadurch eine Menge Bürokratie einsparen könnte, den Bürgern einen Haufen An- und Ummeldearbeit ersparen würde und wohl auch ziemlich genaue Zahlen darüber bekäme, wer wirklich alles in Deutschland, Sachsen oder Leipzig wohnt.

Aber in Deutschland läuft so manche Diskussion zum Persönlichkeitsschutz falsch, so dass  Ganoven und Datenkäufer mehr über die Bundesbürger wissen als die Behörden des Landes. Das ist nicht nur engstirnig, das ist brandgefährlich und hinterwäldlerisch.

Natürlich hat die Bevölkerungsstatistik in Leipzig seit 1989 noch ganz andere Dellen und Knicke – begonnen mit dem gewaltigen Bevölkerungsschwund, der eigentlich schon vor 1989 begann (“Wir wollen raus!”), aber mit der deutschen Vereinigung erst so richtig Fahrt aufnahm und die Bevölkerungszahl von 530.010 im Jahr 1989 auf 437.101 abstürzen ließ. Das waren trübe Jahre, bedrückende Jahre und nur das Label “Boomtown” tröstete die verbliebenen Leipziger darüber hinweg, dass ihre Stadt eigentlich ausblutete. 1999 gab es ja dann bekanntlich die große Eingemeindungswelle, die das Stadtgebiet aufblähte und die Bevölkerungszahl wieder Richtung 490.000 brachte. Aber dahinter begann ja so klammheimlich das echte Bevölkerungswachstum wieder, so heimlich, dass es selbst die Leipziger Stadtspitze erst 2005 so richtig merkte, als man auf einmal wieder über 500.000 war.

Ob man wirklich drüber war, weiß kein Schwein. Wenn der Zensus 2011 Recht haben sollte (und man darf bezweifeln, dass er Recht hatte), dann war der Weg bis zur 500.000 noch weit. Aber es sah in offiziellen Statistiken schon richtig gut aus. Und es verkündete einen dramatischen Wechsel in der Leipziger Entwicklung, denn bis dahin wurde die Stadt in aller Welt als Urbild einer “shrinking city” benannt, als schrumpfende Stadt.

Eigentlich hat sich daran in den letzten zehn Jahren nicht viel geändert. Noch immer benehmen sich Stadt- und Landespolitik so, als könnte der Rausch des rasanten Bevölkerungswachstums über Nacht wieder vorbei sein. Man zögert und zaudert bei den notwendigsten Investitionen, hat erst einmal zehn Jahre beim Kita-Bau hinterher gekleckert, kleckert jetzt beim Schulbau hilflos hinterher und beginnt gerade beim Wohnungsbau richtig den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Darum kümmern wir uns extra. Das ist ein eigenes Thema, zu dem die Überschrift bestens passt: Viele schlechte Köche verderben den Brei erst richtig.

Und sichtbar wird das natürlich nach dem seltsamen Bruch, den der Zensus 2011 verursachte. Denn ab 2011 zog das Bevölkerungswachstum erst richtig an. Und die Statistiker wissen einfach nicht, warum das so ist. Die alten Bevölkerungsprognosen sind alle Makulatur – aber die neuen erweisen sich auch in Leipzig als reines Raten im Nebel: Woran liegt das, dass die Stadt derart wächst?

Ein paar Einzelfragen beantwortet natürlich das “Statistische Jahrbuch”. Dazu morgen mehr an dieser Stelle.

Tipp: Das Statistische Jahrbuch ist im Internet unter http://www.leipzig.de/statistik unter „Veröffentlichungen“ einzusehen. Es ist zudem für 25 Euro (bei Versand zuzüglich Versandkosten) beim Amt für Statistik und Wahlen erhältlich.
Postbezug:   Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, 04092 Leipzig
Direktbezug: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, Burgplatz 1, Stadthaus, Zimmer 228

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