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2015 war das Jahr des Gezeitenwechsels für prekäre, marginale und verliehene Jobs in Sachsen

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    700 Jobs weniger zum Jahresende 2015? Fast 5.000 im Jahresschnitt weniger? Kann das sein? - Sachsens Statistiker jedenfalls formulierten ihre Überschrift zur Beschäftigtenzahl 2015 mit einigem Stirnrunzeln: „Erwerbstätigenzahl im vierten Quartal 2015 fast unverändert – im Jahresdurchschnitt leichter Rückgang gegenüber Vorjahr“. Wie Zahlen doch trügen können.

    Jedenfalls, wenn man sie nur einseitig interpretiert.

    „Die Zahl der Erwerbstätigen in Sachsen war im vierten Quartal 2015 im Vergleich zum Vorjahresquartal fast unverändert. Im Jahresdurchschnitt gab es einen leichten Rückgang um 0,2 Prozent. Wie im Jahresverlauf wurde die Entwicklung auch im vierten Quartal 2015 von einem deutlichen Anstieg der Zahl der Arbeitnehmer ohne marginal Beschäftigte (im  Jahresdurchschnitt +1,4 Prozent bzw. knapp 22.000 Personen) geprägt.“

    So weit die erste Feststellung der Landesstatistiker. Aber natürlich stolpert man sofort über das Wort „marginal“, mit dem der ganze Klumpatsch von prekären Beschäftigungsmodellen bezeichnet wird, mit dem die deutschen Arbeitsmarktreformen vor und mit der „Agenda 2010“ die deutschen Arbeitsuchenden beglückt haben. Grundformel eigentlich immer: Fleißig rabotten für Geld, das zum Leben nicht reicht.

    Und in keinem anderen Bundesland wurden diese Jobmodelle so flächendeckend in den „Markt“ gedrückt wie in Sachsen. Und das sogar noch in Zeiten, als der Nachwuchs sich geradezu halbierte.

    Und: Das wäre munter so weitergegangen.

    Wenn nicht die SPD die Kraft gehabt hätte, mit dem Jahr 2015 endlich den Mindestlohn in Deutschland zum Durchbruch zu bringen. Und damit wenigstens einen Teil ihrer „Agenda 2010“ zu reparieren. An den eigentlichen Kern dieser Zumutung will auch die SPD nicht ran. Wo kämen wir da hin? Deutschland zu einem Land zu machen, in dem die Grundsicherung nicht mehr infrage gestellt wird und Menschen nicht am Elementarsten sanktioniert werden?

    Aber zumindest der Mindestlohn zeigt Wirkung. Er hat nämlich den größten Teil der schlecht bezahlten Jobs in Sachsen gesetzlich verunmöglicht. Sie werden nicht mehr ganz so miserabel honoriert, einige davon sind vom Markt verschwunden. Und etliche Billigheimer haben die Billigjob-Modelle auch in etwas menschenwürdigere umgewandelt.

    Was eine Wanderung verstärkt hat, die in der Statistik schon seit 2011 sichtbar war: Menschen, die bisher nur mit marginalen Beschäftigungen abgespeist wurden, konnten mehr und mehr in einkömmlichere Vollzeitjobs wechseln.

    Was zum Ergebnis hat, dass vor allem eine Art Job 2015 deutlich zurückging.

    Die Landesstatistiker dazu: „Im Gegensatz dazu setzte sich der starke Abbau bei marginaler Beschäftigung – hier besonders geringfügig Entlohnte – fort (im Jahr -9,1 Prozent bzw. rund 19.000 Personen). Außerdem sank die Zahl der Selbstständigen sowohl im vierten Quartal als auch im Jahresdurchschnitt.“

    Auch letzteres nichts Neues. Auch das ist seit 2011 spürbar: Tausende Betroffene, die nach „Hartz IV“ lieber „freiwillig“ in eine Selbstständigkeit wechselten, als sich von der Jobcenter-Bürokratie schinden und in völlig sinnfreie „Integrations“-Mühlen schicken zu lassen, haben den zunehmenden Hunger der sächsischen Wirtschaft nach Arbeitskräften nutzen können, um wieder in eine Festanstellung zu wechseln.

    Womit wir hier die beiden wichtigsten Reserven benannt haben, mit denen Sachsens Wirtschaft in den vergangenen drei, vier Jahren ihren wachsenden Fachkräftehunger noch decken konnte: die nicht ganz freiwilligen Selbstständigen und die ebenso wenig freiwilligen Mini-Jobber.

    Das hat auch bis 2015 die Tatsache kaschiert, dass Sachsen in einen ziemlich heftigen Fachkräftemangel hineinmarschiert. Seit 2010 sind die Ausbildungsjahrgänge halbiert. Die Kammerpräsidenten hatten schon vorher deutlich gewarnt. Auch dass sich Sachsen schon lange nicht mehr leisten kann, 10 Prozent jedes Jahrgangs ohne qualifizierten Schulabschluss ins Nicht-Arbeitsleben zu entlassen.

    Doch statt das Bildungssystem wieder so fit zu machen, dass die Quote mindestens halbiert wurde, hat die seinerzeit verantwortliche Regierung die Trendwende bei der Lehrereinstellung immer weiter verschleppt.

    Was logischerweise den Nachwuchsmangel noch weiter verschärft.

    Sachsens Statistiker wissen sogar sehr genau, wo die Umschichtungen im Arbeitsmarkt stattfanden.

    „Die Entwicklung der Erwerbstätigkeit in den einzelnen Branchen verlief unterschiedlich. Im Produzierenden Gewerbe gab es Rückgänge um rund 3.000 Personen, die sich aus einem Plus im Verarbeitenden Gewerbe und einem Abbau im Baugewerbe zusammensetzten.“

    Die Industrie hat also weiter Beschäftigung aufgebaut.

    Aber was ist im Baugewerbe los?

    Genau das, was oben beschrieben wurde: Hunderte Einzelkämpfer, die sich in den Jahren davor selbstständig gemacht haben, sind entweder in eine Vollanstellung gewechselt oder in den Ruhestand. Und das Ergebnis ist: Das Baugewerbe hat sachsenweit zum größten Rückgang an registrierten Betrieben geführt. Zwar haben 2015 insgesamt 876 Personen ein Baugewerbe neu angemeldet, aber gleichzeitig haben 1.472 ihren Baubetrieb abgemeldet. Satte 596 Bauunternehmen weniger. Und das bei einem Gesamtrückgang der Unternehmenszahl von 952.

    Da lohnt sich schon der Blick in die Statistik der Gewerbeanmeldungen.

    Das machen wir gleich, wenn wir noch Lust dazu haben.

    „Der Dienstleistungsbereich insgesamt blieb im Vergleich zu 2014 stabil – innerhalb dieses Sektors stand jedoch einem  Zuwachs im Handel, Verkehr, Gastgewerbe sowie Information und  Kommunikation ein Rückgang bei den Finanz- und Unternehmensdienstleistern (einschließlich Grundstücks- und Wohnungswesen) gegenüber“, schreiben die Landesstatistiker.

    Was dann die Quelle Nr. 3 zur Befriedigung des zunehmenden Fachkräftemangels in Sachsen beschreibt. Denn hier stecken die Leiharbeiter mit drin, die mittlerweile ebenfalls als goldenes Arbeitskräftereservoir für echte betriebliche Anstellungen entdeckt wurden.

    Und der Vergleich im Bundesmaßstab: „Deutschlandweit wuchs die Erwerbstätigenzahl im vierten Quartal 2015 im Vergleich zum Vorjahresquartal um ein Prozent sowie im Jahresdurchschnitt um 0,8 Prozent. In den alten Ländern (ohne Berlin) stieg die Zahl der Erwerbstätigen im vierten Quartal um 1,1 Prozent und im Jahresdurchschnitt um 0,9 Prozent. In den fünf neuen Ländern war sowohl im vierten Quartal (-0,1 Prozent) als auch im Jahresdurchschnitt (-0,3 Prozent) eine rückläufige Entwicklung zu verzeichnen.“

    Und da wären wir beim Eingemachten, vor dem die etablierten Landesregierungen genauso die Augen verschließen wie die Neulinge von der AfD: Nicht der Westen wird jetzt in einen heftigen Fachkräftemangel laufen, sondern der Osten.

    Der eigene Nachwuchs aus den seit 1993 halbierten Geburtsjahrgängen reicht nicht hinten und nicht vorne, den Bedarf der eh schon geschrumpften Wirtschaft zu decken. Das hat zwar schon dazu geführt, dass die Abwanderung junger Leute in den Westen aufgehört hat.

    Aber das führt trotzdem weiter dazu, dass gerade kleinere Unternehmen in den ländlichen Regionen als erste merken, dass nichts mehr geht: Der ausbildbare Nachwuchs verschwindet in die Großstädte. Rein theoretisch könnten all die tausenden Flüchtlinge, die jetzt auch in ostdeutsche Provinzen kommen, eine Chance sein, die Lage etwas zu stabilisieren. Aber die Botschaft wird augenscheinlich in den Landkreisen selten bis nie erzählt.

    Wohin geht die Reise?

    Wir haben die Gewerbeanmeldungen erwähnt. Eine Statistik, die das ganze Drama erst richtig deutlich macht.

    Also machen wir es gleich. In wenigen Minuten an dieser Stelle.

    Die komplette Meldung zur Erwerbstätigenzahl 2015 aus dem Landesamt für Statistik.

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