Es liegt nicht nur am ausufernden Konsum, wie gern behauptet wird. Und auch nicht daran, dass sich Haushalte mit Konsumentenkrediten übernehmen. Es liegt auch am Wesen einer Gesellschaft, die ganze Einkommensschichten in Einkommensarmut stürzt – und trotzdem die Abgaben und Beiträge immer weiter erhöht. Selbst an der steigenden Schuldnerquote zeigt sich, wie Deutschland auseinanderdriftet. Und wie Leipzig regelrecht auseinanderfällt.

Da hilft alle gute Konjunktur und Beschäftigungslage nichts, wenn die Einkommen nicht mal zum Begleichen der anfallenden Lebenskosten reichen. Was vielleicht ein paar Strategen in den neoliberalen Thinktanks und in den Wohlstandsetagen deutscher Parteien glauben, dass man von prekären Einkommen an Ende auch noch ein Leben finanzieren kann. Es funktioniert nicht. Bundesweit übrigens nicht.

Was neue Zahlen im SchuldnerAtlas von Creditreform belegen.

Die Überschuldung von Privatpersonen in Deutschland ist 2016 zum dritten Mal in Folge, und deutlicher als erwartet, angestiegen. Zum Stichtag 1. Oktober 2016 wurde für die gesamte Bundesrepublik eine Schuldnerquote von 10,06 Prozent (2015: 9,92 Prozent) gemessen. Die Überschuldungsquote übersteigt seit 2008 erstmals wieder die 10-Prozent-Marke. Damit weisen in Deutschland rund 6,85 Millionen Bürger über 18 Jahre nachhaltige Zahlungsstörungen auf.

Im Vergleich der Bundesländer verzeichnet Sachsen (9,89 Prozent; + 0,24 Punkte) neben Bayern (7,35  Prozent; + 0,24 Punkte) und Baden-Württemberg (8,34 Prozent; + 0,25 Punkte) den stärksten Anstieg der Schuldnerquote. Dennoch liegt der Freistaat weiterhin unter dem Bundesdurchschnitt und rangiert hinter Bayern, Baden-Württemberg und Thüringen auf Platz vier im Bundesländerranking.

In der Region Leipzig, dazu zählen die Stadt Leipzig, der Landkreis Leipzig, der Landkreis Nordsachsen sowie ein kleiner Teil des Landkreises Mittelsachsen, steigt die Schuldnerquote leicht auf 11,87 Prozent (Vorjahr 11,79 Prozent). Somit sind im Raum Leipzig rund 107.000 Menschen überschuldet oder weisen nachhaltige Zahlungsstörungen auf.

Immer mehr Leipziger rutschen in eine dauerhafte Verschuldung ab

Der Anstieg der Überschuldungsfälle beruht auch in diesem Jahr ausschließlich auf einer Zunahme der Fälle mit sogenannter „hoher Überschuldungsintensität“ (vereinfacht: juristische Sachverhalte). Die Zahl der Überschuldungsfälle mit geringer Intensität (vereinfacht: nachhaltige Zahlungsstörungen) nimmt weiterhin ab. Offensichtlich sind viele überschuldete Personen, die zunächst nachhaltige Zahlungsstörungen aufwiesen, in eine anhaltende Überschuldungskrise geraten.

Stadt Leipzig bleibt weiterhin Schlusslicht

Die Schuldnerquote der Stadt Leipzig ist in diesem Jahr erneut angestiegen. Mit einer Quote von 13,50 Prozent (2015: 13,33 Prozent) bildet die Stadt Leipzig sowohl in der Region als auch in Sachsen zum wiederholten Mal das Schlusslicht. Im Vergleich aller Großstädte über 400.000 Einwohner bleibt Leipzig eine der Großstädte mit dem höchsten Verschuldungsgrad in Deutschland und landet auf dem vierten Rang.

Die Schuldnerquote in Leipzig nach Ortsteilen 2016. Karte: Creditreform SchuldnerAtlas
Die Schuldnerquote in Leipzig nach Ortsteilen 2016. Karte: Creditreform SchuldnerAtlas

Arme Stadtviertel haben höhere Verschuldungsprobleme

Das Leipziger Stadtgebiet zeigt auch in diesem Jahr deutliche Spreizungen bei der Überschuldungsproblematik. Die Schuldnerampel steht im Osten und Westen der Stadt weiter auf dunkelrot. In Volkmarsdorf und Neuschönefeld liegt die Schuldnerquote mit 26,68 Prozent (2015: 26,59 Prozent) überdurchschnittlich hoch. Dahinter folgt, trotz eines Rückgangs um 0,67 Prozentpunkte, Lindenau mit einem Wert von 21,51 Prozent.

Am geringsten fällt, wie in den Vorjahren, die Überschuldung von privaten Verbrauchern in Mölkau und Baalsdorf aus. Hier liegt die Schuldnerquote bei 6,21 Prozent und damit deutlich unter dem Durchschnitt in der Region. Den größten Rückgang der Quote (minus 0,87 Prozentpunkte) verzeichnet im Stadtgebiet und der gesamten Region Leipzig Seehausen mit 12,01 Prozent.

Starke Unterschiede auch in Nordsachsen

Im Landkreis Nordsachsen ist die Schuldnerquote ebenfalls angestiegen und liegt in diesem Jahr bei 10,97 Prozent (2015: 10,53 Prozent).  Mit einer Schuldnerquote von 6,02 Prozent weist Schildau neben Mockrehna mit 6,31 Prozent die niedrigste Quote im Landkreis auf. Dabei verzeichnet Schildau einen minimalen Anstieg plus 0,02 Prozentpunkte und Mockrehna einen leichten Rückgang minus 0,07 Prozentpunkte. Den höchsten Rückgang im Landkreis gab es in Mügeln. Die Schuldnerquote sinkt um minus 0,86 Prozentpunkte auf 10,18 Prozent. Eine weiterhin hohe Schuldnerdichte herrscht in Torgau (12,64 Prozent), Beilrode (12,34 Prozent) und Delitzsch (11,42 Prozent).

Flickenteppich Landkreis Leipzig

Die Schuldnerquote im Landkreis Leipzig beträgt in diesem Jahr 9,94 Prozent (2015: 9,83 Prozent). Die niedrigste Schuldnerquote im Landkreis und der gesamten Region Leipzig wurde erneut in der Gemeinde Kohren-Sahlis mit 5,36 Prozent ermittelt. Die Gemeinden Narsdorf (5,72 Prozent) und Großpösna (5,91 Prozent) rangieren auf ähnlich niedrigem Niveau. Die höchste Schuldnerquote im Landkreis Leipzig zeigt sich, trotz eines leichten Rückgangs um 0,05 Prozentpunkte, in Böhlen (14,84 Prozent). Nach wie vor hoch bleibt die Quote in Wurzen (11,81 Prozent), Borna (11,64 Prozent), Kitzscher (11,32 Prozent) sowie Rötha (11,18 Prozent).

Wie ermittelt Creditreform die Zahlen?

Der Creditreform SchuldnerAtlas untersucht, wie sich die Überschuldung von Verbrauchern innerhalb Deutschlands kleinräumig verteilt. Überschuldung liegt dann vor, wenn der Schuldner die Summe seiner fälligen Zahlungsverpflichtungen auch in absehbarer Zeit nicht begleichen kann und ihm zur Deckung seines Lebensunterhaltes weder Vermögen noch Kreditmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Oder kurz: Die zu leistenden monatlichen Gesamtausgaben übersteigen dauerhaft die Einnahmen. Mit Hilfe der Schuldnerquoten kann die Überschuldung in ihrer geographischen Verteilung u.a. bis hin auf die Ebene von  Postleitzahlenbereichen dargestellt werden.

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