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Was die zunehmende Verdichtung der Stadt mit den unterschiedlichen Konflikten der Ortsteile zu tun hat

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    Für FreikäuferAm Montag, 28. August, haben Leipzigs Statistiker den neuen Quartalsbericht Nr. 2 / 2017 für Leipzig vorgelegt, zwölf Seiten dünner als die gewohnten Ausgaben. Vielleicht ist man ja schon im Bundestagswahlstress. Was nicht heißt, dass der Neugierige im neuen Heft nichts findet, was zum Nachdenken anregt. In der „Leipziger Zeitung“ haben wir ja gerade ein Blitzlicht auf die Eisenbahnstraße geworfen, die in einigen Medien ihren Ruf weg hat.

    Weil diese Medien meistens in Sparten denken: hier Ausländer, da Stadtumbau, dort Bildung, da wieder Arbeitslosigkeit usw. Jedes Thema schwimmt für sich. Und die größten Maulhelden unter den Moderatoren reden dann „von der gefährlichsten Straße Deutschlands“. Die Akteure vor Ort wehren sich gegen solche Zuschreibungen – zu Recht. Und sie bleiben trotzdem allein, denn die Stadtpolitik zieht sich fast immer nur auf die Position zurück: soziale Segregation gibt es in Leipzig nicht.

    Doch. Es gibt sie. Und sie ist in den Zahlen der Stadt ablesbar. Nicht nur bei Arbeitslosigkeit und SGB-II-Quote.

    Denn ein Effekt von niedrigen Einkommen ist auch: Die Betroffenen leben auf engerem Raum dichter zusammen. Mit 14.841 Einwohnern pro Quadratmeter hat nicht ganz zufällig der Ortsteil Neustadt-Neuschönefeld die höchste Einwohnerdichte in Leipzig. Das muss nicht zu Konflikten führen. Vergleichbar mit der extrem hohen Einwohnerdichte rund um die Eisenbahnstraße ist tatsächlich nur noch Gohlis-Mitte, das 2016 eine Einwohnerdichte von 12.810 Einwohner je Quadratkilometer erreichte. Das Leipziger Bevölkerungswachstum findet vor allem als Verdichtung statt: Der Leerstand schmilzt, Lücken werden bebaut, und vor den Häusern stehen mehr Autos.

    Was einen an die Klagen aus Altlindenau erinnert, wo man die verschwundene Stellplatzfreiheit arg vermisst. Was verständlich ist. Als dort 2006 nur 5.558 Menschen auf dem Quadratkilometer wohnten, gab es auch am Straßenrand noch Parklücken. Heute leben dort 7.191 Menschen auf dem Quadratkilometer – die Lücken sind weg und die überraschten Bewohner flehen zur Stadt, sie möge irgendwie Stellraum beschaffen.

    Seltsam, dass es solche Klagen aus Gohlis-Mitte nicht gibt.

    Es ist wirklich seltsam. Denn in Gohlis-Mitte (immerhin einer der Ortsteile mit der höchsten Beschäftigtenquote in ganz Leipzig), kommen 384 private Pkw auf 1.000 Einwohner – deutlich mehr als im aufgeregten Altlindenau, wo es nur 241 sind. In Neustadt-Neuschönefeld sind es übrigens nur 195. Es fährt ja die Straßenbahn quasi vor der Haustür.

    Die Einwohnerdichte in Altlindenau scheint hoch – gerade im Vergleich mit dem Leipziger Durchschnitt von 1.976.

    Aber mehrere innerstädtische Quartiere verdichten sich jetzt wieder auf einen Bestand, der bis zur großen Abwanderung in den 1990er Jahren für Leipzig normal war: 10.000 Einwohner auf dem Quadratkilometer. Das bedeutet – wie auch Planungsbürgermeisterin Dorothee Dubrau betont – mehr Reibungspunkte, Dichter-aufeinander-Hocken, Mehr-Rücksicht-nehmen-Müssen.

    Und das ist ein Lernprozess, der in einigen Ortsteilen sehr schnell ablaufen muss. Fast alle innerstädtischen Quartiere haben seit 2001 ein Bevölkerungswachstum von über 30 Prozent hingelegt. Spitzenreiter sind Plagwitz mit 77 Prozent und Lindenau mit 72 Prozent. Beide fallen nicht auf, stimmt: weder bei den Konflikten, die zuweilen handgreiflich auf den Straßen ausgetragen werden, noch beim Streiten um Autostellplätze. Es geht also durchaus auch anders.

    Aber das hängt eben auch mit einem Faktor zusammen, den Ruth Schmidt in ihrem Beitrag zu „Leipzigs Start in das dritte Jahrtausend“ ebenfalls beleuchtet (neben Einwohnerdichte, Durchschnittsalter, Ausländeranteil) – der Beschäftigungsquote. Denn hohe Beschäftigungsquoten bedeuten eben nicht nur höhere Familieneinkommen (und damit weniger finanzielle Ängste), sondern auch Sinnstiftung. Das wird man den Reformern der „Agenda 2010“ nie beibringen können. Die glauben bis heute, dass Menschen zur Arbeit gezwungen werden müssen.

    Aber tatsächlich finden Menschen über eine qualifizierte Arbeit nicht nur Bestätigung und sozialen Rückhalt, sie bekommen auch das, was Politiker so gern vergessen, wenn sie gängeln und vorschreiben: Souveränität über das eigene Leben. Souveräne Menschen suchen ihre Bestätigung seltener im Streit mit Nachbarn oder rivalisierenden Gangs. Oft haben sie dafür gar keine Zeit mehr.

    Mit 43,2 Prozent hat Neustadt-Neuschönefeld eine der niedrigsten Beschäftigtenquoten in Leipzig. Nur Volkmarsdorf kommt mit 37,6 Prozent noch drunter.

    Der Stadtdurchschnitt liegt übrigens bei 57,4 Prozent. Gohlis-Mitte kommt auf stolze 64 Prozent. Wirklich drüber kommen nur noch einige kleine Ortschaften am Stadtrand: Seehausen, Heiterblick, Althen-Kleinpösna. Was auch damit zu tun hat, dass es dort weniger Jugendliche gibt.

    Alles Zahlen, die schon zeigen, wie sich Leipziger Ortsteile schon längst auseinanderentwickeln, obwohl die Stadtpolitik so gern die Entmischung verhindern will. Und es reifen Konflikte, die zumindest so zu erwarten sind, wenn man die Dinge laufen lässt und nicht frühzeitig integrativ tätig wird.

    Denn die Einwohnerdichte und die hohe Arbeitslosenrate sind das eine. Aber die medienträchtigen gewalttätigen Auseinandersetzungen haben auch damit zu tun, dass besonders viele junge Leute unterwegs sind. Junge Männer, die nicht integriert sind, junge Frauen, die dann schnell mal zum Anlass von jugendlichen Streitereien werden. Und Neustadt-Neuschönefeld und Volkmarsdorf gehören mit einem Durchschnittsalter von etwas über 35 Jahren eindeutig zu den jüngsten Ortsteilen in Leipzig. Das kann man ignorieren und der Polizei überlassen. Oder man kann sich wirklich gute Integrationsprojekte überlegen, die die Bewohner dieser Ortsteile mitnehmen und nicht stigmatisieren.

    Aber oft hat man das Gefühl, die Leipziger Meinungsbildung erfolgt draußen am Stadtrand, in Ortsteilen wie Thekla oder Grünau-Siedlung, wo das Durchschnittsalter über 50 Jahre liegt und die genervten Einwohner am liebsten nur noch die Polizei beauftragen würden, sich um „die da“ zu kümmern.

    Gerade die konfliktreichen Ortsteile aber sind die wirkliche Herausforderung für die Stadt. Fast hätte ich geschrieben „und das Land“. Aber Sachsens Regierung interessiert sich dafür eigentlich immer nur, wenn sie irgendwelche polizeilichen Sonderzonen einrichten kann. Mit den Strukturentwicklungen der großen Städte, die derzeit nicht nur das komplette Bevölkerungswachstum im Freistaat generieren, sondern auch das Wirtschaftswachstum, beschäftigt man sich in der Ministerrunde eher nicht. Man könnte ja Antworten und Lösungen finden, die über das übliche „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ hinausgehen.

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