Quartalsbericht Nr. IV/2017

Dresden und Leipzig im Vergleich und was die Regierung hätte draus lernen können

Für alle LeserDer neue Quartalsbericht enthält auch einen Städtevergleich zwischen Leipzig und Dresden, was die Bevölkerungsentwicklung betrifft. Denn jahrelang lief die Entwicklung in den beiden sächsischen Großstädten fast parallel. Zeitweilig schien sogar Dresden davonzuziehen. Aber seit 2010 ist alles anders. Und irgendwie erklärt das zumindest ein wenig von der so schwer berechenbaren Bevölkerungsentwicklung in Leipzig.

Denn wenn man die Bevölkerung der nächsten Jahre hochrechnet, dann fließen viele Faktoren ein – Faktoren, die sich die Statistiker nicht einfach ausdenken können. Sie müssen die Zahlen nehmen, die ihnen die Register liefern – Zahlen zu zugezogenen Menschen und denen, die gleichzeitig wieder wegzogen, Daten zu Geburten und Sterbefällen.

Aber Zuwanderung ist nicht gleich Zuwanderung. Es macht riesige Unterschiede, ob die Menschen nur (noch) aus den angrenzenden Landkreisen kommen – wo aber weder in Dresden noch in Leipzig noch viel zu holen ist. Die nahen Landkreise sind regelrecht leergeräumt. 28 Jahre demografische Null-Politik im Freistaat machen sich auch hier bemerkbar. Das Land ist von jungen Menschen regelrecht entleert. Die leben schon lange in den Großstädten. Was dort zwar die Geburtenzahlen steigen ließ. Aber auch da täuschten sich die Statistiker 2016: Die Geburtenrate stieg nicht so steil an wie gedacht. Oder berechnet. Denn auch die Geburtenrate von 1,53 Kindern je Frau war ja berechnet, nicht ausgedacht. Aber es war eben kein langfristiger Trend. Der heißt eben nur 1,45 Kinder je Frau.

Und das hat Gründe – nicht nur in fehlenden Kita- und Schulplätzen, sondern auch im Fehlen von familientauglichen Arbeitsplätzen für junge Eltern.

Deswegen haben einige Politiker beim jüngsten Streik im Öffentlichen Dienst ja auch spürbar Luft geholt, weil die Forderungen nur zu berechtigt waren. Dass in Sachsen auch 28 Jahre nach der Einheit deutlich schlechter bezahlt wird als im Westen, ist nicht mehr zu erklären. Jedenfalls nicht, wenn gleichzeitig die bezahlbaren Wohnungen verschwinden und den jungen Berufsanfängern wieder nur befristete und/oder mies bezahlte Jobs angeboten werden, auf denen man keine ordentliche Familienplanung aufbauen kann. Was man augenscheinlich in jenen heiligen Höhen, wo sich die Karrieregewinner regelmäßig gegenseitig die Zuschläge und Bonifikationen zuschanzen, wohl nicht mehr begreifen kann.

Auch nicht, welche Folgen das für ein Land hat, wenn die jungen Berufsanfänger über zehn Jahre und oft noch länger in prekären Niederungen ausharren müssen und von arroganten Politikern dann immer noch gesagt kriegen, sie sollten doch dankbar sein.

Das hat mit der Zukunftsgestaltung für ein Land nichts mehr zu tun. Das ist neoliberaler Selbstbetrug.

Woher aber haben dann Leipzig und Dresen in den letzten Jahren überhaupt noch ihren Bevölkerungszuwachs generiert? Ein Aspekt kommt in der Auswertung, die Ruth Schmidt für den Quartalsbericht vorgenommen hat, natürlich nicht ins Bild: Die weite Ausstrahlung der beiden Großstädte über ihre direkte Umgebung hinaus. Denn man muss längst ganz Sachsen betrachten, wenn es um Schrumpfen und Wachsen geht. Und die Abwanderung aus der Lausitz und dem Erzgebirge in die Großstädte ist nach wie vor heftig in Gang.

Beleuchtet wird hingegen die Zuwanderung aus den neuen Bundesländern – davon profitiert Dresden seit 2016 praktisch gar nicht mehr. Gut möglich, dass die Demonstrationen von Pegida und die vielen fremdenfeindlichen Vorfälle gerade im Dresdener Raum hier für ein „No go“ gesorgt haben. In Leipzig ist die Zuwanderung aus den östlichen Bundesländern zwar auch zurückgegangen – aber es bleibt trotzdem noch ein positiver Saldo. Oder blieb. Es sind ja nur die Zahlen bis 2017.

Und seit 2014 auffällig ist, dass Leipzig besonders stark vom Zuzug aus den alten Bundesländern profitiert, ein Zuzug, der in Dresden seit 2014 keine positiven Effekte mehr zeitigt.

In beiden Städten wirksam ist hingegen der positive Wanderungssaldo aus dem Ausland. Was vor allem damit zu tun hat, dass es in Sachsen nicht wirklich viele Städte gibt, in denen Zuwanderung aus dem Ausland nicht auf massive Widerstände einer überforderten Stadtgesellschaft trifft.

In Dresden kam dann viele Jahre noch hinzu, dass dort mehr Menschen geboren wurden als Sterbefälle gezählt wurden. Die Stadt wuchs also auch aus sich heraus. Diesen Effekt hat Leipzig erst seit 2014, hat seitdem auch die Dresdner Geburtenzahl hinter sich gelassen.

Es sind also eine ganze Menge Parameter, die so eine Bevölkerungsentwicklung beeinflussen – steigt nur ein Faktor besonders stark an, kann das – wie 2016 geschehen – eine Prognose über die nächsten 14 Jahre deutlich verzerren.

Aber man kann auch nicht übersehen, dass 2013 im Gegenteil andere Parameter unterschätzt wurden – vor allem der starke und anhaltende Zuzug nach Leipzig. Bis 2013 fokussierten sich Leipzigs Statistiker stark auf die näheren Einzugsräume von Leipzig. Auch das war ein Lernprozess, zu begreifen, dass Leipzig deutlich weiter ausstrahlt als nur bis Torgau oder Borna, dass die Stadt auch deutschlandweit positiv gesehen wird. Gerade bei jungen Leuten.

Und das sorgt dann für das starke Wanderungsplus, das ja eigentlich kein Wanderungsplus ist, sondern ein Da-bleibe-Plus: Es bleiben viel mehr junge Menschen in Leipzig wohnen, wenn sie mit Ausbildung und Studium fertig sind, als vergleichbar in Dresden. Was nicht unbedingt nur mit der schönen Stadt, den Liegewiesen und Gastro-Meilen zu tun hat, sondern damit, dass es hier ein wachsendes Angebot für akademische Berufe gibt. Die IT-Branche in Leipzig ruft mittlerweile händeringend nach Leuten.

Und das tut sie auch, weil andere Parameter, die bislang für das Stadtwachstum wichtig waren, sich rapide zum Schlechteren verwandelt haben – insbesondere der immer weniger verfügbare bezahlbare Wohnraum für junge Familien.

An so einer Stelle wird sichtbar, wie sächsische Politik auf der ganzen Breite scheitert, weil sich ein Großteil der verantwortlichen Politiker seit zehn Jahren das Nachdenken über die demografischen Entwicklungen in Sachsen verkniffen hat. Oder es ist ihnen wirklich zu komplex, weil sie halt nur sächsische Nachwendeschulen besucht haben. Demografie ist ein hochkomplexer Vorgang, in dessen Zentrum eben nicht die Wahlergebnisse und Direktmandate in sächsischen Dörfern stehen, sondern die elementaren Lebensbedingungen junger Familien. Die entscheiden alles – auch die Wachstumszukunft einer Stadt und eines Landes.

Es verblüfft eher, wie unfähig die meisten maßgeblichen Politiker sind, das Thema überhaupt zu verstehen. Dabei wären Dresden und Leipzig – wie dieser Beitrag zeigt – gute Lernbeispiele gewesen, wenn man denn irgendetwas daraus hätte lernen wollen. Wollte man aber augenscheinlich nicht.

2019 muss Leipzigs Bevölkerungsprognose neu berechnet werden

 

QuartalsberichtBevölkerungsentwicklung
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Foto: Ralf Julke

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