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Kriminalität in den Köpfen und Wohnkosten jetzt schon Problemthema Nr. 2

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    Die meisten Ängste tragen wir nur im Kopf. Unser Gehirn ist eine echte Angstmach-Maschine, wenn man sie immerfort mit Erzählungen füttert von gefährlichen Ereignissen. Und wenn man Menschen fortwährend Angst macht, Blut, Horror und Skandal ruft, dann sehen sie nur noch diese Gespenster an der Wand. Auch das bestätigt die Leipziger Bürgerumfrage 2017. Wieder einmal.

    Aber woher das kommt, das sieht man nur, wenn man auch regelmäßig Medienkritik betreibt. Echte Medienkritik. Welche Nachrichten dominieren denn? Wer sucht sie aus und wie stehen sie eigentlich im Verhältnis zur Realität?

    Und was passiert mit Menschen, die in ihrer Medienblase nur noch mit alarmierenden Polizeimeldungen konfrontiert werden? Und es sind nicht nur die (a)sozialen Netzwerke, die mit Geschichten über Räuber, Mörder, Brandstifter die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und den Menschen das dicke fette Gespenst in den Kopf pflanzen, ihre Welt würde immer schlimmer und gefährlicher werden.

    Und es sind eindeutig immer mehr dieser Polizeimeldungen, die in vielen Medien dominieren, weil sie 1.) für viel Aufmerksamkeit sorgen und 2.) wenig Arbeit machen. Denn die Polizei liefert diese Meldungen ja frei Haus.

    Und es erstaunt, dass Leipzigs Statistiker im neuen Bericht zur Bürgerumfrage den Jahresvergleich nicht angestellt haben. Im Vorjahr haben sie das in der Rubrik „größte Probleme aus Bürgersicht“ noch getan und konnten aufzeigen, wie sich diese mediale Katastrophenberichterstattung in die Köpfe der Leipziger fräst.

    2011 lag das Problem „Kriminalität und Sicherheit“ nur für 41 Prozent der Leipziger auf Rang 1 aller Probleme in der Stadt – gleichauf mit dem Straßenzustand. Seitdem hat sich der Ton in vielen Medien verändert und verschärft. Mit dem Effekt, dass 2015 schon 49 Prozent der befragten Leipziger „Kriminalität und Sicherheit“ als wichtigstes Problem ansehen. Und 2017 ist der Wert jetzt auf 50 Prozent gestiegen. Man kann sich auf das Thema fixieren – aber dann sieht man nicht, was sich wirklich in der Stadt verändert. Und was für die Leipziger tatsächlich zum Problem wird.

    Denn das neue in der Befragung von 2017 war, dass jetzt das Thema Wohnkosten erstmals das Dauerthema Straßenzustand von Rang 2 in dieser „Hitliste“ verdrängt hat. 2011 benannten nur 11 Prozent der Leipziger die wachsenden Wohnkosten als Problem, 2016 waren es schon 21 Prozent und 2017 nun erstmals 28 Prozent.

    Da hat man dann die Worte von Ulrich Hörning, dem Verwaltungsbürgermeister, im Ohr, die Bürgerumfrage zeige ein Leipzig im Aufschwung. Aber an diesem Aufschwung haben nicht alle teil. Und viele verdienen nach wie vor nicht genug, um dem Aufschwung der Mietpreise folgen zu können. Und das ist eine sehr konkrete Angst, die die Bürgerumfrage auch extra thematisiert. Dazu kommen wir noch.

    Und auch die anderen Themen, wo Leipzig schlicht das Geld fehlt, um das Rennen mitzuhalten, schieben sich als wahrnehmbares Problem immer weiter in die Wahrnehmung der Bürger.

    2011 berührte das Thema der fehlenden Kindertagesstätten erst 5 Prozent der Befragten, 2016 waren es dann schon 15 Prozent und 2017 nun satte 21 Prozent. Eigentlich müsste man hier 24 Prozent hinschreiben, denn das ist der Umfragewert unter Frauen. Männer nannten das Thema nur zu 17 Prozent, sind also auch augenscheinlich deutlich seltener mit all den Themen konfrontiert, die mit Kindern zu tun haben.

    Augenscheinlich leben immer noch sehr, sehr viele Männer in Leipzig in einer reinen Männerwelt. Ihnen ist der Straßenzustand wichtiger als die Kindertagesstätten. Aber zu den Autos kommen wir natürlich auch noch.

    Es gibt auch verblüffende Aussagen wie die zu Schulen – denn das Problem wächst ja gerade. Leipzig hat derzeit viel größere Probleme beim Schulenbauen als bei den Kitas. Aber statt 15 Prozent wie im Vorjahr nannten diesmal nur noch 12 Prozent Schulen als Problem.

    Natürlich ist es immer eine Frage der Betroffenheit: Während Leipzigs Senioren das Thema Kriminalität mit 73 Prozent regelrecht befeuern und damit tonangebend werden in der Leipziger Stadtpolitik, geht ihnen das Thema Schulen mit 7 Prozent als Problem eher am Dings vorbei. Hier sind es nämlich die Eltern (35 bis 49 Jahre), die hier mit 23 Prozent ein Problem sehen.

    Der Blick ins Detail hilft immer. Während die Alten bei Wohnkosten eher weniger Probleme sehen, brennt das Thema den jungen Berufsanfängern und Familien auf den Nägeln. Über 34 bzw. 36 Prozent sehen hier Probleme. Der Leipziger Wohnungsmarkt macht gerade ihnen die Suche nach einer freien bezahlbaren Wohnung schwer.

    Und dann fällt die Armut ins Auge, 2011 mit 25 Prozent Nennungen noch eins der Megathemen, 2016 mit 16 Prozent schon weiter hinten zu finden. Doch 2017 stieg der Wert wieder auf 18 Prozent. Das heißt: Die Armut ist – trotz Wirtschaftsaufschwung – noch immer manifest und will einfach nicht verschwinden. Was natürlich mit den niedrigen Löhnen nach wie vor in vielen Branchen zu tun hat.

    Nur das einstige Superproblem Arbeits- und Ausbildungsplätze, das 2011 noch 26 Prozent der Befragten nannten, ist mittlerweile auf 6 Prozent Nennungen eingedampft. Da ist sie, die von Hörning genannte Boomtown, in der immer mehr Arbeitsplätze entstehen. Aber eben oft keine gut bezahlten. Das ist ja auch das Problem des Finanzbürgermeisters: Erst mit guter Bezahlung kommen auch die Steuern. Und fast jeder fünfte Leipziger hängt augenscheinlich immer noch in der Armutsfalle. Auch dazu gibt es noch ein extra Kapitel.

    Da ist dann zwar die Einschätzung der Finanzsituation der Stadt als Problem von 23 Prozent (2011) auf 5 Prozent (2017) deutlich zurückgegangen. Aber trotzdem bekommt Leipzig seine dringendsten Investitionen nicht gebaut. Was mittlerweile auch den ÖPNV betrifft. Den sahen 2011 erst 4 Prozent der Leipziger als Problem. Mittlerweile sind es 12 Prozent.

    Man sieht also selbst hier, wie das Wachstum der Stadt direkt in den Konflikt mit einer völlig unzureichenden Finanzausstattung führt.

    Und die Ausländer?

    Hatten wir nicht gerade die horrenden Zahlen zur „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“?

    Tatsächlich zeigt die Problemabfrage, wo dieses Thema aus Sicht der Leipziger tatsächlich steht. Nicht auf Rang 1, wie unsere Rechtspopulisten immer behaupten, sondern auf Rang 9 mit 15 Prozent Nennungen bei „Zusammenleben mit Ausländern“ – hinter (fehlenden) Parkplätzen, hinter Armut, hinter Sauberkeit von Straßen und Plätzen.

    Und hinter dem 2016 eingeführten Topos Fremdenfeindlichkeit (16 Prozent), denn vorher gab es nur den irritierenden Topos „Zusammenleben mit Ausländern“. Seit die Bürgerumfrage den Wert auseinandergenommen hat, ist klar, dass vorher viele Leipziger hier ihr Kreuz gemacht hatten, obwohl sie gar kein Problem im Zusammenleben mit Ausländern haben – aber sehr wohl sahen, dass andere Leute damit ein Problem haben (oder eins draus machen).

    Jetzt haben wir zwei Werte, von denen einer eindeutig sagt, dass Fremdenfeindlichkeit in Leipzig sehr wohl als Problem wahrgenommen wird.

    Was eben auch heißt, dass sich die eigentlichen Fremdenfeinde die ganze Zeit zu einer Größe aufblasen, die ihnen gar nicht zusteht. Das Land und die Stadt haben ganz andere Probleme. Aber da kann man eben nicht mit dem Finger auf den Mann mit der anderen Hautfarbe zeigen und behaupten, der sei schuld. Schuld sind hier die eigenen, immer so unschuldig dreinschauenden Politiker, die Probleme nicht angehen wollen oder das Geld lieber für den jüngsten Tag ansparen und damit Städte wie Leipzig bei den wichtigsten Investitionen heillos ausbremsen.

    Wohnungsbau gehört übrigens auch dazu. Und das haben wir auch schon 2011 geschrieben, dass das zum Problem wird. Es sind volle sieben Jahre drüber vergangen – ein belastbares Konzept liegt bis heute nicht vor. Zum Verdruss gerade der jungen Leipziger, die hier arbeiten und Familien gründen wollen.

    Was für eine vergeigte Politik.

    Also kommen wir jetzt im nächsten Teil zur Armut: Wenn ein Niedriglohn-Arbeitsmarkt immer weiter Armut in Leipzig produziert

    Leipziger Zeitung Nr. 60: Wer etwas erreichen will, braucht Geduld und den Atem eines Marathonläufers

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