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Meint das Berlin-Institut wirklich echte Teilhabe oder doch nur wieder den alten Spruch „Ohne Geld biste nix“?

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    Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles, könnte man in freier Interpretation nach Goethe sagen, wenn man das studiert, was das Berlin-Institut „Teilhabeatlas Deutschland“ nennt und am Donnerstag, 22. August, in Berlin vorgestellt hat. Das Original von Goethe klingt freilich so: „Nach Golde drängt, Am Golde hängt / Doch alles. Ach wir Armen!“ Als hätte er geahnt, was aus einem Land wird, in dem Geld Politik macht. Ziemlich notdürftige, wie man meinen könnte.

    Aber halten wir mit unserer Kritik nicht zurück. Es ist ja nicht die erste Studie, die sich mit ganz ähnlichen Daten herumschlägt. Andere rechnen dann Aufsteiger- und Absteiger-Regionen heraus, Chancen- und Investment-Risiken. Es läuft alles aufs Geld hinaus, denn immer wieder werden die regionalen Einkommen zur Grundlage genommen, die Steuereinnahmen der Städte, die SGB-II-Quoten und die Schulabbrecherquoten usw.

    Kann man Teilhabe-Chancen berechnen?

    Das Berlin-Institut meint: Ja. Wie gut die Menschen in Deutschland am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, hängt zu einem guten Teil davon ab, wo sie wohnen.

    „Besonders gut sind die Chancen in Baden-Württemberg, in Teilen Bayerns und im südlichen Hessen“, sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. „Nördlich davon bieten nur vereinzelte Regionen ihren Bewohnern vergleichbare Teilhabechancen, im Osten lediglich der berlinnahe Landkreis Dahme-Spreewald.“

    Drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung hängen die meisten ostdeutschen Regionen noch in vielen Bereichen zurück. In fast allen ländlichen Kreisen, aber auch in den meisten ostdeutschen Städten müssen die Menschen mit geringeren Teilhabechancen leben. Dieses Schicksal teilen sie aber mit den Bewohnern einiger westdeutscher Städte, vor allem im Ruhrgebiet, aber auch im Südwesten von Rheinland-Pfalz, im Saarland sowie in Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

    Die Einkommensverteilung in Deutschland. Karte: Berlin-Institut, Teilhabeatlas
    Die Einkommensverteilung in Deutschland. Karte: Berlin-Institut, Teilhabeatlas

    Das ist das Ergebnis der neuen Studie des Berlin-Instituts und der Wüstenrot Stiftung. Die Studie untersucht, welche gesellschaftlichen Teilhabechancen die 401 deutschen Landkreise und Kreisfreien Städte ihren Bewohnern bieten. Gemessen wurde die Teilhabe anhand einer Reihe von Indikatoren wie der Quote von Sozialleistungsempfängern, der Höhe der Einkommen, der Verfügbarkeit schneller Internetzugänge oder der Erreichbarkeit von Ärzten, Supermärkten und weiteren alltäglichen Dienstleistungen.

    Warum landet der Osten wieder im Loch?

    Im Ergebnis der Studie zerfällt die Republik in sechs Bereiche, die sich in ihren Rahmenbedingungen ähneln: drei städtische und drei ländliche „Cluster“ mit jeweils guten, mäßigen und geringeren Teilhabechancen. Die daraus erstellte Landkarte, eine Art „Teilhabeatlas“, zeige, „wo die gut versorgten und wo im Extremfall die ‚abgehängten‘ Regionen Deutschlands liegen“, so Stefan Krämer, stellvertretender Geschäftsführer der Wüstenrot Stiftung. „Deutlich erkennbar wird, wie wichtig eine differenzierte, diese Unterschiede aufgreifende Handlungsstrategie ist, gerade auch in der Politik.“

    Gute Teilhabechancen vor allem im Süden und der Osten am Abhang?

    Mittels einer Clusteranalyse hat das Berlin-Institut die Kreisfreien Städte und Landkreise in sechs Gruppen zusammengefasst, die ihren Bewohnern jeweils ähnliche Teilhabechancen bieten. Cluster 1 umfasst städtische und Cluster 4 ländliche Regionen, die ihren Einwohnern gute Teilhabechancen ermöglichen. Im städtischen Cluster 2 sowie im ländlichen Cluster 5 stehen die Menschen vor vereinzelten Hürden bei der gesellschaftlichen Teilhabe.

    Die Regionen, die sich im städtischen Cluster 3 sowie im ländlichen Cluster 6 befinden, bieten den Menschen die im bundesweiten Vergleich geringsten Chancen zur Teilhabe, meint das Berlin-Institut. Widerspricht sich aber in den Details, gerade was die Großstädte im Osten betrifft, die aufgrund ihrer dichten Infrastruktur, hochwertiger Studien- und Ausbildungsplätze eben doch Teilhabechancen bieten und deshalb für Zuwanderung aus allen Himmelsrichtungen attraktiv sind.

    Aber wir sind wieder in jener berühmten „Ist“-Kategorie, die auch in Studien von INSM und Bertelsmann usw. in der Regel heißen: „Daumen runter!“

    Das sind die nach wie vor niedrigen Durchschnittseinkommen – die auch im Vergleich niedrig bleiben,weil die Zuwächse in West und Ost immer wieder parallel verlaufen, sodass die westdeutschen Arbeitnehmer stets 20 bis 30 Prozent mehr Gehalt bekommen als die ostdeutschen.

    Was eben auch bedeutet, dass in der Region auch mehr konsumiert werden kann, die Städte höhere Steuereinnahmen haben, mehr investieren können und Vermögen aufgebaut wird. Und die Gutverdienenden sich dann eifrig im Osten einkaufen. Das ist – auch wenn alle das Thema eifrig umschiffen – augenscheinlich genau so gewollt: Reich bleibt reich. Und ein oder zwei neue Großbetriebe für den Osten ändern daran gar nichts.

    Logisch, dass dann auch eine Stadt wie Leipzig oder selbst Berlin, die beiden stärksten Motoren im Osten, in der niedrigsten Städtekategorie landen. „Ihr seid arm, also habt ihr auch weniger Teilhabechancen.“ Was natürlich Quatsch ist. Und etwa die nächste Frage nach sich zieht: Was muss man eigentlich verdienen, dass man als als auskömmlich finanziert gilt?

    Subjektive Wahrnehmung objektiver Bedingungen

    Aber wie nehmen die Menschen diese tatsächlichen Lebensbedingungen wahr – gleich, besser oder schlechter, als es die objektiven Zahlen erwarten lassen? Um die gefühlten Teilhabechancen mit den erhobenen Daten abzugleichen, sind die Studienautoren in 15 Regionen aus allen sechs Clustern gereist und haben insgesamt fast 300 Einzelinterviews und Gruppengespräche geführt: mit Bürgern und Politikern, mit Verwaltungsmitarbeitern, Wirtschafts- und Medienvertretern sowie mit Menschen, die ehrenamtlich oder hauptberuflich im sozialen Bereich arbeiten. Das Ergebnis ist zwar nicht repräsentativ, gibt aber einen guten Einblick in das Lebensgefühl vor Ort.

    Demografische Entwicklung in Deutschland. Karte: Berlin-Institut, Teilhabeatlas
    Demografische Entwicklung in Deutschland. Karte: Berlin-Institut, Teilhabeatlas

    „In den Gesprächen zeigte sich, dass die Menschen ihre Lebensbedingungen weitgehend realistisch einschätzen“, fasst Manuel Slupina zusammen, Mitautor der Studie: „Mit den Unterschieden bei den Teilhabechancen gingen sie recht nüchtern und pragmatisch um.“ Je nach Wohnort haben sie auch andere Erwartungen an ihr Umfeld. Die befragten Landbewohner sind sich meist des Nachteils bewusst, dass sie zum Arbeiten pendeln müssen und für manche Erledigungen auf die nächste größere Stadt angewiesen sind. Trotzdem äußerten sie, dass sie gern dort leben.

    Was die Wahrnehmung beeinflusst

    Haben Bewohner das Gefühl, dass sich ihre Region positiv entwickelt, schätzen sie ihre persönliche Lage eher optimistisch ein.

    „Gerade dort, wo die Menschen nach einer langen Durststrecke wieder einen Aufwärtstrend verspüren, blicken die Befragten meist positiv in die Zukunft“, so Slupina. Umgekehrt äußerten Befragte das Gefühl, abgehängt zu sein, wo sie den Niedergang als chronisch erleben und wenig Perspektiven sehen. Dabei sind es oft Veränderungen im unmittelbaren Umfeld, welche die Einschätzung prägen: Wenn der Dorfladen schließt oder das Krankenhaus auf der Kippe steht, empfinden viele dies als problematisch – selbst wenn sich die Region als Ganze positiv entwickelt.

    Ob auf dem Land oder in der Stadt, ob in einer Boom- oder Schrumpfregion, überall berichten Gesprächspartner von einer besonderen Bindung zu ihrer (Wahl-)Heimat. Wer sich einem Ort verbunden fühlt, ist eher bereit, sich zu engagieren und zur Verbesserung der Lebensbedingungen beizutragen. Zahlreiche Vereine, Bürgerbusse oder Dorfläden zeugen davon. In den besuchten ländlichen Regionen in Ostdeutschland stehen jedoch viele Befragte dem Gedanken, selbst die Initiative zu ergreifen, skeptisch gegenüber und glauben nicht, mit ihrem Einsatz etwas bewirken zu können. Missstände zu beheben sei Aufgabe der Politik.

    Die Rolle der Politik

    Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist, für „gleichwertige Lebensverhältnisse“ in allen Teilen des Landes zu sorgen.

    „Sie hat allerdings bis heute nicht definiert, wie Gleichwertigkeit überhaupt auszusehen hätte“, moniert Klingholz. Das mache es nahezu unmöglich, ungleichwertige Lebensverhältnisse zu benennen, geschweige denn, Gleichwertigkeit herzustellen.

    Ohnehin entwickeln sich die Regionen wirtschaftlich und demografisch sehr unterschiedlich und bringen oft grundlegend verschiedene Voraussetzungen mit.

    „Mit dem Versprechen von Gleichwertigkeit weckt die Politik Erwartungen, die sie nicht erfüllen kann“, so Klingholz: „Dies führt unweigerlich zu Enttäuschungen und weiteren Frustrationen.“

    Stattdessen solle sie die Realität anerkennen und ihre eigenen Möglichkeiten nüchtern einschätzen. Aufgrund der Vielfalt der Lebensbedingungen muss sie nach Lösungen suchen, die sich an den jeweiligen regionalen Möglichkeiten und Bedürfnissen orientieren, um den Menschen überall im Land eine gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

    Geld heckt Geld

    Das lassen wir einmal so stehen, weil die starke Geldkonzentration in Süddeutschland eben nicht bedeutet, dass dadurch für die dort Wohnenden mehr Teilhabe möglich ist. Bestenfalls erklärt sie, warum viele nördliche und östliche Regionen allein schon der Geldknappheit wegen auch ihre Infrastrukturen (Schulen, Bahnlinien, Krankenhäuser usw.) verloren. Und dass der Osten mal wieder so negativ auffällt, hat eben auch mit der Demografie zu tun, dem radikalen Bruch der alten Industrielandschaft ab 1990, in deren Folge zwei Millionen Ostdeutsche nach Westen und Süden abwanderten und die Geburtenrate abstürzte.

    Auch das wieder ein Ist-Zustand: Der Osten sieht so aus, weil es vor 30 Jahren zu diesem riesigen Bruch kam, der nie wirklich endete. Die „Angleichung der Lebensverhältnisse“ wurde den Ostdeutschen ja fast 30 Jahre wie eine Möhre unter die Nase gehalten.

    Am Ende bleibt gerade hier das Gefühl, nichts (selber) machen zu können, immerzu am Tropf zu hängen, eine politisch verordnete Ohnmacht, die auch über Fördersysteme und eine tatsächlich fehlende Gründerunterstützung betoniert wurde. So konzentriert sich natürlich und zwangsläufig alles auf die Großstädte, die wie Inseln in ausgeräumten Landschaften stehen, in denen sich auch Dorfläden und Handwerksbetriebe nicht mehr rechnen.

    Das bleibt hier einfach mal als Stachel stehen, weil es eben nicht um diffuse Teilhabe-Chancen geht, sondern um konkrete. Und da man ohne Geld nix ist in Germany, geht es auch um Geld. Und geldwerte Ideen für ein Land, in dem die AfD sich tummelt, weil Geld Politik macht in Deutschland. Und meistens ziemlich verkorkste.

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