Atypische Arbeitsverhältnisse lassen die Pro-Kopf-Arbeitszeit in Sachsen seit Jahren sinken

Für alle LeserWir haben 2018 schon wieder weniger gearbeitet. Haben wir? Wir jedenfalls nicht. Und Sie wahrscheinlich auch nicht. Bei keinem Thema wird so viel getrickst und geschummelt wie bei der Arbeitszeit. Das macht selbst die jüngste Statistik aus dem Statistischen Landesamt sichtbar. Auch wenn ganz forsch drüber steht: „1431 Stunden Pro-Kopf-Arbeitszeit –135 Stunden weniger als im Jahr 2000 und 13 weniger als im Vorjahr“.
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Haben die Gewerkschaften tatsächlich überall lauter Arbeitszeitverkürzungen durchgeboxt? Natürlich nicht. Es sind die Unternehmen, die klassische Arbeitsverhältnisse immer mehr aufsplitten in Beschäftigungshäppchen, aus denen dann „Leerlaufzeiten“ zunehmend herausgerechnet werden. Das ist bei befristeten Arbeitsverträgen genauso der Fall wie bei den immer mehr um sich greifenden Teilzeitverträgen.

Deswegen spiegelt sich in den dann offiziell abgerechneten Arbeitszeitstunden weder die real geleistete Arbeit noch die tatsächliche Arbeitszeit.

Das schimmert zumindest durch, wenn das Statistische Landesamt meldet: „Im Jahr 2018 betrug das durchschnittliche Arbeitspensum eines Erwerbstätigen in Sachsen 1.431 Stunden und verringerte sich im Vergleich zu 2017 um 0,9 Prozent bzw. 13 Stunden. Gegenüber dem Jahr 2000 zeigt sich ein Rückgang der Pro-Kopf-Arbeitszeit um knapp neun Prozent bzw. 135 Stunden je Person im gesamten Jahr bei einem gleichzeitigen Anstieg der Erwerbstätigenzahl um 2,9 Prozent.“

Und hier sehen auch die Statistiker eine Ursache dafür, dass die durchschnittlich berechnete Arbeitszeit sank. Denn: „Hauptursache für das geringer gewordene Arbeitsvolumen ist der deutliche Anstieg von Teilzeitbeschäftigung. Weitere Einflussfaktoren sind z. B. der Umfang von Nebenbeschäftigung, die Zahl der Arbeits- bzw. Feiertage sowie Ausfallzeiten beispielsweise durch Krankheit.“

Denn in die Statistik fließt nun einmal nur die abgerechnete Arbeitszeit ein. Und nach der Einführung des Mindestlohns in Sachsen wurde der Effekt noch verstärkt, denn viele der vorher existierenden Niedriglohnjobs wurden auch in Teilzeitjobs verwandelt: bessere Stundenlöhne, dafür kürzere Arbeitszeiten.

Noch viel stärker wirken sich freilich befristete Arbeitsverträge aus. Jeder zweite Berufsanfänger erlebt diese befristeten Anstellungen, die oft sogar nur Monate dauern.

Deswegen klingt es zumindest etwas schräg, wenn das Statistische Landesamt formuliert: „Die Pro-Kopf-Arbeitszeit in Sachsen lag 2018 um 41 Stunden über der Arbeitszeit je Erwerbstätigen in Deutschland, die 1.390 Stunden erreichte. Während in den fünf neuen Ländern die Durchschnittszeit je Erwerbstätigen 1.441Stunden betrug, kamen die Beschäftigten in den alten Ländern (ohne Berlin) auf eine Pro-Kopf-Arbeitszeit von 1.380 Stunden.“

Natürlich macht die Statistik auch sichtbar, in welchen Branchen es die meisten atypischen Arbeitsverhältnisse gibt. Auch in Sachsen: „In Sachsen war auch 2018 das Baugewerbe mit 1.627 Stunden die Branche mit der längsten Pro-Kopf-Arbeitszeit. Diese betrug aktuell 13 Stunden weniger als im Vorjahr und 18 Stunden weniger als im Jahr 2000. Im Gegensatz dazu fiel die durchschnittliche Arbeitszeit im Bereich Handel, Verkehr, Gastgewerbe, Information und Kommunikation mit 1.374 Stunden am niedrigsten aus (acht Stunden weniger als 2017 und 198 Stunden weniger als im Jahr 2000).“

Handel und Gastgewerbe sind hier diejenigen Arbeitsbereiche, die das Segment der Teilzeitbeschäftigung am stärksten ausgebaut haben.

Von den 2,06 Millionen Erwerbstätigen, die 2018 ihren Arbeitsplatz in Sachsen hatten, wurden insgesamt 2,948 Milliarden Arbeitsstunden erbracht, interpretieren die Statistiker das Ergebnis. „Damit blieb das Arbeitsvolumen nah bei 2017, verringerte sich aber gegenüber 2000 um knapp sechs Prozent.“

Was zu bezweifeln ist. Besonders das Baugewerbe fällt auf, auch wenn die Statistiker hier noch eine recht hohe Stundenzahl pro Beschäftigter verzeichnen. Doch gerade in den letzten Jahren seit 2012, seit der Bauboom in Sachsen dazu geführt hat, dass alle Baufirmen volle Auftragsbücher haben und Kommunen ihre Bauaufträge nicht mehr platzieren können, ist nicht nur das bezahlte Gesamtvolumen an Arbeitszeit am Bau gesunken, sondern auch das Durchschnittsarbeitsvolumen der Beschäftigten. Und das, obwohl kaum noch ein kalter Winter die Bauzeiten eingrenzt und die Baupreise um über 20 Prozent gestiegen sind. Da kann auch in den Wintermonaten meist weitergebaut werden und wird es oft auch. Doch die Statistik suggeriert das Gegenteil.

Sie zeigt freilich auch, dass die Einstellung des über Jahre heruntergesparten Personals im öffentlichen Dienst deutliche Effekte im Arbeitsvolumen hat: Von 867,3 Millionen Arbeitsstunden stieg das abgerechnete Volumen hier seit 2014 (dem Tiefpunkt der Entwicklung und dem Ende der Kürzungsregierung von CDU/FDP) inzwischen wieder auf 910,7 Millionen Arbeitsstunden. Was freilich auch – da hier auch der Gesundheitsbereich mit eingerechnet wird – mit dem starken Anwachsen der Pflegedienste zu tun hat.

Wie der sächsische Arbeitsmarkt sich aus dem Erbe der Agenda 2010 speist

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