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Ein Richtungswechsel beim Pestizideinsatz in der deutschen Landwirtschaft ist noch nicht zu sehen

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    Es ist ja nicht nur Südtirol, wo über den massenhaften Einsatz von Pflanzenschutzmitteln diskutiert wird und wo jetzt die Agrarlobby versucht, den Autor des Buches „Das Wunder von Mals“ wegen Rufmord ins Gefängnis zu bringen. Das Thema betrifft die komplette europäische Landwirtschaft, die von riesigen Monokulturen dominiert wird, die ohne den Einsatz von Pestiziden gar nicht mehr funktionieren würden. Da hätten wir schon gern erfahren, wie viele Tonnen Pflanzenschutzmittel zum Beispiel auch in Sachsen jedes Jahr ausgebracht werden.

    Die Zahlen konnte uns das sächsische Landesamt für Statistik leider nicht geben. Warum das so ist, erläutert Dipl. Ing. agr. Thorsten Krause, Referent Landwirtschaft im Statistischen Landesamt.

    „Der Pestizideinsatz wird durch die Statistischen Ämter nicht erhoben. Alle durch die amtliche Agrarstatistik zu erhebenden Merkmale und die Periodizität der Durchführung von Erhebungen sind gesetzlich festgelegt. Wesentliche gesetzliche Grundlage für die Agrarstatistik bildet das Agrarstatistikgesetz, welches im Wesentlichen eine Umsetzung der Inhalte von EU-Verordnungen in nationales Recht darstellt“, schreibt er uns.

    „Derzeit befindet sich die EU-Rahmenverordnung SAIO (Statistics on Agricultural Input and Output) im Gesetzgebungsverfahren. Nach dieser ist geplant, den Pestizideinsatz (voraussichtlich ab 2023) jährlich zu erfassen, wobei von deutscher Seite aus darauf gedrungen wird, die Erhebung nicht als Primärerhebung bei den landwirtschaftlichen Betrieben durchzuführen, sondern andere Datenquellen zu nutzen.“

    Derzeit führe zwar das Julius-Kühn-Institut bei einer Stichprobe von nur wenigen landwirtschaftlichen Betrieben eine Befragung zum Pestizideinsatz durch. Dabei stehe jedoch insbesondere die Art der eingesetzten Pestizide im Vordergrund, so Krause.

    Aber es gebe dennoch eine Instanz in Deutschland, die die Art und Menge der jährlich in Deutschland abgesetzten Pflanzenschutzmittel erfasst: das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL).

    Das veröffentlichte seine jüngsten Zahlen am 17. Dezember 2019. Und es konnte damals tatsächlich melden, „dass die Menge an verkauften Pflanzenschutzmitteln im Inland im Vergleich zum Jahr 2017 um etwa 9 Prozent gesunken ist. Verkauft wurden rund 105.000 Tonnen Produkt, was 45.000 Tonnen Wirkstoff entspricht. Der Absatzrückgang ist maßgeblich auf die geringere Nachfrage nach Herbiziden (Rückgang um 11 Prozent) sowie Fungiziden (Rückgang um 12 Prozent) zurückzuführen. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch die trockene Wetterlage in 2018, aber auch durch die hohe Sensibilität der Landwirte hinsichtlich der Minimierung des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln.“

    Verkaufte Pflanzenschutzmittel in Deutschland (DDR und BRD) seit 1977. Grafik: Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL)
    Verkaufte Pflanzenschutzmittel in Deutschland (DDR und BRD) seit 1977. Grafik: Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL)

    Hervorzuheben sei insbesondere der „Rückgang bei Pflanzenschutzmitteln mit dem Wirkstoff Glyphosat – im Bericht unter Anlage 1 ,Organophosphor-Herbizide‘ abgebildet“, heißt es in der Pressemitteilung.

    „Der auf den Wirkstoff zurückgerechnete Absatz hat sich im Vergleich zum Vorjahr von rund 4.700 Tonnen auf etwa 3.450 Tonnen reduziert, was einem Minus von 26,5 Prozent entspricht. Maßgeblich für den deutlichen Rückgang ist der hohe Einsatz im sehr nassen Jahr 2017. Die Zahlen aus 2018 liegen allerdings deutlich unter dem Mittelwert der vergangenen 15 Jahre. Damit wird der generelle Abwärtstrend, der für Herbizide im Allgemeinen und Glyphosat im Speziellen seit 2011 zu beobachten ist, weiter bestätigt. Auch für das Jahr 2019 ist mit einem geringeren oder mindestens stagnierenden Einsatz von Herbiziden zu rechnen.“

    Das ist aber nur die Kurzzeitbetrachtung. Die Grafik mit den Absatzmengen seit 1977 zeigt, dass in der DDR einst geradezu verschwenderisch mit Pflanzenschutzmitteln umgegangen wurde, was bis 1988 zu einem massiven Anwachsen der Mengen eingesetzter Pflanzenschutzmittel führte. Irgendwie wohl nach dem Motto: Viel hilft viel. Auch wenn es die Tiere, Insekten und Menschen krank macht.

    Verkaufte Pflanzenschutzmittel 2010 bis 2019. Grafik: Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL)
    Verkaufte Pflanzenschutzmittel 2010 bis 2019. Grafik: Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL)

    Seit der Deutschen Einheit ist der Einsatz von Insektiziden und Pestiziden deutlich zurückgegangen, blieb bis 2005 ungefähr auf dem gleichen Niveau von rund 35.000 Tonnen. Aber seitdem stiegen die verkauften Mengen wieder deutlich an von 35.494 Tonnen im Jahr 2005 auf 48.306 Tonnen im Jahr 2017, das nach Einschätzung des BVL deshalb so hohen Mitteleinsatz brauchte, weil es sehr feucht war und die „Unkräuter“ deshalb so stark wuchsen.

    Was dann für die beiden trockenen Folgejahre 2018 und 2019 eigentlich bedeutet, dass der Rückgang der verkauften Menge nicht wirklich auf sparsamen Umgang der Bauern mit den Pflanzenschutzmitteln zurückgeht, sondern darauf, dass es weniger „Unkräuter“ und auch weniger „Schädlinge“ gab. Beides Folgen der starken Trockenheit. Die 44.000 Tonnen in beiden Jahren bilden aber nach wie vor den Stand von 2013 ab, der schon von der deutlichen Zunahme der eingesetzten Mengen erzählt.

    Wenn aber die Rückgänge vor allem mit der starken Trockenheit zusammenhängen, kann noch nicht von einer Veränderung beim Mitteleinsatz der Agrar-Betriebe die Rede sein.

    Eine Veränderung, vor der sich logischerweise die Produzenten all der Insektizide, Fungizide und wie die Mittelgruppen alle heißen, fürchten, denn dann verlieren sie ihr Geschäftsfeld, wenn die Bauern wieder dazu übergehen, ihre Felder möglichst ohne Chemieeinsatz zu bearbeiten.

    Selbst im Leipziger Stadtgebiet sind Pestizidrückstände aus der Landwirtschaft nachweisbar

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