Sehr umfassend macht sich Christoph Bein im neuen Quartalsbericht Gedanken darüber, warum seit 2018 die Geburtenzahlen in Leipzig wieder sinken, obwohl die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter weiterhin ansteigt. Mehr junge Frauen müssten doch auch mehr Geburten ergeben, oder? Wäre da nicht eine gesellschaftliche Wirklichkeit, die Kinderkriegen eigentlich zum Abenteuer macht.

Diese Wirklichkeit ist aus den einfach aufsummierten Geburtenzahlen nicht ablesbar, auch nicht aus der herkömmlichen Geburtenziffer, wie Christoph Bein feststellt: „Während die herkömmliche Geburtenziffer, wie bereits anfangs dieses Artikels erwähnt, von einem Niveau von etwas über 1,2 Kindern je Frau Mitte der 2000er Jahre zunächst auf einen Höhepunkt von 1,47 im Jahr 2016 stieg und dann auf 1,3 im Jahr 2020 sank, entwickelte sich die tempobereinigte Geburtenziffer anders – bis auf einige jährliche Schwankungen verblieb sie konstant auf einem Niveau von knapp über 1,6 Kindern je Frau.“

Wann wird eine Familie planbar?

Die tempobereinigte Geburtenziffer berücksichtigt nicht nur die aktuellen Zahlen aus der Geburtenstatistik, sondern auch das Alter der Frauen, in dem sie ihre (ersten) Kinder bekommen. Lange her – quasi schon anderthalb Generationen – ist der Umstand, dass Frauen sich schon mit 18, 20, 21 Jahren flächendeckend für das erste Kind entschieden. Dieser Zustand endete ziemlich abrupt 1990 mit den wirtschaftlichen Umwälzungen im Osten und der auf einmal zur Lebenswirklichkeit werdenden Unsicherheit des Arbeitsplatzes.

Das haben bislang auch Forscher zur Deutschen Einheit sträflich vernachlässigt, wie eng sichere Berufsperspektiven und damit planbare Familiengründungen mit den Geburtenzahlen zusammenhängen. Gerade für junge Frauen verschwanden die sicher geglaubten Berufsperspektiven ab 1990 im ganzen Land und wurden oft durch entweder schlechter bezahlte Arbeitsverhältnisse ersetzt oder durch prekäre Berufseinstiege, die besonders hoch qualifizierte Frauen trafen.

Alterspezifische Geburtenziffern 2016 und 2021 in Leipzig im Vergleich. Grafik: Stadt Leipzig, Quartalsbericht IV / 2021
Alterspezifische Geburtenziffern 2016 und 2021 in Leipzig im Vergleich. Grafik: Stadt Leipzig, Quartalsbericht IV / 2021

Ein Phänomen, das in Leipzig eine besondere Rolle spielt. Denn gerade Akademikerinnen erleben nicht nur eine deutlich verlängerte Ausbildungszeit – ohne eine finanzielle Absicherung, die die Gründung einer Familie ermöglichen würde, verbunden mit einem langwierigen Berufseinstieg, der oft erst nach mehreren befristeten und / oder prekären Beschäftigungsverhältnissen erfolgt.

So etwas hat Folgen. Denn es sind die Frauen, die bestimmen, wann sie ihr (erstes) Kind bekommen.

Die alten Illusionen konservativer Männer

Weshalb ja verbiesterte konservative Männer so verbissen an alten Familienmodellen und dem Abtreibungsparagrafen 218 festhalten, denn beides gibt ihnen das Gefühl, dass sie tatsächlich (noch) Macht über Familienplanung und die dazugehörenden Frauen haben. Ein Familienbild, das auch schon zu Kaisers Zeiten nicht stimmte. Aber nichts hält sich länger als falsche Illusionen.

Die Geburtenziffer – insbesondere die tempobereinigte – spricht dazu eine klare Sprache. Denn sie zeigt, wie – im Gefolge einer von Männern strukturierten Arbeitsmarktpolitik, die den Berufsstart gerade junger, hoch qualifizierter Menschen massiv verzögert – sich Frauen sich immer später für eine Geburt entscheiden. Nämlich dann, wenn wenigstens ein Partner es geschafft hat, eine gut dotierte Stelle zu erlangen. Meistens aber erst dann, wenn es beide geschafft haben. Denn in einer Arbeitswelt, in der deren Gestalter das Prekäre geradezu zum Grundmodell gemacht haben, ist für eine Familiengründung nichts wichtiger als eine verlässliche finanzielle Basis.

Denn die andere Seite sieht dann eben so aus, dass besonders junge Frauen, die in jungem Alter Kinder bekommen haben, die Ausgrenzung eines auf „Effizienz“ getrimmten Arbeitsmarktes mit aller Härte zu spüren bekommen. Sie erreichen meist nicht einmal das Einkommens- und Statusniveau der Gleichaltrigen, die auf ihren frühen Kinderwunsch erst einmal verzichtet haben.

Folgen fürs Leipziger Bevölkerungswachstum

Was dann auch Folgen für Leipzigs Bevölkerungsprognose hat, wie Christoph Bein schreibt: „Durch den kontinuierlichen Anstieg des Gebäralters und der Verschiebung von Geburten unterschätzt demnach die herkömmliche Geburtenziffer die erwartete endgültige Kinderzahl der Leipzigerinnen. Insbesondere in Perioden wie 2002-2010 oder 2016-2021, in denen das Gebäralter stärker anstieg, kam es zu einer deutlichen Abweichung. In der Periode von 2010-2016 fiel diese Unterschätzung etwas schwächer aus, da das Gebäralter ebenfalls schwächer anstieg.“

2010 bis 2016 war die Phase, als sich der Leipziger Arbeitsmarkt regelrecht drehte. Erstens fasste die Leipziger Wirtschaft endlich Tritt und es entstanden ab nun jedes Jahr tausende neue Arbeitsplätze. Und gleichzeitig kamen die „halbierten“ Geburtenjahrgänge jetzt in den Arbeitsmarkt – und wurden mit Kusshand eingestellt. Das heißt: Viele junge Frauen kamen schon früh in die Lage, mit einem ordentlichen Arbeitseinkommen auch eine Familie gründen zu können.

Ab 2016 aber verrauchte der Effekt. Denn in den heiß begehrten, hoch qualifizierten Berufen hatte sich nichts geändert. Dort gehen – auch staatliche – Arbeitgeber bis heute davon aus, dass sie die gut ausgebildeten Akademiker/-innen befristet und schlecht bezahlt „bei der Stange halten“ können, ohne ihnen eine Festanstellung geben zu müssen. Die Arbeit wird ja trotzdem gemacht. Die gut ausgebildeten jungen Leute aber bezahlen dafür mit einer Unsicherheit, die eine Familiengründung vor dem 30. Lebensjahr fast unmöglich macht.

„Die Ergebnisse verdeutlichen, dass der Rückgang der Leipziger Geburtenziffer in den letzten Jahren hauptsächlich auf ein erneutes stärkeres Ansteigen des durchschnittlichen Gebäralters zurückgeführt werden kann“, schreibt Bein. „Falls sich der Anstieg des Gebäralters in Zukunft wieder verlangsamt oder sogar zum Erliegen kommt, kann mit einer Erholung der Geburtenziffern gerechnet werden. Es ist allerdings noch nicht abschätzbar, wie weit sich das Gebäralter noch verschiebt und wann dieser Prozess endet.“

Ein deutschlandweites Muster

Denn Leipzig ist eben noch nicht „am Ende der Fahnenstange“ angekommen. Die Denkweise, die hinter dieser Arbeitsmarktentwicklung steckt, ist an anderen Teilen Deutschlands schon länger und viel tiefer verwurzelt.

„Im Vergleich mit anderen deutschen Großstädten lag das durchschnittliche Gebäralter 2019 in Leipzig mit 31,4 Jahren im hinteren Mittelfeld — vor Dortmund und Bremen (jeweils 31,0 Jahre), gleichauf mit Nürnberg und hinter Städten wie Dresden (31,5), Berlin (31,5) Frankfurt (32,4) und Düsseldorf (32,7). Ein noch höherer Wert wurde in München mit 33,1 Jahren erreicht“, schreibt Bein.

„Der wahrscheinlich globale Spitzenreiter ist die südkoreanische Hauptstadt Seoul mit einem durchschnittlichen Gebäralter von 33,8 Jahren. Diese Zahlen zeigen, dass das durchschnittliche Gebäralter in Leipzig das Potenzial hat, für längere Zeit weiter zu steigen. Hält dieser Trend weiter an, so ist zunächst weiterhin mit den gegenwärtigen niedrigen Geburtenziffern zu rechnen. In Verbindung mit der stagnierenden Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter bedeutet das, dass die Zahl der Geburten tendenziell auf dem derzeitigen niedrigen Niveau verbleiben könnte.“

Und der Leipziger Wohnungsmarkt (der sich ja den oben genannten Städten ebenfalls angleicht) tut ein übriges dafür. Denn es sind gerade junge Familien mit Kindern, die sich innerhalb Leipzigs den benötigten Wohnraum nicht mehr sichern können und deshalb verstärkt seit drei Jahren ins Umland abwandern.

Christoph Bein: „Ebenso entscheidend für die eventuelle Erholung der Geburtenzahl ist das zukünftige Wanderungsverhalten der Leipzigerinnen. Die Methode der Tempobereinigung geht von einer weitgehend geschlossenen Bevölkerung mit wenig Migrationsbewegungen aus. Verstärkt sich nun der Trend zur Suburbanisierung, so kann es sein, dass die nun aufgeschobenen Geburten außerhalb Leipzigs nachgeholt werden und die Zahl der Geburten in Leipzig würde niedrig bleiben.“

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