Statistiker können ja selten das „Warum“ hinter einer Entwicklung beantworten. Sie haben nur die blanken Zahlen, die sie in Zeitreihen packen können. So wie beim gebremsten Bevölkerungswachstum in Leipzig, mit dem sich im neuen Quartalsbericht Andrea Schultz etwas eingehender beschäftigt.

Seit 1999 hat Leipzig nicht nur durch die damals stattgefundenen umfangreichen Eingemeindungen deutlich an Bevölkerungszahl hinzugewonnen. Seit damals hat die Großstadt an der Pleiße auch wieder einen positiven Wanderungssaldo, nachdem die Stadt zuvor jahrelang Bevölkerung durch Wegzug verloren hat.

Zehn Jahre lang hat es gedauert, die wirtschaftlich gebeutelte Stadt wieder zu stabilisieren und die Wohnqualität so zu heben, dass Leipzig sich zu einer der attraktivsten Städte in Ostdeutschland entwickelt hat.

Was dazu führte, dass bis in die Gegenwart jährlich mehr Menschen in die Stadt ziehen, als wieder wegziehen. Ein Trend, der jahrelang vor allem aus dem Zuzug aus vor allem sächsischen Landkreisen gespeist wurde. Ein Zuzug, der freilich in den letzten Jahren deutlich weniger geworden ist, denn die längst schon ausgebluteten Landkreise können natürlich nicht mehr so viele junge Leute hervorbringen, die dann zu Studium und Ausbildung in die Großstädte ziehen.

Das Leipziger Wanderungssaldo in den vergangenen 30 Jahren. Grafik: Stzadt Leipzig / Quartalsbericht IV / 2021
Der Leipziger Wanderungssaldo in den vergangenen 30 Jahren. Grafik: Stadt Leipzig / Quartalsbericht IV/ 2021

Dass Leipzig nach wie vor Gewinne erzielt, liegt an dem erstaunlich großen Einzugsgebiet, zu dem im Grunde der komplette ostdeutsche Süden gehört. Aber das Gebiet zerbröselt, wenn man den Saldo genauer betrachtet. Und seit einigen Jahren ist ein starker Effekt aufgetaucht, der in den Karten als roter Ring rund um Leipzig zu sehen ist: Die umliegenden Landkreise profitieren immer stärker von der Abwanderung aus Leipzig.

Der seit 20 Jahren dominierenden Reurbanisierung mit dem starken Zuzug in die Großstadt folgte mit der einsetzenden Wohnungsknappheit in Leipzig die zweite Suburbanisierungswelle nach der in den 1990er Jahren.

Diesmal sind es viele junge Familien mit Kindern, die in der Stadt nicht mehr den geeigneten Wohnraum finden und in die angrenzenden Landkreise abwandern.

Das Saldo der Zu- und Wegzüge Leipzigs mit den angrenzenden Landkreisen. Grafik: Stadt Leipzig, Quartalsbericht IV / 2021
Der Saldo der Zu- und Wegzüge Leipzigs mit den angrenzenden Landkreisen. Grafik: Stadt Leipzig, Quartalsbericht IV/2021

„Innerhalb des suburbanes Raumes sind die sächsischen Umlandkreise LK Leipzig und Nordsachsen ganz klar die Hauptzielgebiete der Stadt-Umland-Wanderung. Im Jahr 2021 gingen 80 Prozent der Fortzüge dieses hier definierten suburbanen Raumes und 90 Prozent des negativen Wanderungssaldos in die beiden Landkreise Leipzig und Nordsachsen.“

„Auch wenn anhand der Kartendarstellungen auf eine sukzessive Ausweitung des suburbanen Raumes geschlossen werden kann, definiert sich das Kerngebiet der Suburbanisierung ganz klar durch die beiden sächsischen Umlandkreise. Die vier weiteren Kreise beschreiben somit aktuell allenfalls die Ausläufer von Suburbansierungstendenzen“, schreibt Andrea Schultz.

Was dann 2021 allein einen Wanderungsverlust der Großstadt Leipzig gegenüber den angrenzenden Landkreisen von 3.943 Personen ergab. Was man auch so interpretieren kann: Die gesamte Region profitiert davon, dass Leipzig sich zum wirtschaftlichen Zugpferd in Mitteldeutschland entwickelt hat. Denn nach wie vor entstehen hier immer neue Arbeitsplätze, die Nachfrage nach qualifizierten Beschäftigten wächst und kann aus der Leipziger Wohnbevölkerung nicht mehr befriedigt werden.

Damit unterscheiden sich die Leipziger Wanderungsmuster auch deutlich von den Dresdner und Chemnitzer Mustern, denn während Leipzig vor allem ans eigene Umland „verliert“, verbucht Dresden Wanderungsverluste besonders stark in die nördlichen Bundesländer. Und Chemnitz verliert wieder an Leipzig.

„Resümierend zeigt auch der Vergleich mit den beiden sächsischen Oberzentren die größere Stabilität der Stadt Leipzig als Wanderungsgewinnerin. Die Stadt Leipzig präsentiert sich einerseits als Zentrum von regionaler und internationaler Zuwanderung und andererseits durch ein ausgeprägtes Suburbanisierungsgeschehen“, schreibt Andrea Schultz.

„Somit beschreibt die Bezeichnung ‚Leipzigs als Drehscheibe‘ die Prozesse gut, indem Leipzig Zuwanderung generiert und in die Umlandregion abgibt. Das regionale Bevölkerungswachstum der gesamten Stadtregion basiert somit auf der ‚Drehscheibenfunktion‘ der Kernstadt. Die Bezeichnung ‚konsolidierte Stadt‘ beschreibt schließlich, dass Leipzig ein gefestigtes Wanderungsregime innerhalb der Binnen- und der Auslandswanderung aufweist. Der Phase des starken Wachstums folgt ein solider mäßig-positiver Wachstumstrend, der auch in den Pandemie-Jahren aufrechterhalten blieb.“

Und das erzählt von der starken wirtschaftlichen Bindungskraft der Stadt. Auch wenn sich das prognostizierte Bevölkerungswachstum bis 2035 dadurch deutlich verringert.

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