Am Montag, 9. Juli, begann wieder die Einstimmung auf das diesjährige Lichtfest. Oberbürgermeister Burkhard Jung, Regina Schild als Sprecherin der Initiative "Tag der Friedlichen Revolution - Leipzig 9. Oktober 1989" und Volker Bremer, Geschäftsführer der Leipzig Tourismus und Marketing GmbH, gaben die Eckdaten des Festes bekannt, das ab 20 Uhr auf dem Augustusplatz gefeiert wird.

Das Lichtfest wird in Leipzig seit 2007 gefeiert. 2007 noch als Testballon mit Musik und leuchtenden Lichtern auf dem Nikolaikirchhof. Der Nikolaikirchhof war am Ende rappelvoll. Das Fest – und auch die Idee dahinter – kam bei den Leipzigern gut an. Was dann 2009 dazu führte, dass der 20. Jahrestages des friedlich gebliebenen 9. Oktober 1989 mit einem großartigen Lichtfest auf dem Augustusplatz und dem Innenstadtring gefeiert wurde, umrahmt mit Licht- und Kunstinstallationen mehrerer Künstler. Über 100.000 kamen zu diesem Ereignis. Vielleicht auch Touristen. Wobei die Touristen, so Volker Bremer, dabei eher Beiwerk seien. Es ginge eher um den Markenkern dieser Stadt. Vor 2007 hätte noch kaum jemand Leipzig mit der Friedlichen Revolution in Verbindung gebracht. “Das hat sich seither spürbar geändert”, sagte Bremer am Montag zur Pressekonferenz und betonte die “riesigen Medienwerte, die wir damit erzielen”.

Man misst also so ein Fest nach den erschienenen Artikeln, geführten Interviews und Filmclips, die man in aller Welt einsammelt. Leipzig erscheint als Produkt mit der klar definierten Marke “Stadt der Friedlichen Revolution”. Ganz nüchtern. Volker Bremer ist ein nüchterner Mann.

Neben ihm ist Oberbürgermeister Burkhard Jung ein emotionales Fieberbündel. Wenn er vom Leipziger Herbst 1989 spricht, ist er noch immer begeistert, auch wenn er den als 31-Jähriger nur aus der Ferne miterlebte. Er war da noch Lehrer für Deutsch und Religion am Evangelischen Gymnasium Siegen-Weidenau. Aber die Bilder schwappten ja über alle Grenzen. Die Euphorie war das erste, was die Grenzen überwand. “Wer heute über 30 ist, der kann sich an diese Tage erinnern.” Deswegen kommen auch Touristen zum Leipziger Lichtfest. Um einen Zipfel dieser Begeisterung zu erfassen, der der deutschen Politik seither fast komplett abhanden gekommen ist.
Für Begeisterung braucht man Ziele, Wünsche und Projekte. Selbst wenn sie scheinbar so diffus sind wie die Wünsche der 130.000, die am 9. Oktober 1989 den Mut hatten, in Leipzig zu demonstrieren und Veränderungen einzufordern von einer erstarrten Regierung. Wünsche nach mehr Freiheit hatten gerade die Bürgerrechtler in den Tagen, Wochen und Jahren vorher immer wieder formuliert – Meinungsfreiheit, Redefreiheit, Reisefreiheit gehörten dazu.

Und die Idee. Mit den Lichtfesten jene Länder zu ehren, die den Leipziger Herbst ’89 mit vorbereiteten, war eine kluge. Revolutionen entstehen nicht aus dem Nichts. Sie sind nur das Ergebnis von Entwicklungen, die sich lange vorbereiten und in denen auch die Vorgänge in anderen Ländern ihre Rolle spielen. Die Solidarnosc-Bewegung in Ungarn war für Leipzig genauso wichtig wie der nur scheinbar weit zurückliegende Prager Frühling von 1968. Tschechien wird deshalb 2013 auch das Partnerland zum Lichtfest werden. Möglicherweise wieder mit einer Dialog-Schaltung in ein Prager Konzerthaus, so wie es 2011 mit einer Konzert-Dialog-Schaltung nach Gdansk (Danzig) gelang.

2012 wird es keine Dialog-Schaltung geben. Der ungarische Super-Minister Zoltán Balog wird um 20 Uhr gemeinsam mit OBM Burkhard Jung das Fest auf dem Augustusplatz eröffnen. Die Südseite des Opernhauses verwandelt sich trotzdem wieder in eine große Leinwand. Da werden historische Zeitdokumente eingespielt – beginnend beim ungarischen Aufstand von 1956, der natürlich mit hineingehört in die lange Vorgeschichte des 9. Oktober 1989. Doch es werden, so verspricht Jürgen Meier, der künstlerische Leiter des Lichtfestes, nicht nur Bilder der Aufstände und Revolutionen zu sehen sein, sondern – wie in einem Zeitstrahl – Bilder von all den oft widersprüchlichen Ereignissen, die die europäische Geschichte seit 1956 bestimmt, bewegt oder überstrahlt haben. Vom Mauerbau 1961 über die Kubakrise (und Kennedys berühmten Besuch in Westberlin), die Olympischen Spiele von München (mit dem Attentat auf die isrealische Mannschaft), die Ölkrise bis heute.
Was Ungarn betrifft, wird es natürlich ein paar sinnstiftende Bilde geben: nach dem Aufstand von 1956 die legendären deutsch-deutschen Urlaubsbegegnungen am Balaton, die im liberaleren Ungarn möglich waren, dann die medienwirksame Grenzöffnung vom Juni 1989, die selbst einen langen Vorlauf in Ungarn selbst hatte, wo man schon viel früher mit der Aufarbeitung seiner stalinistischen Geschichte begann als in der DDR. “Neue Werte” hat Meier das Kapitel überschrieben, das bis in die Neuzeit führt und den Bogen schließen soll.

Denn für Meier ist das Leitmotiv für das Thema Ungarn ein gesamteuropäisches: “Grenzen überwinden – Ungarn 1956 bis heute”. Dafür steht nicht einmal Superminister Zoltán Balog symptomatisch, sondern ein anderer Gast, der schon um 18:30 Uhr in der Nikolaikirche die “Rede zur Demokratie” halten wird – der ungarische Schriftsteller und Historiker György Dalos, der 2010 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet wurde.

Schon um 17 Uhr wird in der Nikolaikirche das traditionelle Friedensgebet geben, gehalten von Pfarrer im Unruhestand Christian Führer: “Mut zur Alternative”.

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Natürlich wird es auf dem Augustusplatz ab 20 Uhr nicht nur schöne Bilder am Opernhaus zu sehen geben. Diesmal wird eine Bühne mitten auf den Platz gebaut, auf der die Tänzer des Leipziger Balletts eine Live-Performance zu dem großen Spannungsbogen Freiheit und Verantwortung darbieten. Da man das natürlich nicht von allen Ecken des Platzes aus gut sehen kann, wird auch die Performance auf die Leinwand am Opernhaus übertragen. Darüber wird eine große Sound-Musik-Collage gelegt, an der der Musiker Mike Dietrich noch arbeitet. Was es am Ende wird, will er noch nicht verraten. Und auch die große “89”, die die Gäste des Lichtfests mit Teelichtern bestücken können, wird es wieder geben.

Das Fest wird sich auch in diesem Jahr nicht auf den Augustusplatz beschränken. Norbert Meissner und Jörg Pfeiffer schaffen auch in diesem Jahr wieder eine besondere Lichtinstallation für die Fassade des Eiscafés San Remo in der Grimmaischen Straße. Und Einrichtungen wie das Zeitgeschichtliche Forum oder die BStU-Außenstelle in der Runden Ecke werden an diesem Abend ebenfalls öffnen.

Im großen Rahmenprogramm zum 9. Oktober gibt es Zeitzeugengespräche, Workshops und Lesungen. Für manchen bestimmt eine Begegnung der besonderen Art: das Konzert der Cottbuser Band Sandow am 4. Oktober um 21 Uhr im Werk II.

Mehr Informationen findet man hier:
www.leipziger-freiheit.de/lichtfest

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