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Dienstag, 19. Januar 2021

Mit Variante III soll endlich wieder Licht und Freiheit einziehen in den Sitzungssaal des Neuen Rathauses

Von Ralf Julke

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    Eigentlich ging es ursprünglich nur um eine elektronische Abstimmanlage und bessere Stühle, als der Stadtrat 2014 beschloss, den Sitzungssaal im Neuen Rathaus zu erneuern. Aber dann wäre der Wunsch, endlich in einem modernen Sitzungssaal tagen zu können, beinah am Denkmalschutz gescheitert. Beinah hätte Leipzig seine nächste Eulenspiegelei bekommen und ein Stück unbequemer DDR erhalten.

    Denn die Bestuhlung, die Tische, das Podium im Sitzungssaal stammen alle aus den 1960er Jahren, sind echtes DDR-Design, so modern wie die Ulbricht-Ära. Und genauso alt. So schnell kann man in Leipzig gar nicht alt und weise werden, da hat sich das, was eben noch schnell mal als Provisorium hingebaut wurde, in ein denkmalgeschütztes Museumsstück verwandelt. Dass man da mit dem Neuen Rathaus sowieso schon ein Problem hat, hat ja zuletzt die Anfrage des CDU-Stadtrats Konrad Riedel zur Barrierefreiheit gezeigt: Der Denkmalschutz in dem 1905 eröffneten Gebäude verhindert zahlreiche einfache Lösungen, Barrierefreiheit herzustellen.

    Der Sitzungssaal freilich stammt nicht aus den Zeiten des berühmten Stadtbaurats Hugo Licht, sondern aus der DDR-Zeit, als man im Rathaus nicht nur die ganzen gewalttätigen Einbauten der Nazis wieder entfernen musste, sondern auch zahlreiche Kriegsschäden reparieren musste. Da und dort trennte man sich dann ohne Kompromisse auch vom alten, schweren Mobiliar der Kaiserzeit und versuchte, die neue sozialistische Ästhetik mit hübschen glatten Wandverkleidungen und präsidialen Podien für Partei- und Stadtführung zu schaffen. Die Ästhetik, die damals für die Listenkandidaten der Nationalen Front und die parteilich berufene Führungsriege um Oberbürgermeister Walter Kresse geschaffen wurde, existiert bis heute. Und hätten die Rathausbenutzer alles so gelassen, wie es damals in sozialistischer Ästhetik eingebaut wurde, es hätte heute nicht mehr geändert werden können.

    Die Denkmalbehörde hatte schon ihr Stopp angedeutet, als die Pläne des Dezernats Stadtentwicklung und Bau bekannt wurden, die Bestuhlung zu erneuern. Dabei war es gerade diese gnadenlose Bestuhlung gewesen, die einer der Gründe für die Ratsfraktionen war, einen Umbau des Saales zu beantragen.

    Die Umbaupläne sollten eigentlich schon 2015 vorliegen. Aber alle haben wirklich gründlich geprüft. Und – Glück im Unglück – auch in DDR-Zeiten muss man die Bestuhlung wohl schon deutlich und mehrfach verändert haben. Was heute da steht, ist nicht mehr ganz der Originalzustand. Damit ist das Stuhlwerk auch nicht mehr geschützt und kann raus und durch moderne Stühle ersetzt werden, die das stundenlange Sitzen in voller Konzentration nicht ganz so anstrengend machen. Stühle auf Stuhlgleitschienen sind jetzt angedacht – für die unten Sitzenden in schönem hellem Holzton, damit die alte Holzästhetik aufgenommen wird. Wobei die Entscheidung noch offen ist, ob es 150, 162 oder 166 Sitzplätze werden. Die Ratsversammlung käme ja eigentlich schon mit 100 aus, dann hätten alle 70 gewählten Stadträte Platz plus Presse.

    Aber der Sitzungssaal soll ja auch für große, repräsentative Veranstaltungen der Stadt genutzt werden. Da zählt jeder zusätzliche Platz.

    Was das Planungsdezernat dem Stadtrat jetzt übrigens vorschlägt, ist Variante III von insgesamt drei Vatianten, die man angedacht hat. Variante II wurde von den Denkmalschützern gleich abgelehnt, wäre auch eher ein Kompromiss zwischen I und III geworden. In Variante I wäre die jetzige Raumaufteilung im Wesentlichen erhalten geblieben. Wesentlich billiger wäre sie auch nicht geworden, denn die Raumkonstruktion hätte ebenfalls fast eine Million Euro gekostet, die Neuinstallation der kompletten Technik ebenfalls. Dabei ist es nicht mal die neue Abstimmanlage, die teuer ist und ja auch schon erfolgreich getestet wurde: Die kostet nur 13.000 Euro.

    Aber alle anderen Installationen und Verkabelungen müssen erneuert werden. Das summiert sich ebenfalls fast auf eine Million Euro. Die Vertäfelung aus DDR-Zeiten bleibt übrigens genauso erhalten wie das Präsidium. Da kennt der Denkmalschutz nichts, auch wenn das heute noch sehr hoch thronende Präsidium künftig eine Stufe tiefer gesetzt werden soll. Da können dann die Abgeordneten dem OBM vielleicht doch mal auf Augenhöhe begegnen.

    Insgesamt wurde die erste Variante auf 2,9 Millionen Euro kalkuliert. Der Sprung auf die 3,2 Millionen Euro in Variante III ist nicht so groß – erst recht nicht, wenn man sieht, dass damit die Verblendungen an der Nord- und Südseite des Saales, die den Saal heute zu einer richtigen Dunkelkammer machen, verschwinden können. Auf der Ostseite des Saales werden so zwei komplette Fenster freigelegt, so dass sich die freie Fensterfront von derzeit mageren drei Fenstern auf dieser Seite auf fünf erhöht. Und dazu kommt noch ein weiteres Fenster auf der Südseite, das mit der Balkontür, so dass die erhitzten Politiker in der Pause auch mal kurz an die frische Luft treten können.

    Eigentlich gehören an der Südseite drei Fenster zum Saal – aber eine kleine Abtrennung bleibt hier für eine geplante Garderobe erhalten.

    Trotzdem ist der Saaleindruck auf den ersten Animationen beeindruckend. Die verdoppelte Fensterzahl lässt auch doppelt so viel Licht in den Saal. Dazu kommt die leichte Zurücknahme des schwergewichtigen Präsidiums und die deutlich leichtere Bestuhlung des Saales. Damit könnten Leipzigs Ratsfraktionen endlich einen Sitzungssaal bekommen, der die Modernität des 21. Jahrhunderts atmet. Mit ein bisschen Erinnerung an vergangene Zeiten. Wobei eben das sozialistisch praktische Podium nicht nur an die Herrschaftsstrukturen der DDR erinnert, sondern auch an die wilde Wendezeit, als ein (nicht korrekt gewähltes) Stadtparlament hier seine Auflösung beschloss und die erste (noch 128-köpfige) frei gewählte Ratsversammlung hier tagte.

    Auch wenn der Prüfauftrag jetzt mit fast zweijähriger Verspätung abgearbeitet ist, ist etwas Ansehnliches dabei herausgekommen. Die Vorlage spricht sogar von einem „positiven Raumgefühl“. Wenn der Stadtrat der Vorlage und der Vorzugsvariante III jetzt zustimmt, darf er noch ein Jahr lang im alten Mobiliar erdulden. Ab Januar 2018 sollen dann die Bauarbeiten beginnen. Für ein Jahr zieht die ganze Ratsversammlung in den benachbarten Festsaal um. Und wenn sich alle beauftragten Firmen an den Zeitplan halten, kann der modernisierte Sitzungssaal im Januar 2018 feierlich bezogen werden.

    Die Vorlage des Planungsdezernats zum neuen Sitzungssaal.

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