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Im Leipziger Jubiläenkalender bis 2025 sind die Frauen wieder nur Mauerblümchen

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    Es ist wirklich nicht einfach, die Diskussion um den 200. Geburtstag von Clara Schumann hatte es ja gezeigt. Erst ein lauter Protest aus der Bürgergesellschaft sorgte dafür, dass „CLARA19“ noch nachträglich ins Jubiläumsprogramm der Stadt Leipzig kam und entsprechende Förderung erhielt. Jetzt ist „CLARA19“ der Festivalreigen, an dem in Leipzig 2019 niemand mehr vorbeikommt. Aber irgendwie bleibt das Frauenthema für Leipzigs Verwaltung ein ganz, ganz schweres.

    Denn in der Liste der möglichen Jubiläumsschwerpunkte bis 2025 spielen Frauen wieder nur die zweite Geige, kann jetzt die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen feststellen.

    „Die Stadt Leipzig möchte mit dem vorgelegten Konzept Stadtgeschichte gestalten. Sie bezieht sich ausdrücklich auf den konstruktiven Aspekt der Geschichtsschreibung mitsamt ihrer Verengungsgefahr und setzt sich die Förderung eines ,reflektierten und kritischen Geschichtsbewusstseins als Ziel‘, das neue Perspektiven einbezieht. Als Beispiel für den Erfolg dieses Vorgehens nennt sie CLARA 19, die erfolgreiche Würdigung Clara Schumanns in diesem Jahr“, schreibt die Fraktion in ihrem Änderungsantrag zur Vorlage „Leipziger Jubiläen 2018“.

    Und dann kommt das dicke Aber: „Allerdings schreibt sie diese Erfahrung in der Planung bisher nicht fort. Unter den über siebzig unter Punkt 8 der Vorlage aufgeführten relevanten Jubiläen bis 2025 finden sich ganze acht Positionen zu Frauenpersönlichkeiten und weiblichem Leben in Leipzig. Von diesen acht Positionen haben es wiederum nur zwei Themen, beide institutionelle Themen zur Frauenbildung, in die bisherige Schwerpunktsetzung bis 2025 geschafft (110 Jahre erste deutsche Frauenhochschule und der 230. Jahrestag der Gründung der ,Ratsfreischule‘ 1792, der ersten städtischen Volksschule und ersten öffentlichen Schule für Mädchen in Leipzig).“

    Und dann werden die Grünen ganz deutlich: „Mit dieser Vorlage schreibt die Stadt entgegen ihrer Absicht der Weiterentwicklung der Stadtgeschichtsschreibung lediglich den patriarchalen Geschichtskanon fort. Auch leicht wissbare Jubiläen, wie zum Beispiel der 200. Todestag der Leipziger Herausgeberin Wilhelmine Spazier, das perfekt in das 2025er Jubiläumsjahr ,Focus auf den Letter‘ gepasst hätte, wurde nicht in Betracht gezogen. Wenn die Stadt ihrem eigenen Ziel einer Förderung einer neuen, vielfältigen und identitätsstiftenden Stadtgeschichtsschreibung näherkommen will, muss sie in Zukunft der Tatsache Rechnung tragen, dass in unserer Stadt schon immer mindestens 50 % der Bewohner/-innen Frauen waren.“

    Aber der Hinweis auf den „patriarchalen Geschichtskanon“ ist wichtig, denn bis heute gibt es zwar schon Forschungen zur Leipziger Frauenbewegung und zu einzelnen bekannten Frauen, aber noch keine wirkliche Frauen-Geschichte der Stadt, also eine fundierte Aufarbeitung zur Rolle der Frauen in der Leipziger Stadtgeschichte.

    Der Grund ist unübersehbar: Die meisten Historiker sind nach wie vor Männer. Und meistens wird entweder von älteren Historikern (Männer) abgeschrieben oder man baut auf ihren Forschungen auf, Forschungen, die klassischerweise immer männerzentriert waren, Männerthemen bevorzugten und vor allem die Rolle wichtiger (oder als wichtig geltender) Männer betonten.

    Wozu noch die über Jahrhunderte systemimmanente Ignoranz den Frauen gegenüber kommt, die über Jahrhunderte als nicht rechtsfähig galten, nicht studieren durften und deshalb auch in Verwaltung und Wissenschaft keine Rolle spielten. Männer schrieben also eine rein männergemachte Geschichte, was unser Geschichtsbild bis heute prägt. Erst punktuell werden die Frauen sichtbar, die für ganze Kapitel der Geschichte unabdingbar waren – man denke nur an die Frauen der Reformationszeit, an eigensinnige Kurfürstinnen oder die mit neuem Selbstbewusstsein auftretenden Töchter des Leipziger (Bildungs-)Bürgertums im 18. Jahrhundert oder Persönlichkeiten wie Caroline Friederike Neuber.

    Dass die jahrhundertelange Ignoranz auch Folgen für die Quellenlage hat, ist nur zu verständlich. Männer dominieren nicht nur die Stadtchroniken, sondern auch die Lexika. Übrigens auch die heutigen. Auch Wikipedia präsentiert den Lesern eine Leipziger Geschichte, die zu 95 Prozent aus Männern besteht – darunter reihenweise Langweiler, die nur dadurch ihren Beitrag im Online-Lexikon bekamen, weil sie irgendwann einmal irgendein „bedeutsames“ Amt bekleideten und zeitlebens mit ordensgeschmückter Brust in der ersten Reihe sitzen durften.

    Und so beantragen die Grünen einen dritten Beschlusspunkt für die Jubiläen-Vorlage: „Die Stadt Leipzig entwickelt zu den jeweiligen Themenschwerpunkten eine Perspektive auf den Beitrag von Frauen zur Stadtgeschichte und bezieht entsprechende Jubiläen von Frauen und Institutionen gleichberechtigt ein.“

    Was dann eigentlich auch ein Forschungsauftrag wäre für die noch immer männerlastige Leipziger Stadtgeschichte.

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