Derzeit häufen sich ja die Nachrichten zu Werksschließungen und Insolvenzen wichtiger Industriebetriebe in Mitteldeutschland. Im September platzte dann auch noch die Insolvenz von Leuna Polyamid in die ohnehin schon getrübte Stimmung. Es hat sich kein Käufer für das Unternehmen im Chemiepark Leuna gefunden. Und das könnte am Ende auch Leipzig betreffen.
Vermutete zumindest die BSW-Fraktion im Leipziger Stadtrat. Denn genau aus diesem Chemiepark soll ja künftig Abwärme als Fernwärme nach Leipzig geliefert werden. Gerät dieses Vorhaben nun in Gefahr?
Immerhin sollte damit ja ein Teil der umweltfreundlicheren Fernwärmeversorgung in Leipzig abgedeckt werden. Die Leitung wird gerade gebaut. Aber so recht zufrieden war BSW-Stadtrat Sascha Jecht mit der Antwort des Oberbürgermeisters nicht und fragte in der Ratsversammlung am 30. September nach.
Der hatte zumindest schriftlich geantwortet: „Grundsätzlich gibt es im globalen Kontext im Wettbewerb von Industriezweigen keine risikolosen Investitionen und/oder Bestandsgarantien von Industriezweigen. In dem in der Anfrage angesprochenen Zusammenhang liegen jedoch bis dato weder der Stadt Leipzig, noch den Stadtwerken Indikationen hinsichtlich einer nicht erfolgreichen und nachhaltigen Umsetzung des Projektes zur Nutzung von industrieller Abwärme aus Leuna für die Versorgung der Stadt Leipzig vor.
Das Vorhaben ist durch langfristige Verträge untersetzt. Diese Sichtweise wird von den Bundesländern Sachsen und Sachsen-Anhalt, sowie auch seitens des Bundes (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie) geteilt. Deren bisherige Verlautbarungen und Handeln lassen keinen Zweifel an der Zukunftsfähigkeit des Chemiestandortes Leuna im Allgemeinen und am Projekt der Nutzung industrieller Abwärme erkennen, was sich insbesondere an der bisherigen millionenschweren Förderung des Vorhabens ablesen lässt.
Die Stadtwerke Leipzig GmbH folgen auch im vorliegenden Fall ihrer Strategie der Diversifizierung und Technologieoffenheit, um auch auf etwaige, heute noch nicht absehbare Entwicklungen reagieren zu können.
Die diesbezügliche Stellungnahme der Stadtwerke kann der Anlage entnommen werden.“
Die Stellungnahme der Stadtwerke Leipzig.
Chemiestandort unter Beobachtung
Und in dieser Stellungnahme kann man dann lesen, dass Leuna Polyamid in den Verträgen zur Fernwärmelieferung nach Leipzig keine Rolle spielt.
„Die Leipziger Stadtwerke verfolgen die Entwicklungen am Chemiestandort Leuna genau. Ob sich durch die Stilllegung von Leuna Polyamid in Leuna Infrastruktur- und Leitungskosten erhöhen, kann jedoch nur der Netz- und Standortbetreiber Infra-Leuna beantworten. Auf die geplante Abwärmelieferung und die Wirtschaftlichkeit des RE=FILL-Projekts hat dies keine Auswirkungen. Total hat nach unserer Kenntnis bisher Nebenprodukte an DOMO bzw. Leuna Polyamid geliefert, die nun als Kunden wegfallen. Die Produkte werden dann nicht weiter produziert bzw. anderweitig verkauft.
Die TotalEnergies-Geschäftsführung hat bestätigt, dass keine Auswirkungen auf die geplante Abwärmelieferung bestehen und die TotalEnergies als Kooperationspartner weiterhin hoch profitabel und wirtschaftlich stabil sei.“
Anschluss 2027
Die Stadtwerke teilten auch mit, wie der Stand der Fernwärmeleitung ist: „Die TotalEnergies Raffinerie Leuna baut bereits das Sammelnetz zur Wärmerückgewinnung auf. Die Projektleitung der Leipziger Stadtwerke macht sich regelmäßig ein Bild von dem bislang planmäßig verlaufenden Projektfortschritt. Ende November gibt es das nächste Treffen, in dem der konkrete, Baufortschritt berichtet wird. Betriebsbereit wird das Sammelnetz erst nach dem Raffineriestillstand (Turnaround Q4/27) sein, da erst dann die Wärmetauscher in den Produktionsprozess integriert werden.“
Auch von den Verzögerungen, die Sascha Jecht am 30. September ansprach, ist also derzeit nichts zu sehen. Aber nun rückt im Jahr 2027 zumindest der Anschluss in Leuna in Reichweite.
Welchen Anteil die Abwärme künftig am Leipziger Wärmemix haben soll, haben die Stadtwerke auch noch einmal aufgedröselt: „Mit dem Einsatz der industriellen Abwärme können 38 % der Fernwärme klimaneutral bereitgestellt werden, womit die gesetzliche Verpflichtung zur 30%-Quote bis 2030 übererfüllt wird. Zusammen mit der bereits in Betrieb gegangenen Solarthermieanlage in Lausen wird darüber hinaus das 40%-Ziel für CO₂-freie Wärme gemäß dem EU Green Deal erreicht. Eine Nichtumsetzung des Abwärmeprojekts hätte insofern erhebliche Auswirkungen auf den Transformationspfad der Fernwärme.“
Braunkohle ist ganz bestimmt nicht das Backup
Und auch Oberbürgermeister Burkhard Jung konnte auf Jechts Nachfragen nur betonen, dass bis jetzt weder eine Verzögerung drohe noch eine Veränderung der dann fälligen Preise. Und außerdem hätten die Stadtwerke, selbst wenn die Fernwärme aus Leuna nicht kommt, immer noch ein Backup.
Aber da war Jung wohl selbst etwas abwesend. Er meinte tatsächlich, es wäre die Braunkohle. Doch die Fernwärmelieferungen aus dem Braunkohlekraftwerk Lippendorf nach Leipzig wurden – nach einer einmaligen Verlängerung – 2025 beendet. Die benötigte Fernwärme wird jetzt von den eigenen Gaskraftwerken der SWL erzeugt. Das Backup heißt also derzeit Erdgas. Auch nicht viel besser als Braunkohle. Aber zumindest sind die Turbinen im Gaskraftwerk Süd der Stadtwerke Leipzig dafür ausgelegt, einen Teil des Erdgases durch Wasserstoff zu ersetzen.
Aber der wesentliche Kern dessen, was Sascha Jecht da am 30. September besorgt nachfragte, ist letztendlich, dass die Pläne zur Fernwärmelieferung aus Leuna derzeit nicht gefährdet sind und die Insolvenz von Leuna Polyamid keinen Einfluss auf die Pläne für diese Lieferungen hat.
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