Ab Oktober soll der Streckenabschnitt zwischen Gaschwitz und Großdeuben für 92 Millionen Euro komplett umgebaut werden

In Gaschwitz aus der S-Bahn zu steigen, das ist nichts für ängstliche Menschen. Am Bahnhofsgebäude gähnen die ausgeschlagenen Fensterscheiben. Die Überführung ist marode. Nachts möchte man hier eigentlich nicht ankommen. Aber hier halten die S4 und die S5. Mit sanftem Zischen fährt der silberne Talent-Zug ein. Gaschwitz ist noch ein Stück der vielen "netzergänzenden Maßnahmen" rund um den City-Tunnel, die 2013 nicht fertig wurden.

Eigentlich ist es sowieso ein viel größeres Bauprojekt. Deswegen hat es die Bahn als Extra-Paket gepackt und setzt es nun ab Oktober 2015 innerhalb des Projekts Sachsen-Franken-Magistrale um. Da gehört es eigentlich nur indirekt hinein, denn die eigentliche Sachsen-Franken-Magistrale führt von Dresden über Hof nach Nürnberg. Ab 2022 sollen dort IC fahren, womit sich vor allem für Dresden die Anschlüsse nach Bayern verbessern.

Wesentlich wichtiger ist der Umbau des Bahnhofs für die Anbindung des Mitteldeutschen S-Bahn-Netzes an die Sachsen-Franken-Magistrale. Das passiert zum Beispiel mit der S5, die – vom Flughafen Leipzig/Halle kommend – durch Markkleeberg über Altenburg nach Zwickau fährt.

Noch vor zwei Jahren war der Umbau des Bahnhofs Gaschwitz für 2018 avisiert. Aber schon jetzt kann man die Männer mit den orangefarbenen Westen beobachten, wie sie das Bahnhofsgelände für die beginnenden Bauarbeiten vorbereiten. Im Oktober soll’s losgehen, dann will die Deutsche Bahn AG den Bahnhof Markkleeberg-Gaschwitz und den Haltepunkt Großdeuben umbauen und die Eisenbahninfrastruktur erneuern. Und zwar die komplette. An dieser Bahnstrecke ist seit Jahrzehnten nicht wirklich investiert und modernisiert worden. Im Grunde ist die Strecke ein kleines Dorado für Freunde der historischen Eisenbahnarchitektur, auch wenn die Bahnhofsgebäude – wie das in Gaschwitz – schon seit Jahren ohne Nutzung sind und eigentlich dringend auf eine neue Nutzungsidee warten.

Die Baustelle wird den Markkleeberger Süden bis ins Jahr 2019 in Atem halten.

Noch zu erleben: Historische Eisenbahnarchitektur an den Bahnsteigen 1 und 2. Foto: Ralf Julke

Noch zu erleben: Historische Eisenbahnarchitektur an den Bahnsteigen 1 und 2. Foto: Ralf Julke

Denn auf 14 Kilometer Länge werden sämtliche Gleise, die Eisenbahnbrücken Neue Harth, Zwenkauer Straße, Turner Straße und Lindenstraße sowie die Entwässerungsanlagen des Bahnkörpers erneuert. Die Oberleitungsanlagen werden auf 17 Kilometer Länge erneuert. 42 Weichen werden entweder zurückgebaut, weil sie im Betrieb nicht mehr gebraucht werden, oder durch neue Weichen ersetzt.

Und nicht nur Brücken werden erneuert, auch vier Eisenbahnüberführungen werden neu gebaut. Der Personentunnel in Gaschwitz braucht ebenfalls einen modernen Nachfolger. Siehe oben: Wer hier unter den Gleisen durchwill, braucht ein mutiges Herz. Im Bahnhof Markkleeberg-Gaschwitz ermöglicht zukünftig auch ein Aufzug den barrierefreien Zugang zu den Bahnsteigen.

Und das ganze Projekt macht auch deutlich, was alles eigentlich zu den netzergänzenden Maßnahmen rund um den City-Tunnel gehört und einfach nicht ins 935-Millionen-Euro-Budget gepasst hat. 92 Millionen Euro kostet das ganze Gaschwitz-Großdeuben-Projekt, bei dem auch die vier Bahnsteige in Gaschwitz komplett erneuert werden. Wer also noch einmal einen richtig alten Bahnhof aus der Reichsbahn-Zeit sehen möchte, der sollte Gaschwitz besuchen, bevor die Abrissbagger kommen.

Und dass es weniger um die Sachsen-Franken-Magistrale geht, als um das Mitteldeutsche S-Bahn-Netz, lässt auch die Deutsche Bahn AG durchblicken, wenn sie erläutert: „Mit den Umbauarbeiten werden die Voraussetzungen geschaffen, künftig die Nahverkehrszüge aus Richtung Leipziger Hauptbahnhof durch den City-Tunnel Leipzig über Gaschwitz und Böhlen nach Südwestsachsen und weiter in Richtung Süden fahren zu können.“

Das Stichwort Nahverkehrszüge ist wichtig.

 

Die S4 aus Borna ist in den Bahnhof Gaschwitz eingefahren. Foto: Ralf Julke

Modernes trifft auf Altes. Foto: Ralf Julke

Gebaut werden soll bei laufendem Zugverkehr. Da arbeitet die Bahn  dann ein wenig wie die Leipziger Verkehrsbetriebe, wenn sie den Tram-Betrieb in einer wichtigen Hauptstraße nicht stilllegen will: Zunächst werden deshalb vier Bauweichen und Umfahrungsgleise am Rand des eigentlichen Baufelds errichtet. Die Züge werden in dieser Zeit in Markkleeberg-Gaschwitz und Großdeuben über Behelfsbahnsteige zu erreichen sein, verspricht die Bahn.

Nach Abschluss der Arbeiten direkt im Bahnhof werden die neuen Bahnsteige und die Hauptgleise in Betrieb genommen. Daran schließt sich dann der Umbau des westlichen Teils des Bahnhofs einschließlich des zweiten Teils der Eisenbahnüberführung Neue Harth an, ein rustikales Teil, das noch das alte Bergarbeiter-Feeling aufkommen lässt.

Während der umfangreichen Bauarbeiten sind Einschränkungen für Reisende und Anwohner nicht gänzlich zu vermeiden, betont die Bahn. An einzelnen Wochenenden kann es auch zu Fahrplanänderungen und Schienenersatzverkehren kommen, worüber die Bahn dann die Reisenden rechtzeitig informieren will.

Ganz so leicht wird es während der Bauarbeiten dann nicht mehr, von Gaschwitz-Ost nach Gaschwitz-West zu kommen. Die Baumaßnahmen erfordern – so betont die Bahn – eine vorübergehende Straßensperrung der Neuen Harth, der Zwenkauer, der Turner und der Lindenstraße. Die Erreichbarkeit der Wohngebiete mit PKW und LKW soll aber durch Offenhaltung mindestens einer Straße immer sichergestellt sein.

Der Abschluss der Bauarbeiten ist für Ende 2019 vorgesehen

MarkkleebergMitteldeutsche S-BahnGaschwitz
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