Staatsministerin Petra Köpping fordert zeitnahe Aufarbeitung der Treuhand-Geschichte

Geschehen Zeichen und Wunder? Oder wird auch der Vorstoß von Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) wieder ins Leere laufen, endlich die Treuhandakten auszuwerten und Licht ins Dunkel der frühen 1990er Jahre zu bringen? Zumindest thematisierte es die Ministerin am Montag, 15. Mai, bei einem Pressetermin in der Konsumzentrale in Plagwitz.

Seit geraumer Zeit hat die Ministerin ein Thema aufgemacht, das eigentlich nicht zu ihrer ursprünglichen Stellenbeschreibung gehört. Aber in ihren Gesprächen in vielen Teilen Sachsens kam sie auch mit einigen jener vielen Sachsen ins Gespräch, die sich 27 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung selbst immer noch nicht integriert fühlen. Sie haben oft genug mehrfach gebrochene Berufskarrieren hinter sich, arbeiten oft nicht mehr im gelernten Beruf und fühlen auch den Verlust der früheren Arbeitswelt als Manko.

Folge: Es interessieren sich wieder viele Menschen, darunter auch viele Jüngere, für die tiefgreifenden Veränderungen dieser Zeit in der Wirtschaft: Was geschah Anfang der 1990er mit tausenden DDR-Betrieben? Welche Rolle spielte die Treuhand? Werden Zeitzeugen aus der DDR-Wirtschaft ernst genommen oder als „Ostalgie“-Anhänger abgetan? Und: Gibt es auch wirtschaftliche Erfolgsgeschichten aus Sachsen?

Seit drei Jahren gehen Protagonisten aus den unterschiedlichsten Bereichen in einem Verein zur Gründung eines „Dokumentationszentrums Industriekulturlandschaft Mitteldeutschland“ (DokMitt) diesen Fragen nach – vor allem im Leipziger Raum. Dabei stehen der Braunkohlenbergbau, die landschaftlichen Veränderungen, das Für und Wider der Braunkohle in Industrie und Umwelt, aber auch die Leistungen der früheren und heutigen Bergleute besonders im Fokus. Dabei kommt dem Sächsischen Wirtschaftsarchiv e.V. (SWA) mit Sitz in Leipzig in der Konsum-Zentrale in Plagwitz für die Sicherung und wissenschaftliche Aufarbeitung von Wirtschaftsunterlagen und der Auswertung von Zeitzeugenberichten eine wichtige Rolle zu.

Im Beisein der Sächsischen Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, Petra Köpping, wurden am Montag historische Unterlagen, Fotos und Pläne durch das mitteldeutsche Bergbauunternehmen MIBRAG an das SWA übergeben. Die Dokumente sollen dem DokMitt e.V. zur wissenschaftlichen Auswertung zur Verfügung gestellt werden.

Seit ihrer vielbeachteten Rede zu den Nachwendeungerechtigkeiten im Osten erhält Sachsens Staatsministerin für Gleichstellung und Integration viele Zuschriften, in denen immer wieder auch die Aufarbeitung der DDR-Wirtschaftsgeschichte und der Wendeereignisse gefordert wird. Köpping: „Für die Anerkennung der Lebensleistung der Menschen im Osten ist das enorm wichtig. Viele haben zu DDR-Zeiten unter schwierigsten Bedingungen gearbeitet. Das verdient höchsten Respekt. Ich unterstütze das Sächsische Wirtschaftsarchiv in seinen Bemühungen, historische Unternehmensdokumente zu sichern und diese gemeinsam mit dem Verein DokMitt aufzuarbeiten und zugänglich zu machen.“

Und am Montag benannte sie den möglichen Punkt, an dem vielen Sachsen das Gefühl der Anerkennung verloren gegangen zu sein scheint.

„Von vielen wird der wirtschaftliche Zusammenbruch 1990 als normale schöpferische Zerstörung beschrieben, wie sie nun mal im Kapitalismus stattfindet. Doch diese allein auf ökonomischen und manchmal noch ökologischen Argumenten fußende Beschreibung macht Hunderttausende von ostdeutschen Arbeiterinnen und Arbeitern zu bedauerlichen Kollateralschäden der Nachwendezeit“, benennt Köpping das Phänomen.

Und dann kommt sie auf ein Thema zu sprechen, das bis heute unter Verschluss ist: die Arbeit der Treuhand. Niemand darf mit dem gewaltigen Aktenbestand arbeiten, so dass auch alle Fragen zu dieser Großabwicklung der Wirtschaft im Osten ungeklärt im Raum hängen.

Köpping forderte möglichst zeitnah eine ehrliche Aufarbeitung der Treuhand-Tätigkeiten.

„Es gibt riesige Aktenbestände der Treuhand und von ihr abgewickelter Unternehmen. Diese Akten sind großenteils nicht freigegeben. Liest man nach, dann hat die damalige CDU-Bundesregierung bis zu 80 Prozent der Treuhand-Dokumente als Verschlusssachen eingestuft. Vielfach scheinen es die Treuhand-Mitarbeiter selbst gewesen zu sein, die festlegen konnten, was mit welchen Schutzfristen weggeschlossen werden sollte“, sagte die Ministerin.

Bleibt nur die Frage: Wer hebt diese Verschlussfristen auf?

Denn solange diese Fristen gelten, kann niemand mit dem Bestand arbeiten. Die große Transformationsgeschichte des Ostens bleibt unaufgearbeitet. Und das Gefühl bleibt latent, dass da einiges im Osten nicht mit rechten Dingen abgelaufen ist.

Da hilft aller Verweis auf schutzwürdige Privatinteressen nichts. Da hilft nur Freigabe für eine unabhängige Forschung.

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