Gerade die Brutvogelbestände in Sachsens Feldern verzeichnen deutliche Rückgänge seit 2006

Für alle LeserNicht nur das Insektensterben beunruhigt mittlerweile viele Menschen, auch das Verschwinden der Brutvögel aus den monotonen Landschaften sorgt für Fragen. Kann es sein, dass die intensive Landwirtschaft dafür sorgt, dass die Brutvögel kein Futter mehr finden und keinen Platz zum Nisten? Das wollte der Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Sächsischen Landtag, Wolfram Günther, jetzt einmal wissen. Die Antwort ist durchwachsen.

Oder mit den Worten, die der diensthabende Kultusminister Christian Piwarz (CDU) herausgegeben hat: „Der Trend fällt bei 50 Brutvogelarten positiv, bei 66 Arten gleichbleibend (+/- zehn Prozent) und bei 61 Brutvogelarten negativ aus.“

Er hat auch eine Tabelle mitgeliefert, in der Schwankungen von über 50 Prozent extra dunkel unterlegt sind. Aber diese Unterlegungen sind wenig aussagekräftig.

„Die Beantwortung der Frage, welcher Anzahl von Vögeln dies entspricht, ist nur eingeschränkt möglich, weil sich die Bestandszahlen nicht auf lndividuen sondern auf Reviere, Paare oder Brutpaare beziehen. Außerdem handelt es sich bei den Bestandsangaben zum Teil um Zählungsergebnisse und zum Teil um Schätzungen, die in vordefinierte Größenklassen mit Minimal- und Maximalwerten angegeben werden. Aufgrund der vorgenannten Restriktionen können die so ermittelten Werte (siehe Spalte 7 der als Anlage beigefügten Tabelle) nur eine grobe Orientierung geben“, so Piwarz.

Außerdem handelt es sich um Beobachtungstrends aus den Jahren 2006 bis 2016.

Mit der nächsten Aussage geht Piwarz freilich sehr weit, denn das wird durch die Zahlen so nicht untermauert: „Ein genereller Bestandsrückgang der Vogelarten im Offenlandbereich, wie die Fragestellung unterstellt, trifft nicht zu. Neben Arten mit starken Bestandsrückgängen gibt es auch solche mit stabilen oder sogar zunehmenden Trends. Die Frage nach den Ursachen für die Trends lässt sich nur artbezogen beantworten. Diesbezüglich wird auf die Publikation ‚Brutvögel in Sachsen‘ verwiesen. Der Staatsregierung liegen keine Studien oder andere, nach wissenschaftlichen Maßstäben gewonnenen Erkenntnisse vor, die eine Benennung von einzelnen Faktoren, wie den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, den Strukturreichtum der Landschaft oder die lnsektenbiomasse, als Ursachen für Bestandsrückgänge zulassen.“

Dass diese Untersuchungen nicht vorliegen, liegt auch an der Haltung des zuständigen Agrarministers Schmidt, der die Aufnahme solcher Untersuchungen in Sachsen mit der Aussage verweigert, man wolle das der Bundesebene überlassen. Deswegen kann Sachsens Regierung nicht wirklich irgendeine Aussage zu den Brutvogelbeständen machen. Und das soll auch so bleiben, teilt Piwarz mit: „Die Staatsregierung plant derzeit keine Untersuchungen oder Forschungsvorhaben über den Zusammenhang zwischen abnehmenden Vogelbeständen und den genannten Faktoren.“

Was aber sagt dann die Tabelle tatsächlich aus?

Eigentlich nur: Einige Brutvogelbestände kommen mit den Veränderungen besser zurecht und finden in benachbarten Landschaftsräumen (Wäldern oder auch urbanen Räumen) sogar neue Nahrungsquellen und Nistmöglichkeiten. Andere sind vom Verschwinden ihres Lebensraumes in der Agrarlandschaft direkt betroffen. Und das ist in der Tabelle durchaus ablesbar.

Ganz gut zurecht mit den Veränderungen kommen zum Beispiel die Blau- und die Kohlmeisen mit 31 bis 40 Prozent Zuwachs ihrer Population. Sie sind auch in Leipzig gut zu beobachten. Auch Buchfink und Buntspecht finden noch Lebensraum, Zuwachs 21 bis 30 Prozent. Aber auch sie sind keine Vögel der Agrarlandschaft, sondern des Waldes. Die Amsel ist ein sehr „städtischer“ Vogel und kann ähnliche Zuwächse verzeichnen. Auch das Rotkehlchen und die Ringeltaube haben Zuwächse, sind aber ebenfalls keine ausgesprochenen Feldbewohner.

Dafür verzeichnen Vögel, die auf Feld und Wiese als Lebensraum angewiesen sind, deutliche Einbußen – mit Bekassine, Bläßhuhn und Feldlerche angefangen, mit Heidelerche und Kiebitz geht es weiter. Und das Rebhuhn hat mit 71 bis 89 Prozent trotz eh schon winzigem Bestand noch weiter eingebüßt. Und auch Saatkrähe, Wiesenschafstelze und Wachtel verzeichnen Bestandsrückgänge. Alles ziemlich starke Hinweise darauf, dass gerade die einst artenreiche Agrarlandschaft verschwindet. Einige der dort heimischen Raubvögel verzeichnen zumindest leichte Rückgänge – etwa die Rohrweihe mit 21 bis 30 Prozent.

Das Bild ist zwar sehr durchwachsen. Manches deutet darauf hin, dass einige Brutvögel mit den Veränderungen besser zurechtkommen, weil sie zum Beispiel auch in menschliche Siedlungen ausweichen können. Aber gerade die Brutvögel in der Feldflur haben ganz unübersehbar gewaltige Probleme. Da hilft es auch nichts, sich auf unterschiedliche Ursachen herauszureden und dann gar nichts zu tun. Die Zeit, dass ein paar Vogelhäuschen gereicht haben, den Vögeln beim Überleben zu helfen, ist vorbei. Alles deutet darauf hin, dass in unseren Feldfluren etwas passieren muss – ganz ähnlich, wie es die Grünen jetzt in Leipzig beantragt haben – mit der Anlage von neuen Blühstreifen und Feldhecken und dem Verzicht auf Pestizide auf stadteigenen Flächen.

Die neue Leipziger Zeitung Nr. 64: Kopf hoch oder „Stell dir vor, die Zukunft ist jetzt“

ArtensterbenBrutvogelkartierung
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