Die Reaktionen auf die geplante Ordensverleihung an Abdel Fattah Al-Sisi in Dresden + Update

Für alle LeserIn Sachsen kann man eigentlich froh sein, wenn man keine offiziellen Orden und Ehrenzeichen bekommt. Man geriete dabei in eine Gesellschaft, in der man ständig das Gefühl haben müsste, dass hier eigentlich eher Kumpels ihren Kumpels ein blitzendes Gehänge ans Revers heften. Und es dabei völlig egal ist, was für Skandale der mit Orden Behängte schon auf seinem Kerbholz hat. So wie Abdel Fattah Al-Sisi, der sich 2013 in Ägypten an die Macht geputscht hat.

Die erste offizielle Reaktion auf die Nachricht, dass der Semperopernball Verein, der den St. Georgs Orden beim Semperopernball überreicht, den ägyptischen Dikator Al Sisi mit neuem Lametta behängen will, gab es übrigens aus der sächsischen FDP. Was verblüfft, ist doch nun ausgerechnet der ehemalige FDP-Vorsitzende Holger Zastrow auch noch der PR-Verantwortliche für den Semperopernball.

Aber gleich am Samstag, 25. Januar, meldete sich der aktuelle FDP-Landesvorsitzende Frank Müller-Rosentritt mit deutlichen Worten zum Thema:

Frank Müller-Rosentritt: „Geplante Verleihung des St.-Georgs-Ordens an Abdel Fattah al-Sisi extrem verstörend und naiv.“

FDP-Landesvorsitzender Frank Müller-Rosentritt: „Die Verleihung des St.-Georgs-Ordens an Abdel Fattah al-Sisi beim Dresdener Semperopernball empfinde ich als extrem verstörend und naiv. Alle Werte für die wir Sachsen, Deutsche und Europäer stehen, wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte, sind derzeit in Ägypten gefährdet oder werden mit Füßen getreten, wenn politisch unliebsame Menschen für Jahre im Gefängnis landen oder sogar ohne Anklage hingerichtet werden.

Es gäbe andererseits weltweit viele mutige Menschen, die sich aktuell für Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, unter dem Einsatz ihres Lebens engagieren, wie in Hongkong oder dem Iran. Oder Journalisten, die unschuldig in Gefängnissen von Autokraten sitzen, wie etwa in der Türkei oder in Russland. Sie würden es verdienen, ausgezeichnet zu werden.

Wenn man Personen wie Präsident Putin und General al-Sisi bei einer so wichtigen Gala auch noch auszeichnet und ihnen eine Bühne bietet, braucht man sich nicht zu wundern, warum einige Menschen in Deutschland Sympathien für Autokraten hegen, werden sie doch von vermeintlich honorigen Gesellschaften öffentlich für ihr Wirken ausgezeichnet. Das haben Dresden und die wunderbare Semperoper nicht verdient. Ein Glück, dass meine Frau und ich dieses Jahr keine Karten für diesen Ball haben. Hätten wir welche, hätten wir sie zurückgegeben!“

***

Die anderen Meldungen zu Fall Al Sisi gab es dann erst am Montag, 27. Januar. Gleich in den Morgenstunden meldete sich die Arbeitsgemeinschaft für Akzeptanz und Gleichstellung in der SPD Sachsen zu Wort:

Die Verleihung des St.-Georgs-Orden an den ägyptischen Machthaber Abdel Fattah Al-Sisi ist ein Skandal – der Mitteldeutsche Rundfunk muss seine Zusammenarbeit mit dem Semperopernball beenden!

Oliver Strotzer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Akzeptanz und Gleichstellung in der SPD Sachsen (SPDqueer) zur Verleihung des St.-Georgs-Orden an den ägyptischen Machthaber Abdel Fattah Al-Sisi: „Erst Wladimir Putin und nun der ägyptische Machthaber Abdel Fattah Al-Sisi. Der St.-Georgs-Orden des Dresdner Semperopernballs ist zu einem Feigenblatt für Menschenfeinde verkommen. In Al-Sisis Gefängnissen sitzen tausende Oppositionelle und Journalisten. Unter ihm hat die Verfolgung homosexueller Menschen massiv zugenommen. Und dem künstlerischen Leiter des Opernballs, Hans-Joachim Frey, fällt nichts Besseres ein als sich zu Al-Sisis nützlichem Idioten zu machen.

Wer noch einen Funken Anstand besitzt, sollte dieser Veranstaltung fernbleiben. Vom Mitteldeutschen Rundfunk erwarte ich, die Beendigung der Medienpartnerschaft mit dem Semperopernball“.

***

Wenig später meldete der Dresdner Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grüne Stephan Kühn, dass er gleich mal einen Offenen Brief an Semper Opernball Chef Hans-Joachim Frey geschrieben habe.

Der Offene Brief.

Zur Verleihung des St. Georgs-Ordens an den ägyptischen Diktator Abdel Fattah Al-Sisi erklärte Stephan Kühn am Montag: „Ich bin bestürzt über die Verleihung des St.-Georgs-Ordens an den ägyptischen Diktator Abdel Fattah Al-Sisi und habe dies dem künstlerischen Leiter des Semper Opernballs Hans-Joachim Frey in meinem heutigen Brief deutlich mitgeteilt.

Nicht nur, dass die kulturellen Leistungen von Abdal-Fattah Al-Sisi zweifelhaft sind, seine Menschrechtsverletzungen dürfen bei der Verleihung einer solchen Anerkennung auf keinen Fall ausgeblendet werden. Oppositionelle Politiker, Aktivisten und Journalisten werden inhaftiert oder entführt. Die Zahl der Hinrichtungen ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Für mich ist dieser Mann weder ein ,Brückenbauer‘ noch der ,Mutmacher eines ganzen Kontinents‘.

Der Semper Opernball rollt einem Diktator den roten Teppich aus und beschädigen so ,die schönste Nacht des Jahres‘ in Dresden. Das beschämt mich zutiefst und lässt mich an den Werten des Semper Opernballs mehr als zweifeln.“

***

Und auch Sachsens DGB-Chef Markus Schlimbach hat die Verleihung des St.-Georgs-Ordens des Dresdner Semperopernballs an Ägyptens Staatspräsidenten Abdel Fattah al-Sisi am Montag scharf kritisiert.

„Der Semper-Orden könnte sich umbenennen in Orden wider Sinn und Verstand“, sagte der Gewerkschafter am Montag in Dresden. „Erst kürzlich hat die bei der UNO angesiedelte Internationale Arbeitsorganisation (ILO) die Verletzung der Vereinigungsfreiheit in Ägypten festgestellt. Ein neues Arbeitsrecht erschwert es Beschäftigten in dem nordafrikanischen Staat massiv, sich in Gewerkschaften zusammenzuschließen. Ganz abgesehen davon, dass dies ein Menschenrecht ist, unterminiert die Politik des ägyptischen Präsidenten den inneren sozialen Frieden in diesem krisengeschüttelten Land. Ein solcher Hintergrund hat nichts mit Kultur zu tun, sondern mit Diktatur.

Nachtrag, 29.Januar, 9 Uhr. Jetzt gibt es auch ein Statement vom Semper Opernball e.V

Semper Opernball e.V. zur Debatte um die in Kairo erfolgte Preisverleihung an den ägyptischen Präsidenten El-Sisi: Dazu  erklärt der 1. Vorsitzende des Semper Opernball e.V. und künstlerische Leiter des SemperOpernballs, Hans-Joachim Frey:

„Die Debatte um die Verleihung des St. Georgs Orden an den ägyptischen Präsidenten El-Sisi bewegt die Öffentlichkeit. Als Semper Opernball e.V. nehmen wir die Kritik und die vorgebrachten Argumente sehr ernst. Uns sind die entstandenen Irritationen bewusst und wir bedauern sie von Herzen. Wir möchten uns für diese Preisverleihung entschuldigen und davon distanzieren. Die Verleihung war ein Fehler.

Wir nehmen die Debatte zum Anlass, über unser Selbstverständnis als Kulturbotschafter und wie man dieses ausgestaltet und lebt nachzudenken und werden dazu auch das Gespräch mit unseren Freunden und Partnern suchen. Es steht außer Zweifel, dass der SemperOpernball für kulturelle Vielfalt genauso steht wie für Meinungs- und Pressefreiheit. Für den kommenden Ball bestätigen wir noch einmal, dass die Preisverleihung keinerlei Rolle auf dem 15. SemperOpernball spielen wird. Sie wird weder in Wort noch im Bild im Programm des SemperOpernballs oder im Fernsehen stattfinden.

Wir werden alles dafür tun, damit der SemperOpernball das bleibt, was er 15 Jahre lang war – ein wunderbares Fest für Kulturfreunde von überall her und ein einmaliges Ballerlebnis für tausende Besucher in und vor der Semperoper, das von Dresden weit ins Land hinaus strahlt und weiter strahlen soll.“

***

Hinweis der Redaktion in eigener Sache (Stand 24. Januar 2020): Eine steigende Zahl von Artikeln auf unserer L-IZ.de ist leider nicht mehr für alle Leser frei verfügbar. Trotz der hohen Relevanz vieler Artikel, Interviews und Betrachtungen in unserem „Leserclub“ (also durch eine Paywall geschützt) können wir diese leider nicht allen online zugänglich machen. Doch eben das ist unser Ziel.

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