Bildung und Aufklärung über die Klimakrise muss Staatsaufgabe sein, auch in Sachsen, Herr Kretschmer!

Für alle LeserDer sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) erzählte kürzlich in einem Interview mit Florian Schroeder, er habe von seiner Frau gelernt, man könne sich nur 90 Sekunden lang wirklich aufregen und alles, was danach komme, sei gespielt. Ob das nun stimme oder nicht, wisse er allerdings nicht, er wolle natürlich auch keine Fake-News verbreiten.

Ehrlich gesagt, ich möchte dies mit den eigenen Beobachtungen gern bestätigen, manchmal dauert es vielleicht auch fünf Minuten länger, aber insgesamt kenne ich das, dass Aufregung schneller überwunden ist, wenn Probleme offen und ehrlich angesprochen werden.

Die Quarantäne Show vom 11.05.2020 -- Gast: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU)

Dennoch, es kommt drauf an. Zum Beispiel regt mich gerade auch die Politik von Michael Kretschmer in solch einer Regelmäßigkeit auf, dass ich die Beruhigung dazwischen gar nicht mehr erkennen kann. Die 90 Sekunden dauern durchaus schon eineinhalb Jahre und das hat etwas damit zu tun, dass die Probleme zum einen gar nicht ernst genommen werden und zum anderen erst unsere Kinder und Enkel so richtig und in aller Größe zu spüren bekommen werden.

Die Rede ist von der globalen Klimakrise, an der wir in Sachsen nicht nur kräftig mitwirken, sondern auch noch viel mehr als andere Bundesländer in Deutschland. Während wir uns nämlich über einen steigenden Anteil an Erneuerbaren Energien im deutschen Strommix freuen, ändert sich in Sachsen nicht wirklich etwas. Der Anteil der Braunkohle in der Stromerzeugung lag 2016 laut dem sächsischen Bericht zur Energieversorgung im bundesdeutschen Durchschnitt bei knapp mehr als 20 Prozent, in Sachsen hingegen waren wir bei ganzen 75 Prozent!

Bruttostromerzeugung in Deutschland und Sachsen 2016. Grafik: Freistaat Sachsen, Statistisches Landesamt

Bruttostromerzeugung in Deutschland und Sachsen 2016. Grafik: Freistaat Sachsen, Statistisches Landesamt

Bevor wir uns aber über Zahlen aufregen, möchte ich gern mit dem Slogan „Unite behind the Science“ auf die Wissenschaftler/-innen verweisen und zurück zur Politik kommen. Denn die Frage ist doch, ob wir das tatsächlich nötig haben. Nötig halte ich vor allem den Ausbau der erneuerbaren Energiegewinnung! Behindert wird der Ausbau aber zum Beispiel durch den sogenannten Solardeckel, einer Kappung der Förderungsmittel für Solar bei 52 Gigawatt installierter Leistung in Solaranlagen.

Die durch das Klimaschutzpaket 2019 beschlossene Abschaffung des Solardeckels ist immer noch nicht umgesetzt, was zum einen nicht nachvollziehbar und zum anderen schädlich für eine komplette Wirtschaftsbranche ist – eine die tatsächlich wichtig für die Zukunft aller anderen ist, denn egal ober wir wohnen oder uns bewegen, alles soll in Zukunft auf Strom basieren.

Wir müssen aber gar nicht nur die offensichtlichsten Probleme aufmachen, viel mehr interessiert mich, welche Anstrengungen Sachsen unternimmt, um über die Folgen, die Möglichkeiten und die konkreten Maßnahmen in unserer jetzigen Situation aufzuklären.

Eine von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) in Auftrag gegebene forsa-Studie zeigt, dass 59 Prozent der Befragten glauben, dass die Klimakrise langfristigere Auswirkungen auf unser Leben hat, als Corona. Ganze 93 Prozent würden es begrüßen, wenn dabei Einordnungen und Analysen der Wissenschaftler/-innen sehr viel stärker in die Entscheidungen mit einbezogen würden.

Bürger wünschen sich die Einbeziehung der Wisssenschaft durch Politik und Öffentlichkeit. Grafik: DBU

Bürger wünschen sich die Einbeziehung der Wissenschaft durch Politik und Öffentlichkeit. Grafik: DBU

Unite behind the science

Das heißt natürlich nicht, dass Politiker/-innen und Öffentlichkeit bisher wissenschaftsfern gelebt hätten, aber immer wieder drängt sich bei solchen Betrachtungen der eben erwähnte Slogan „Unite behind the Science“ förmlich auf.

Diesen sagte kürzlich auch unsere Bundeskanzlerin Frau Dr. Angela Merkel bei den Petersberger Klimadialogen und sie sagte es so, als wäre dies dann doch noch ein neue Erkenntnis oder zumindest eine, die jetzt auch endlich ernst genommen werden muss. „,Unite behind the science‘, das ist das, was wir jetzt brauchen, in der Bekämpfung der Corona-Pandemie, wenn wir auf die Entwicklung von Impfstoffen, auf die Aussagen der Virologen angewiesen sind.

Genauso sollten wir das übernehmen, wenn wir uns dann weiter mit Klimaschutz befassen, denn das ist auch eine Herausforderung, die man nicht sofort sehen kann, die aber uns alle umgibt und auf die wir reagieren müssen – eine sehr langfristige, aber eine, die kurzfristiges Handeln erfordert.“ (Angela Merkel am 28.04.2020 auf dem Petersberger Klimadialog)

Auch wenn das alles seit der ersten Aufklärung nicht neu sein kann, so muss trotzdem irgendwie noch mehr passieren. „Unite behind the science“ oder zu gut deutsch: „Hört auf die Wissenschaft“ war und ist eine der zentralen Rufe der Klimabewegung in die Richtung der Politik. Im Juli 2019 sprach Greta Thunberg vor der Pariser Nationalversammlung und sie nutzte diese Gelegenheit auch, um zu Beginn über ein paar wissenschaftlich belegte Zahlen zur Klimakrise zu referieren.

Als sie fertig war, fügte sie hinzu: „Ich habe nicht ein einziges Mal gehört, dass ein Politiker, ein Journalist oder ein Wirtschaftsführer diese Zahlen genannt hätte. Es ist fast so, als wüssten sie nicht einmal, dass es diese Zahlen gibt, als hätten Sie den letzten IPCC-Bericht nicht gelesen.“

Unite behind the science -- Greta Thunberg and the world’s carbon budget

Was also passiert wirklich, um über die Klimafakten aufzuklären?

Angebote rund das gesamte Thema Klima und Klimakrise gibt es nicht zuletzt auch von der Klimabewegung selbst. Zum Beispiel bietet die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit gemeinsam mit Health for Future ab heute die Vorlesungsreihe „Planetary Health“ für Auszubildende und Berufstätige in den Gesundheitsberufen.

Bereits im vergangenen November starteten die Student for Future die „Public Climate School“ , welche Ende Mai mit Vorlesungen und Workshops im Online-Format in die zweite Runde geht. Aber auch von Fridays for Future selbst gibt es Vorträge, die unter dem Hashtag #WirBildenZukunft angeboten werden.

Die Leipziger Akteure der Klimabewegung bilden sich auch online und bieten öffentliche Diskussion und Vorträge im Netz, entweder in Form von Zuarbeit für das Bundesformat #WirBildZukunft oder auch in zusätzlichen eigenen Vorträgen, wie die Webseite leipzigfuersklima.de verrät.

Am Mittwoch, 13. Mai, um 16:00 Uhr gab es den Vortrag „100 % Erneuerbare Energien in Europa vor 2050“ mit Prof. Dr. Christian Breyer, am heutigen Donnerstag, 14. Mai, stellt sich HateAid mit dem Thema „Hilfe gegen OnlineHass“ vor und am 18. Mai gibt Alena Hahn vom Deutschen Biomasseforschungszentrum (DBFZ) einen Überblick über Negative Emissionstechnologien.

Bleibt also die Frage, wann Michael Kretschmer mit einsteigt, um den Vorstellungen der 93 Prozent der Bevölkerung gerecht zu werden? Es geht hier immerhin um unser aller Zukunft, was wenn nicht Zukunft soll sonst einer der wichtigsten Aufgaben eines Staates sein?

Mit der „Klimakonferenz sächsischer Schüler/-innen“ sind „Fridays for Future“ und „Parents for Future“ Sachsen mindestens in der Umsetzung noch nicht zufriedengestellt, aber es ist immerhin ein Anfang. Um auch nur ansatzweise an die 93 Prozent heranzukommen, muss viel viel mehr passieren und um das abschließend auch noch einmal klarzumachen: die Zeit, um abzuwarten, ist bereits vor Jahren abgelaufen. Jeder Tag zählt.

Steffen Peschel betreibt den Blog Klimakonferenz.org und engagiert sich bei Parents For Future.

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2014 in Plagwitz entdeckt: Edward-Snowden-Platz. Foto: Marko Hofmann

Foto: Marko Hofmann

KommentarNatürlich staunten auch wir bei der L-IZ, als der Stadtrat im Januar plitzplauz und aus heiterem Himmel dem Antrag von Stadtrat Thomas Kunmbernuß (Die PARTEI) zustimmte, die Arndtstraße in der Leipziger Südvorstadt in Hannah-Arendt-Straße umzubenennen. Was dann, wie es aussah, einen ganzen Schwanz von Petitionen zu weiteren Straßenumbenennungen nach sich zog, weil ja auch andere griesgrämige Männer mit verqueren Ansichten im Leipziger Straßenraum gewürdigt wurden und werden.
Bilden Leipziger Straßennamen tatsächlich nur ein öffentliches Stadtgedächtnis?
Die viel befahrene Jahnallee. Foto: LZ

Foto: LZ

Für alle LeserMittlerweile beschäftigen ja eine ganze Reihe Anträge zu Straßenumbenennungen den Leipziger Stadtrat, nachdem der Anfang des Jahres schon der Umbenennung der Arndtstraße zustimmte. Zu jedem dieser Anträge verfasst das Dezernat Allgemeine Verwaltung in der Regel eine Stellungnahme – in der Regel ablehnend, weil seit 1999 so eine Art Stillhalteabkommen gilt, nachdem Verwaltung und Stadtrat eine Kompromissformel gefunden hatten, um die Umbenennungswelle der 1990er Jahre zu beenden.