Kommentar: (H)Einer trampelt durch das Ehrenamt – Inter-Trainer Backhaus und der Leipziger Fußball

Haben Sie schon mal etwas vom FC Inter Leipzig gehört? Der junge Club ist relativ unbemerkt von der Öffentlichkeit vor zwei Wochen in die Oberliga Nordost-Süd aufgestiegen. Trainer und Gründungsmitglied Heiner Backhaus schoss in der Aufstiegseuphorie jedoch ein verbales Eigentor. Im Interview in der Leipziger Zeitung vom 26. Juni kamikazte er unreflektiert gegen den Leipziger Nachwuchsfußball. Und hob dabei seinen eigenen Club auf den von ihm gebauten und gepriesenen Thron, der offenbar vorwiegend aus heißer Luft besteht.
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Für einen Außenstehenden mag das Interview von Chris Rohde mit Heiner Backhaus von kurzer Verweildauer gewesen sein. Heiner Backhaus, Trainer des FC International, beantwortet handzahme, unkritische Fragen. Doch zumindest den Hunderten, die sich im Leipziger Nachwuchsfußball engagieren, werden wahlweise beim Lesen die Kippen oder die XXL-Burger aus der Hand gefallen sein. „Stichwort Nachwuchs: Da habt ihr ja im Hinblick auf die nächste Saison einen erheblichen Zuwachs zu verzeichnen. Erzähl darüber doch mal ein paar kurze Sätze“, fordert Rohde offenbar ohne konkreten Hintergedanken Heiner Backhaus auf, ein wenig zu plaudern.

Der Weltenbummler kommt auch alsbald ins Schwatzen: „Diesen große Zuspruch, den wir da haben, führe ich auf unsere Modernität zurück. Fußball in Leipzig ist langweilig – wenn man RB ausnimmt, wo 99,9 % der Kinder nie ankommen. Du kannst dich dann für Verein A, B oder C entscheiden – und bei uns gibt es ein klares Konzept und vor allem Jugendtrainer, die aus Sicht der Kinder cool sind. Da engagieren sich die Spieler aus der ersten Mannschaft, die Vorbilder sind – und eben nicht rauchen oder dicke Bäuche haben, wie in vielen anderen Klubs. Außerdem können sie hier in mehreren Sprachen kommunizieren. Das Beste ist nicht gut genug für die Kinder! Und die merken dann schnell, dass sie bei uns etwas lernen können und – ganz wichtig – dass jeder willkommen ist. […]“

Ein Statement, was man zwei- oder dreimal lesen muss, um alle Dimensionen zu erfassen. Und vor allem findet man nirgendwo einen Beleg oder eine Zahl, die den „großen Zuspruch“ untermauern.

„Das sind anmaßende Äußerungen“

Präsidenten anderer Leipziger Clubs machen jedenfalls beim großen Kopfschütteln mit. „Das sind anmaßende Äußerungen. Vielleicht wollte er provozieren, vielleicht läuft er mit Scheuklappen durch die Gegend oder er weiß es wirklich nicht besser“, äußerte sich Roger Schöne, Präsident von Kickers Markkleeberg, zur verbalen Blutgrätsche von Heiner Backhaus. „Bei uns sind 80 Prozent aller Spieler der 1. Männermannschaft im Nachwuchs engagiert und es werden zukünftig noch mehr werden. Ein klares Konzept haben wir auch.“

Christian Rocca, ehemaliger Präsident des FC Sachsen und heute in gleicher Position bei Eintracht Leipzig-Süd, schwor erst vor drei Wochen seine 30 (!) Nachwuchstrainer auf die kommende Saison ein. Und keiner hatte dabei das Bier auf seinem Bauch abgestellt. Er widerspricht Backhaus ebenfalls. „Ich möchte vorweg schicken, dass ich Heiner Backhaus und seine Arbeit mit dem sympathischen Ansatz beim FC International sehr schätze. Ehrenamtliche Nachwuchsarbeit im Fußball ist eine grundlegende Säule der Entwicklung von jungen Menschen in unserer Gesellschaft. Das Engagement aller, abgesehen von den hochbezahlten des Leipziger Rasenballsports, als „langweilig“ zu bezeichnen, ist von Heiner Backhaus sicherlich ungeschickt gewesen“, so Rocca vergleichsweise moderat.

Aber auch er verweist darauf, dass sich bei Eintracht Süd genügend Spieler der 1. Männermannschaft im Nachwuchs engagieren. „Wenn ich Heiner richtig verstanden habe, macht uns das geradezu sexy.“

Internationalität nur beim FC Inter Leipzig?

Auch beispielsweise beim SV Schleußig zieht sich diese Bande durch den Nachwuchs. Das ist also schon mal keine Idee des FC Inter. Kann sein, dass mancher Verein kein ausgefeiltes oder klares Nachwuchskonzept hat. Dafür braucht es in fast allen Clubs auch ehrenamtliche Kräfte, die so leicht nicht zu bekommen sind. Und überhaupt dieses Wort „langweilig“? Man betrachte nur mal die Vereine Chemie, Lok und Roter Stern und ihre verschiedenen Betrachtungsweisen von Fußball, die sich auch im Nachwuchs widerspiegeln.

Dazu die Jungs von United F.C., eine Mannschaft aus Kindern mit Migrationshintergrund, die nun beim VfK Blau-Weiß untergekommen sind. Eigentlich müsste man sich fragen, wo denn die „Spannung“ bei diesem neuen FC International sein soll? Die Spieler aus der 1. Herren, die dem Nachwuchs auf die Füße schauen, sind es schon mal nicht. Spieler mit Migrationshintergrund sind es auch nicht. Die gibt es mittlerweile in jedem Club. Bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Tägliche Presseberichte über abgelehnte Spieler mit Migrationshintergrund finden sich auch nicht. „Wir schicken doch deswegen niemanden weg“, echauffierte sich Schöne.

Ein kleiner Tipp am Schluss

Bierbäuchige und rauchende Trainer haben sich im Zentralsportpark und an der Südkampfbahn in den letzten Jahren immer seltener eingefunden. Wenn dann meist bei den gegnerischen Herrenmannschaften. Alles nur ein Bluff von Backhaus, um die eigene Daseinsberechtigung daher zu schwadronieren?

„Ein kleiner Tipp von mir an Heiner: Immer auf die eigene Arbeit konzentrieren und nicht die anderen schlecht machen, reden oder schreiben. Wer es gut macht, wird auch entsprechenden Zuspruch bekommen. Vom Schlechtmachen anderer ist noch keiner ein Held geworden“, so Christian Rocca. Dessen bierbäuchige und rauchende Trainer aus der konzeptlosen Nachwuchsabteilung haben in der vergangenen Saison unter anderem mit der D1 die U11 von RB Leipzig im Stadtpokalfinale mit 5:0 besiegt.

BSG ChemieFC International
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