Es war einmal ein üppiger Schatz phantastischer Geschichten. Überall, wo Menschen zusammenkamen, wurden sie erzählt. Sie erzählten von drängenden Problemen oder großen Wünschen, sie waren bevölkert von frommen Gemütern und hinterlistigen Gesellen, von monumentalen Schlössern, düsteren Wäldern und sprechenden Tieren. In ihnen deckten sich Tische selbst zu einer üppigen Tafel auf, oder ein ganzes Land samt seinen Leuten fiel in einen hundertjährigen Schlaf.
Je nachdem, wer eine Geschichte erzählte und für wen, klang sie mit jedem Mal ein wenig anders. Einer wollte damit vor den Konsequenzen von untugendhaftem Verhalten warnen, eine andere ihre Kunstfertigkeit im Erzählen beweisen. Deshalb hat vermutlich niemand je dasselbe Märchen zweimal gehört.
Einmal trugen Jacob und Wilhelm Grimm viele davon zusammen und schufen die deutschen Märchen. Sie wurden zum gemeinsamen Horizont nicht nur kindlicher Bilderwelten. Gleichzeitig waren die sogenannten Kinder- und Hausmärchen bloß eine Version dieser Geschichten: Da wurde aus der kinderverstoßenden Mutter schon mal eine Stiefmutter gemacht, einfach weil das weniger am biedermeierlichen Familienbild kratzte.
Ein andermal durften die Märchenfiguren weiterziehen ins Kino. Aschenputtel sogar mehrfach: Da hatte sie plötzlich verzauberte Haselnüsse bekommen, musste sich dafür aber Aschenbrödel rufen lassen. Und als Walt Disney sie zeichnete, kam die rettende Hilfe statt von Tauben nun von einer Horde singender, sprechender und tanzender Mäuse. Dazu gab es einen gläsernen Schuh, drei Oscar-Nominierungen, eine eigene Barbie-Ausgabe sowie diverse andere Merchandise-Produkte für Cinderella, wie sie international genannt wurde.
Noch einige Jahre zogen ins Land, da trug es sich zu, dass viele friedliche Menschen eine Mauer zu Fall brachten. Diese hatte sie bislang vom Rest des Landes getrennt. Inzwischen schien der Wiedervereinigung nichts mehr im Weg zu stehen. Diese wurde dazu gespickt mit dem Märchen „blühender Landschaften“, wo allerdings noch ganz Unerwartetes gedeihen sollte.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben die Märchen noch heute. Werden mit und ohne Spindel weitergesponnen, von einigen gar zum roten Faden nationaler Gedanken getrimmt: werden von einer Version der Geschichte zum Kern der einen Identität gedichtet.
Nach zuletzt „vendetta vendetta“ ist Thomas Köck als eine der prägenden Stimmen der Gegenwartsdramatik zurück am Schauspiel Leipzig. Mit „deutsche märchen“ widmet er sich diesem vermeintlich zeitlosen Kulturgut, um sie in unserer Gegenwart zu spiegeln. Da mag dann der böse Wolf drei Wünsche freihaben. Oder Aschenputtel bekommt ihren ersten Talkshowauftritt anlässlich einer Familienzusammenführung mit den Schwestern, oder vielleicht erzählt der Froschkönig endlich seine Version der Geschichte. Oder ganz anders. Hauptsache: Ende gut, alles gut …
Die Regie übernimmt Elsa-Sophie Jach, die mit dieser Uraufführung bereits das vierte Mal am Schauspiel Leipzig inszeniert.
„deutsche märchen (& super creeps)“ von Thomas Köck, Premiere am 18. April, 19.30 Uhr, auf der Großen Bühne im Schauspiel Leipzig.
Regie: Elsa-Sophie Jach, Bühne: Jessica Rockstroh, Kostüme: Sibylle Wallum, Musik: Max Kühn, Dramaturgie: Marleen Ilg
Mit: Thomas Braungardt, Larissa Aimée Breidbach, Vanessa Czapla, Christoph Müller, Emmeline Puntsch, Teresa Schergaut, Bettina Schmidt, Jacob Agha Ebrahim, Manuel Eistetter, Pauline Malkowski, Konstantin Pfrötzschner, Álvaro José Sánchez Rosero, Lilli Schnabel, Alana Lu Wendsche, Hanna Zürn
Live-Musik: Sophia Günst, Eric Sacher
Weitere Vorstellungen: 25. April, 2. Mai (Theatertag), 15. Mai, jeweils 19.30 Uhr, und 7. Juni, 18:00 Uhr, Große Bühne
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:









Keine Kommentare bisher