Gibt es denn in Sachsen keine vernünftigen Regelungen auch für kleine Geschäftsinhaber?

Für alle LeserBis zum 19. April sollen erst einmal die Ausnahmeregelungen aufgrund der Corona-Pandemie auch in Sachsen gelten. Doch die Regelungen sind starr. Und die Diskussionen, wie die Lockerungen demnächst aussehen könnten, sind längst entbrannt. In einem Offenen Brief wendet sich jetzt Markus R. Wiese, der den BBQ-Shop „Grill-Wiese“ in Probstheida betreibt, direkt an den Ministerpräsidenten.

Denn für Kleinunternehmer geht das Verbot, den Laden zu öffnen, sofort an die Substanz. Sie verlieren nicht nur Kunden und Umsätze. Das Geschäft wandert auch zu denen ab, die sowieso schon von der Krise profitieren, weil sie zu den Ausnahmen gehören, die öffnen dürfen: Die Supermärkte der großen Einzelhandelskonzerne.

Warum bekommt Sachsen keine flexiblen Regelungen hin, die auch kleinen Unternehmen das Überleben sichern? Eine durchaus nicht unwichtige Frage: Was wird von der Unternehmenslandschaft in Sachsen nach Ende der Kontaktbeschränkungen noch existieren? Oder verschwindet die noch verbliebene Vielfalt einfach, weil die kleinen – je länger der Ladenschluss anhält – umso eher die Flinte ins Korn schmeißen und aufgeben?

Der Offene Brief von Markus R. Wiese:

Leipzig, Ostermontag 2020

Lieber Herr Ministerpräsident Michael Kretschmer,

vielen Dank für Ihren Osterbrief. Auch ich wünsche Ihnen zu diesem hohen christlichen Fest Freude und Trost. Ihre Zeilen versuchen, Mitgefühl zu zeigen und aufzumuntern. Leider gelingt Ihnen das nur bedingt. Ich möchte Ihnen auch sagen warum:

Als Unternehmer habe ich mein Unternehmen aus eigener Kraft und ohne öffentliche Gelder in den letzten Jahren komplett selbst aufgebaut. Ohne Kredite, ohne Fördermittel, ohne Hilfen des Freistaats. Es ist kein schillerndes „StartUp“, kein sächsischer „Leuchtturm“. Aber es ernährt eine Handvoll Familien und studentische Hilfskräfte. Ich bin es gewohnt, die Ärmel hochzukrempeln, und die Dinge in die Hand zu nehmen.

Mich trägt sächsischer Unternehmergeist und ein Quäntchen typisch sächsische Cleverness. Darauf würde ich auch gern in der Krise setzen, wenn man mich denn ließe. Ich könnte, ohne dem Staat auf der Tasche zu liegen, mein Unternehmen durch die Krise führen und müsste niemanden entlassen oder auf Kurzarbeit umstellen. Aber es ist Ihre fehlende sächsische Politik, die dies verhindert.

Außenansicht von "Grill-Wiese" in der Lene-Voigt-Straße. Foto: Markus R. Wiese

Außenansicht von „Grill-Wiese“ in der Lene-Voigt-Straße. Foto: Markus R. Wiese

Ich vermisse Augenmaß, Gestaltungswille und Vernunft bei dem, was Sie von der Bundesregierung für unseren Freistaat übernommen haben. Hinter dieser unveränderten Übernahme der nationalen Regelungen ist Ihre Regierung unsichtbar geworden. Der Föderalismus, der Ihr Amt legitimiert, ist nahezu abgeschafft. Es gibt keinen sächsischen Weg angesichts extrem niedriger Infektionszahlen im Freistaat Sachsen.

Es gibt keinen Willen zur Gestaltung von vernünftigen Regeln für Unternehmen. Aus meiner Unternehmensperspektive gibt es Sie gar nicht, denn mit allen meinen Ideen, die Krise wirtschaftlich zu meistern und trotzdem das Infektionsrisiko niedrig zu halten, stoße ich auf Ablehnung. Begründung „Wir folgen den bundesweiten Regelungen.“

Mit diesem Argument wurde mein Antrag, mein Geschäft unter Auflagen des Gesundheitsschutzes wieder zu öffnen, abgelehnt. Und während sich in den Discountern die Menschen tagtäglich vor den Regalen drängeln, darf ich auf 400qm Ladengeschäft noch nicht einmal EINEN Kunden pro Stunde empfangen. Ihrem Versprechen „als Staatsregierung an unserer Seite zu stehen“ werden Sie damit nicht gerecht.

Die örtlichen Ämter trauen sich nicht, individuelle Lösungen zu finden, weil sie von Ihnen dazu auch nicht ermutigt werden. Ihre Regierung bereitet dafür auch gar keinen Weg vor. Behördlicher Kleingeist hat wieder Konjunktur. Denn Gestaltungswille wird von Ihnen auf Freistaatebene gar nicht erst vorgelebt.

Darum fordere ich Sie auf, stehen Sie zu Ihrem Versprechen, stehen Sie an unserer Seite. Warten Sie nicht länger, dass irgendetwas passiert, sondern gestalten Sie Politik. Läden könnten unter Auflagen wieder öffnen, Auflagen, die Ihre Regierung ausarbeiten könnte. Unternehmen und Einrichtungen könnten mit einem vernünftigen Infektionsschutzkonzept wieder arbeiten, Konzepte, die Ihre Regierung erstellen kann – die im Übrigen auch die Unternehmen vorschlagen könnten.

Seien Sie ein wahrer Sachse und trauen Sie sich einen cleveren Weg durch die Krise. Gern helfe ich Ihnen dabei.

Ihr Bürger und Unternehmer

Markus R. Wiese, Grill‐Wiese BBQ Shop & Schule Leipzig

Corona-Hilfe made in Leipzig: Initiativen, Ideen und Hilfsangebote aus der Zivilgesellschaft zur Milderung der Coronakrise + Update 12. April

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