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Wirtschaftswachstum im Osten 2016: Brandenburg, Berlin und Sachsen geben im Osten das Tempo an

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    Was ist eigentlich Wirtschaftswachstum? Das fragt man sich wirklich, wenn die Wirtschaftsinstitute ihre regelmäßigen Prognosen zum Bruttoinlandsprodukt abgeben und versuchen zu erraten, was denn nun eigentlich die Gründe für das Wachstum sind. Wenn es eins gibt. Und eigentlich dürfte es bei der flauen Weltmarktlage keines geben in Deutschland. Und trotzdem verkündeten die „Wirtschaftsweisen“ am 29. September eine dicke 1,9-Prozent-Steigerung.

    Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) prognostiziert jetzt gesondert für Ostdeutschland einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 1,8 %, also nur knapp unterm westdeutschen Ergebnis.

    Und dann versuchen es die Wirtschaftsforscher zu erklären. Denn der vielgepriesene Export ist es ja nicht, der für Zuwachs sorgt: „Maßgeblicher Treiber ist wie in Deutschland insgesamt die Binnennachfrage. Insbesondere profitiert die Wirtschaft von der hohen Dynamik in Berlin, Brandenburg und Sachsen. Die Arbeitsproduktivität dürfte in diesem Jahr im Osten wohl etwas schneller als im Westen steigen; somit wird ein kleiner Fortschritt bei der ökonomischen Konvergenz erreicht.“

    Arbeitsproduktivität kann man im Grunde nicht messen. Das ist immer der schwammigste Faktor in der ganzen Rechnerei. Also rechnet man den Produktionsumsatz pro Arbeitnehmer, das also, was als Geld fließt, berechnet auf einen Arbeitsplatz.

    Die Produktivität steigt schon dann, wenn ein Unternehmen seine Preise erhöht, aber auch, wenn die Lohnsumme steigt, denn die wird ja immer in das Endprodukt eingepreist. Deswegen fällt auch das hübsche Wort „Binnennachfrage“ auf. Denn die steigt ja auch dann, wenn die Leute mehr bezahlen für denselben Warenumfang.

    Deswegen liegt man wahrscheinlich nicht wirklich richtig, wenn man sich dabei vorstellt, dass die ostdeutsche Wirtschaft mehr produziert hat.

    Einen dieser seltsamen Produktivitätstreiber benennt das IWH auch: Es ist die Bauwirtschaft.

    Dass da irgendwie die Auftragsbücher voll sind, hatte schon das Sächsische Landesamt für Statistik vermeldet: „Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Sachsen stieg im ersten Halbjahr 2016 preisbereinigt um 2,5 Prozent gegenüber dem vergleichbaren Zeitraum 2015. Damit verzeichnete der Freistaat Sachsen sowohl im gesamtdeutschen Vergleich, als auch im Vergleich mit den fünf neuen Bundesländern ein überdurchschnittliches Wachstum. Dieses preisbereinigte Ergebnis in Sachsen wurde maßgeblich durch einen deutlichen Zuwachs bei der Bruttowertschöpfung (BWS) im Produzierenden Gewerbe bestimmt. Die Dienstleistungsbereiche verzeichneten ebenfalls einen Niveauanstieg bei der BWS, dieser fiel jedoch gemessen am Bundesdurchschnitt nicht überdurchschnittlich aus.“

    Beim Produzierenden Gewerbe muss man immer mitdenken, dass hier auch sämtliche Rohstofflieferanten und das komplette Baugewerbe dabei sind.

    Und was für Sachsen gilt, gilt irgendwie auch für den gesamten Osten, so das IWH: Die ostdeutsche Wirtschaft hat im ersten Halbjahr 2016 etwa so stark zugelegt wie die westdeutsche. Der Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts betrug im ersten Halbjahr 2016 gegenüber dem ersten Halbjahr 2015 2,4 %. Dabei ist die Entwicklung durchaus heterogen. Die Zugpferde sind Berlin (2,6 %), Brandenburg (2,9 %) und Sachsen (2,5 %). Den schwächsten ostdeutschen Wert weist Sachsen-Anhalt mit 1,7 % auf.

    Letzteres begründet das IWH mit der ungünstigen Entwicklung des Erwerbspersonenpotenzials.

    Womit man schon ahnt, wie sehr die Entwicklung im Osten mit der Konzentration auf wenige Wachstumskerne zu tun hat, allen voran Berlin mit dem urbanen Gürtel in Brandenburg. Das ist der stärkste Wachstumspunkt im Osten. Danach kommt zwar irgendwie Sachsen. Aber auch hier konzentriert sich das Wachstum auf die Kerne Leipzig und Dresden.

    Im dritten Quartal dürfte die ostdeutsche Wirtschaft nochmals so kräftig expandiert haben wie im Quartal zuvor, meint das IWH. Und auch das hat wieder mit den Wachstumsknoten zu tun. Denn eine Zugmaschine hat überall gut zu tun: Das Baugewerbe profitiert ähnlich wie in ganz Deutschland von den insgesamt guten Rahmenbedingungen und der steigenden Wohnraumnachfrage in größeren Städten wie Berlin, Leipzig, Dresden und anderen Universitätsstädten. Was sich dann vor allem auf Jena und Potsdam beziehen dürfte. Zudem gehen Impulse von öffentlichen Infrastrukturinvestitionen aus.

    So ein bisschen zusätzliche Wertschöpfung dürfte aufgrund der Flüchtlingsmigration insbesondere bei den öffentlichen Verwaltungen und bei Bildungseinrichtungen entstanden sein, vermutet das IWH. Was aber die hohen Werte im Osten nicht wirklich erklärt.

    Für Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und stellvertretender Präsident des IWH, steckt sogar so ein bisschen Aufholprozess in den Zahlen: „Insgesamt dürfte die ostdeutsche Wirtschaft im Jahr 2016 mit 1,8 % vor allem angesichts der kräftigen Entwicklung in Berlin, Brandenburg und Sachsen in etwa so stark expandieren wie die westdeutsche.“

    Aber dann schaut er doch etwas genauer in die Branchen, und da sieht man, wo tatsächlich die Nachfrage für steigende Produktivität sorgt: Die Impulse kommen wie in Deutschland insgesamt von den Dienstleistungen (konsumnahe Branchen wie Handel, Gastgewerbe sowie Staatsverbrauch) und dem Baugewerbe.

    Staatsverbrauch? Das sind die ganzen Ausgaben von Kommunen und Ländern, die endlich wieder steigen. Wenn der Staat mehr ausgibt, steigt – na hoppla – das Bruttoinlandsprodukt. Auch die deutlich steigenden Ausgaben der Krankenkassen stecken hier drin, die neuen Kitas, die Schulen, Straßenbau, ÖPNV usw.

    Auf einmal wird „der Staat“ als wesentliche Komponente des Wirtschaftswachstums sichtbar, was ja sonst gern bestritten wird, weil einige Leute glauben, nur Privatunternehmen wären „Markt“. Steuern werden auch nicht verbrannt, bloß weil sie der Staat für lauter vernünftige Dinge wie Polizei, Krankenhäuser, Lehrer und Umweltschutz ausgibt. Das mit dem Umweltschutz betonen wir einfach mal, weil das in den üblichen Rechnungen (auch staatlicher Akteure) gern als Minusposten auftaucht.

    Wer sich wirklich mal intensiver mit den ganzen Posten der Produktivität befasst, der merkt erst, wie primitiv die üblichen BWL-Ansätze sind. Und wie viel sie im Wirtschaftsgeschehen eines Landes überhaupt nicht erfassen.

    Das IWH sieht in den Zahlen schon einen kleinen Fortschritt bei der ökonomischen Konvergenz des Ostens an den Westen.

    Schön wäre es.

    Aber eher geht es um die sichtbare Etablierung von zwei, vielleicht drei Wachstumskernen im Osten, die derzeit den ganzen Rest nicht nur mitziehen, sondern regelrecht an sich ziehen.

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