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Pkw-Besitz stagniert, Radfahrer verunfallen öfter und die S-Bahn bleibt eine Black Box

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    Wer über die Zukunft der Stadt Leipzig nachdenkt, der muss auch über Mobilität nachdenken. In allen ihren Formen. Denn eine moderne Stadt ist auf ein funktionierendes Mobilitätssystem angewiesen. Und es sieht ganz danach aus, als könne der klassische Personenkraftwagen keine Lösung des Problems sein. Nicht weil er zu schnell oder umweltunfreundlich wäre, sondern einfach, weil er zu groß und zu sperrig ist.

    In seiner schieren Menge verstopft er wertvolle Straßenräume – nicht nur in Schleußig, wo das Zuparken von Kreuzungen und Fußwegen ja schon zum Politikum geworden ist. In anderen Leipziger Ortsteilen sieht es längst schon genauso aus, werden Straßen zweispurig beparkt, gibt es keine freien Überwege für Fußgänger mehr, werden auch Radstreifen zugeparkt.

    Trotzdem wächst die Zahl der registrierten Pkw mit dem Bevölkerungswachstum. Allein 2014 stieg die Zahl der in Leipzig registrierten Kraftfahrzeuge von 235.170 auf 240.178. Allein die Zahl der Pkw stieg von 207.526 auf 211.787.

    Aber es gibt einen sichtbaren Bremseffekt: Die Zahl der Autos pro Einwohner wächst nicht mehr weiter. 2012 war mit 353 privaten Pkw pro 1.000 Einwohner ein Höchstwert erreicht worden. Schon 2013 sank die Zahl auf 352, 2014 dann auf 351. Alles nachlesbar im neuen Statistischen Jahrbuch der Stadt.

    Die Tatsache, dass man für sein Auto in vielen innerstädtischen Ortsteilen einfach keinen Stellplatz mehr findet, wird dabei gewiss eine Rolle spielen. Aber auch das Phänomen, das die jährlichen Bürgerumfragen aufzeichnen, spielt eine Rolle: Viele junge Leipziger organisieren sich ihr Leben zunehmend ohne Auto, bewältigen ihren Alltag mit Fahrrad, zu Fuß oder mit dem ÖPNV.

    Das Problem beim ÖPNV: Man hat keine vollständigen Zahlen.

    Zwar vermelden Leipzigs Statistiker: „Hauptsächlich aufgrund der Inbetriebnahme des neuen S-Bahn-Netzes im Dezember 2013 ging 2014 die Zahl der Fahrgäste in den Straßenbahnen und Bussen der LVB um 4,2 Prozent auf 136,2 Millionen zurück.“

    Aber sie können nicht sagen, wie viele Fahrgäste die S-Bahn allein im innerstädtischen Verkehrssystem übernommen hat. Eine echte Black Box, obwohl die Deutsche Bahn in den S-Bahnen genauso genau misst und zählt wie die LVB in ihren Straßenbahnen. Übrigens sind nicht die kompletten 4,2 Prozent oder knapp 6 Millionen Fahrgäste von den Bahnen und Bussen der LVB auf die S-Bahn gewechselt. Der Verlust von rund 2,2 Millionen Bus-Fahrgästen kann direkt mit dem großen Deal zu tun haben, den die LVB mit dem Landkreis Leipzig gemacht haben: Dort haben sie ein ganzes Bündel Überlandlinien mit 2 Millionen Kilometern Fahrleistung an das dort tätige Busunternehmen abgegeben. Der Rückgang bei den Busfahrgästen kann also durchaus auf diesen Deal zurückzuführen sein.

    Anders ist es mit den knapp 3,7 Millionen Fahrgästen in der Straßenbahn. Nur kann man ohne Zahlen von der Deutschen Bahn nicht verifizieren, wie genau die Fahrgäste gewechselt sind. Oder ob sie tatsächlich bei der S-Bahn ankamen oder nicht gar zu Radfahrern und Fußgängern wurden. Denn Fakt ist ja in Auswertung der Bürgerumfrage 2014 auch: Der ÖPNV hat Federn gelassen, während deutlich mehr Leipziger mit dem Rad gefahren sind. Letzteres wieder hat mit dem langsam besser werdenden Radwegenetz zu tun.

    Und dass mehr Leipziger mit dem Rad fahren, wird zwar nirgendwo gezählt, auch nicht im Statistischen Jahrbuch. Trotzdem wird es dort sichtbar, nämlich in der Unfallstatistik: Während für alle anderen Verkehrsteilnehmerarten die Unfallzahlen seit Jahren sinken, steigen die für Radfahrer kontinuierlich an, erreichten nach 488 von Radfahrern verursachten Verkehrsunfällen im Jahr 2014 einen neuen Höchstwert mit 541 Unfällen. Und das hängt aufs Engste mit der steigenden Zahl von Leipzigern zusammen, die mit dem Rad zu Ausbildung und Arbeit fahren. Der Wert ist von 21 Prozent im Jahr 2010 auf 31 Prozent im Jahr 2014 gestiegen. Er hängt auch von der Witterung ab – eisige lange Winter senken ihn logischerweise. Aber nicht nur, weil’s kalt und nass ist, sondern auch, weil Radwege meist schlecht beräumt werden.

    Wie man weiß, denkt auch da die Leipziger Radverkehrspolitik langsam um. Sehr langsam. Aber das Problem trifft nun einmal auch auf den ÖPNV zu: Man versucht, das System so finanziell schmal zu fahren, wie es irgend geht und riskiert lieber jedes Jahr deftige Tarifsteigerungen – was mit Sicherheit auch ein Grund dafür ist, dass Leipziger doch lieber das Rad als die Tram nehmen. Trotzdem gewinnt das System LVB wieder dazu, sagte jüngst erst LVB-Geschäftsführer Ronald Juhrs: „Wir bewegen uns dieses Jahr wieder auf die Zahl von 140 Millionen Fahrgästen zu. Ganz werden wir es nicht schaffen. Aber die Entwicklung ist da.“

    Doch eine andere Entwicklung stagniert: Seit Jahren geben die Leipziger in den Bürgerumfragen an, nur in 24 Prozent der Fälle den ÖPNV auf dem Weg zur Arbeit zu nutzen. 2010 hatte der Wert mal bei 30 Prozent gelegen. Da fehlt also noch etwas, damit das System ÖPNV wirklich so attraktiv wird, dass es seine Anteile am täglichen Verkehr wieder steigern kann. Eine echte Zukunftsaufgabe.

    Tipp: Das Statistische Jahrbuch ist im Internet unter http://www.leipzig.de/statistik unter „Veröffentlichungen“ einzusehen. Es ist zudem für 25 Euro (bei Versand zuzüglich Versandkosten) beim Amt für Statistik und Wahlen erhältlich.
    Postbezug: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, 04092 Leipzig
    Direktbezug: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, Burgplatz 1, Stadthaus, Zimmer 228

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    1 KOMMENTAR

    1. Zu den Zählungen beim S-Bahn-Netz und bei den Leipziger Verkehrsbetrieben merke ich folgendes an:

      In den S-Bahnen werden die Fahrgäste anhand von Videokameras türgenau(!) und nach Ein- und Aussteigern(!) sortiert gezählt, haltestellen- und zeitgenau sowieso. Die gemessenen Zahlen werden aber unter Verschluss gehalten.

      Es gibt hierzu die Vermutung, dass nicht zugegeben werden soll, das Interesse der Fahrgäste massiv unterschätzt zu haben, und auch nicht Planungsfehler schon beim Einkauf der neuen Fahrzeuge. In einem einschlägigen lokalen Netzwerk werden fortlaufend die Ein- und Aussteigerzahlen hobbymäßig erfasst, um überhaupt zu unabhängigen Einschätzungen des Fahrgastaufkommens zu gelangen.

      Bei den Daten der LVB merke ich an, dass die „Zählungen“ in _erheblichem_ Maße nur statistische Hochrechnungen sind, in welche viele Annahmen vorab einfließen müssen, dito ist das gesamte jährliche Fahrgastaufkommen auch nur eine grobe Schätzung. Dass diese Gesamtzahl schon seit ca. 2009 relativ zur Einwohnerzahl geschrumpft ist, wurde versucht zu übertünchen.
      Die Datenbasis der von den LVB zusammengesuchten Zahlen ist nämlich sehr dünn: es gibt nur wenige Zählwagen (Waggons „mit Lichtschranke“), vielleicht um die zwanzig Stück für das gesamte Netz, und dass mal Fahrgastzähler unterwegs waren, verliert sich bei mir im mythischen Dunkel von vor fünfzehn Jahren. Die Entwerter werden dank der hohen Abo-Quote und dem City+-Anteil (der Deutschen Bahn) kaum noch benutzt, und bei diesen alten Dinger bezweifele ich sogar, dass da überhaupt irgendwelche Daten herausgelesen, aufgeschrieben und – hier wird es schwierig: – eingeordnet werden.

      Vor diesem Hintergrund ist auch der angebliche Rückgang auf dem nun stillgelegten Ast nach Markkleeberg zu bewerten: nämlich als unfassbaren Humbug. Aber LVB und Stadtverwaltung haben den Leipziger Stadtrat geradezu arglistig getäuscht. Wir müssen uns jetzt auch nicht streiten – es ist passiert.

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