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Für die steigende Zahl schwerer Radfahrer-Unfälle stehen auch zögerliche Kommunen in der Verantwortung

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    Es passiert nicht nur in Leipzig. Es passiert in allen Großstädten des Landes. Immer öfter, immer unvorhersehbarer. Eine Autotür geht auf, ein Radfahrer stürzt. Und wenn er mit Verletzungen davonkommt, hat er Glück gehabt. Radfahrer leben gefährlich. Das liegt auch daran, dass sie im Verkehrsnetz nicht genug Platz haben, mahnt der ADFC Sachsen. Wir mahnen mit. Aber ein bisschen anders.

    Innerhalb weniger Tage wurden in Leipzig zwei Radfahrer in sehr schwere Unfälle verwickelt. In beiden Fällen waren plötzlich geöffnete Autotüren die Ursache. Eine Frau wurde beim Ausweichmanöver in der Goethestraße von einer Straßenbahn erfasst und verstarb noch am Unfallort. Auch wenn der unachtsam die Autotür öffnende Autofahrer die Hauptschuld trägt, liegt aus Sicht von Konrad Krause vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club Sachsen (ADFC) ein Teil der Verantwortung bei den Kommunen. Solch extreme Unfälle ließen sich nämlich vermeiden, wenn Radfahrer ausreichend Platz hätten, um einen Sicherheitsabstand zu parkenden Autos halten zu können. Ist dieser Platz nicht vorhanden, muss an Hauptradrouten auf solche gefährlichen Parkplätze verzichtet werden, so der Geschäftsführer des Fahrradclubs.

    „Viele Unfälle mit geöffneten Autotüren lassen sich vermeiden, wenn wir die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer ernster nehmen würden. Schon seit längerer Zeit haben wir Gefahrenstellen mit sich öffnenden Autotüren im Blick. Auch wenn es den Kommunen schwerfällt, den Autofahrern auch mal einen Fußweg zuzumuten, weil der Parkplatz vor der Tür ein Unfallrisiko darstellt, die Sicherheit aller sollte uns wichtiger sein“, sagt Krause.

    Die Goethestraße ist zwar eine Hauptroute – aber nicht als solche ausgewiesen. Leipzig tut sich schwer, Radfahrern tatsächlich einmal Vorrechte einzuräumen. Obwohl die Verwaltung zuschaut, wie die Radnutzung zunimmt in der Stadt.

    Trotzdem versucht man die alten Bedingungen einer (reinen) Autostadt zu konservieren.

    Ergebnis: In vielen Städten ist an wichtigen Hauptrouten des Radverkehrs das Parken erlaubt. Wenn dann Planer die erforderlichen Sicherheitsstreifen zwischen Radwegen und Parklücken nicht einhalten, so wie an der Fritz-Reuter-Straße in Dresden, kommt es immer wieder zu schweren Unfällen, berichtet Krause aus der sächsischen Perspektive. Hier wurde erst im Januar ein Radfahrer Opfer einer sich plötzlich öffnenden Autotür. Er verstarb noch am Unfallort.

    Bei den genannten Fällen handelt es sich nicht um Einzelfälle, betont der ADFC. Allein für das Jahr 2016 hat der ADFC zahlreiche Fälle in Sachsen dokumentiert. Allein in Leipzig werden jedes Jahr etwa 50 Radfahrer Opfer sich öffnender Autotüren, der ADFC geht von einer hohen Dunkelziffer aus. Denn diese 50 sind ja nur die von der Polizei registrierten Opfer. Wo die Sache noch einmal glimpflich abging, gibt es keine amtliche Zählung. Oft genug entlädt sich der Schock in Wut und Schimpfen. Und Autofahrer, denen das zu kleinlich ist, reagieren beleidigt und sehen in rücksichtslosen Radfahrern die Hauptgefahr.

    Aber Aggressionen wachsen, weil die Zahl der Konflikte wächst.

    Und die wächst, weil beide Arten von Verkehrsteilnehmern zunehmen: Es sind mehr Autofahrer unterwegs und auch mehr Radfahrer. Das braucht – da der verfügbare Platz nicht wächst – mehr Rücksicht und mehr Sicherheitsfläche.

    Krause fordert deshalb die sächsischen Kommunen dazu auf, an Hauptrouten des Radverkehrs Längsparken nur noch dann zu erlauben, wenn ausreichend breite Sicherheitsstreifen vorhanden sind. Der Freistaat sei außerdem in der Pflicht, den Kommunen klare Vorgaben zu machen. „Nach der StVO sind Kommunen dazu verpflichtet, die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer zu gewährleisten. Wo der Platz für die nötigen Sicherheitsabstände nicht ausreicht, kann es am Straßenrand eben keine Parkplätze geben.“

    Erst dann – das ist nun mal die Folgerung – wird aus der Goethestraße wirklich eine Radhauptroute. Jetzt ist es ein typisches Leipziger Provisorium mit lauerndem Gefahrenpotenzial – gerade für Radfahrer.

    Als typische Leipziger Gefahrenstellen listet der ADFC auf:

    – Goethestraße
    – Industriestraße (zwischen Erich-Zeigner-Allee und Könneritzstraße)
    – Arthur-Hoffmann-Straße (nördlich der Kurt-Eisner-Straße)
    – Erich-Zeigner-Allee (südlich des Kreisverkehrs)

    „Wir brauchen in Sachsen dringend eine Debatte über die Verkehrssicherheit. Wenn sich Polizei und Straßenverkehrsbehörden lediglich auf die Unachtsamkeit einzelner Verkehrsteilnehmer herausreden, ist das zu kurz gesprungen. Denn gerade im Rad- und Fußverkehr sind es vor allem Kinder und ältere Menschen, die unseren besonderen Schutz brauchen, da sie überdurchschnittlich von schweren Unfällen betroffen sind.“

    Der ADFC fordert deshalb auch das Land dazu auf, tätig zu werden.

    „Verkehrsminister Martin Dulig bekleidet das Amt der obersten Straßenverkehrsbehörde und steht in der Verantwortung, hier deutlich mehr zu tun und die unteren Behörden entsprechend anzuweisen.“

    Daneben hält es der ADFC-Geschäftsführer auch für notwendig, dass die Städte die geltenden Regeln durchsetzen. Womit man dann in Leipzig wäre, wo das Ordnungsamt seit Jahren wahre Purzelbäume aufführt um zu begründen, warum Falschparker von Radwegen und Kreuzungen nicht abgeschleppt werden.

    „Wir haben in den Großstädten eindeutig ordnungsrechtliche Defizite. Wenn der Verfolgungsdruck auf Falschparker zu niedrig ist, nützt auch eine gute Verkehrsplanung nicht viel“, stellt Krause fest. Die Städte müssten deshalb auch ausreichend Personal bereitstellen, um der zunehmenden Verkehrsgefährdung durch Falschparker Herr zu werden.

    Was ja nun so langsam beginnt. Zehn neue Ordnungsdienstmitarbeiter hat der Leipziger OBM in den Doppelhaushalt 2017/2018 schreiben lassen. Was aber nicht viel nützt, wenn nicht parallel die Verkehrssicherheit auch durchgesetzt wird. Und wenn die von Krause erwähnten Hauptrouten nicht auch konsequent als solche ausgeschildert und abgeteilt werden.

    Einen Aspekt aber wird beides nicht ändern: Den zunehmenden Zeitdruck einer Gesellschaft, die auch deshalb nicht zu Fuß geht, weil sie unter einem permanenten Fehlen von Zeitpuffern leidet. Egal, ob Autofahrer, Radfahrer oder handyabhängiger Fußgänger – es bleibt immer weniger Aufmerksamkeit für eine immer mehr beschleunigte Umgebung. Unaufmerksamkeit ist nicht die Ausnahme, sondern der Grundzustand unserer beschleunigten, ressourcenverschlingenden Zeit.

    Es regiert das Alles-zugleich. Das kann nur schiefgehen. Und Opfer sind immer die, die in dieser Unaufmerksamkeit die schwächeren Verkehrsteilnehmer sind.

    In eigener Sache: Für freien Journalismus aus und in Leipzig suchen wir Freikäufer

    https://www.l-iz.de/bildung/medien/2016/11/in-eigener-sache-wir-knacken-gemeinsam-die-250-kaufen-den-melder-frei-154108

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