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Fahrgastverband PRO BAHN kritisiert ministerielle Aufforderung, den ÖPNV zu meiden

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    Eigentlich war es wohl eine begründete Sorge um die älteren Sachsen, die Petra Köpping und Martin Dulig dazu brachte, am 8. Januar an die ältere Bevölkerung zu appellieren, den Nahverkehr möglichst zu meiden. Eine Empfehlung, die aus Sicht des Fahrgastverbandes PRO BAHN eine unverantwortliche Panikmache ist.

    Geäußert haben sollen die beiden eine entsprechende Warnung nach der Kabinettssitzung am 8. Januar, als die neue Schutzverordnung für Sachsen beschlossen wurde. Jedenfalls heißt es so in einer dpa-Meldung, die auch die „Freie Presse“ veröffentlichte: „Die sächsische Regierung hat angesichts hoher Corona-Infektionszahlen ältere Bürger gebeten, den öffentlichen Nahverkehr wenn möglich zu meiden. Gesundheitsministerin Petra Köpping und Wirtschaftsminister Martin Dulig (beide SPD) sprachen am Freitagabend nach einer Kabinettssitzung von einer dringlichen Empfehlung“, hieß es dort.

    Was zumindest in den Kontext der Beschlüsse passt, die am 8. Januar beraten und beschlossen wurden. In der Meldung des Sozialministeriums hieß es eher lapidar: „Es wird dringend empfohlen, nur zwingend notwendige Fahrten mit dem ÖPNV wahrzunehmen und die Auslastung des ÖPNV auf ein Minimum zu beschränken.“

    Und wesentlich konkreter wird auch die Schutzverordnung selbst nicht. Dort liest man zu dem Punkt lediglich: „Als verschärfende Maßnahmen sind vorgesehen: 1. die dringende Empfehlung, nur zwingend notwendige Fahrten mit dem öffentlichen Personennahverkehr wahrzunehmen und die Auslastung des öffentlichen Personennahverkehrs auf ein Minimum zu beschränken.“

    Wobei die dpa-Meldung von einer aktuellen ÖPNV-Auslastung von 40 Prozent erzählt, Ziel seien aber 25 Prozent.

    Die zitierten Aussagen von Dulig und Köpping wertet der Fahrgastverband PRO Bahn als völlig verfehlt und warnt davor, die Kapazitäten des ÖPNV einzuschränken.

    „Viele gerade ältere Bürger besitzen gar kein Auto und sind auf den ÖPNV angewiesen. Und nicht alle haben Familie und Bekannte, welche für sie alle Wege erledigen können. Auch in Pandemiezeiten stellt der ÖPNV bislang sicher, dass Menschen, die auf das eigene Auto verzichten wollen oder müssen, dringend notwendige Wege für die Sicherung der Grundbedürfnisse sowie zur Arbeit zurücklegen können“, kritisiert PRO BAHN die ministeriellen Äußerungen.

    „Die Aufforderungen der Minister führen zu einer Verunsicherung der Fahrgäste und konterkarieren bisherige Bemühungen um eine Verkehrswende“, moniert Anja Schmotz, stellvertretende Vorsitzende des PRO-BAHN-Landesverbands Mitteldeutschland.

    Aktuell sind Busse und Bahnen durch den fehlenden Schülerverkehr meist weniger stark ausgelastet. So gab zum Beispiel die City Bahn Chemnitz eine durchschnittliche Auslastung ihrer Fahrzeuge im Dezember 2020 von damals schon weniger als 25 % an. Weiterhin zeigen Untersuchungen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), dass beim konsequenten Tragen des Mund- und Nasenschutzes durch die Fahrgäste bei der Nutzung von Bahnen mit Klimaanlagen kaum Erreger in die Luft der Fahrzeuge gelangen.

    Durch die vielen Halte der Fahrzeuge und der damit verbundenen Öffnung der Türen kommt es zudem zu regelmäßigen Stoßlüftungen, welche ebenfalls für eine saubere Luft sorgen. Auch dies wird in der DLR-Studie, welche Anfang Dezember 2020 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, bestätigt.

    Wichtig ist aus Sicht des Fahrgastverbands PRO BAHN, dass in Bussen und Bahnen genügend Platz ist, um die geforderten Abstände einhalten zu können.

    „Lieber sollte man für ein ausreichendes Angebot sorgen und die Fahrpläne nicht weiter ausdünnen, um die Fahrgastströme zu entzerren“, schlägt Markus Haubold, Vorstandsmitglied des Fahrgastverbands PRO BAHN Mitteldeutschland vor. „Zudem würde dies auch ein wichtiges Signal setzen, den ÖPNV weiterhin als wichtige Stütze der Daseinsvorsorge zu sehen.“

    Und dazu kommt: Die sächsische Regierung hat bis heute keine belastbaren Zahlen vorgelegt, die eine Warnung vor dem ÖPNV überhaupt sinnvoll erscheinen lassen. Eine höhere Ansteckungsgefahr ist dort schlicht nicht nachweisbar. Fakt ist freilich der höhere Anteil älterer Menschen in Sachsen im Vergleich zu anderen Bundesländern. Und diese Menschen sind besonders gefährdet, wenn sie sich mit dem Coronavirus infizieren.

    Der MDR zitierte dazu am 3. Dezember schon den Leipziger Epidemologen Markus Scholz: „Der Wissenschaftler sagte MDR AKTUELL, dass vor allem die Altersstruktur in Sachsen ausschlaggebend für die Entwicklung sei. Das Bundesland habe bundesweit den höchsten Altersdurchschnitt und ältere Menschen würden sich vor allem auch untereinander stärker anstecken.“

    Und dass sich das Virus derart verbreiten konnte, hat mit der schon Ende November hohen Dunkelziffer zu tun. „Gegenmaßnahmen kommen demnach zu spät und bleiben so wirkungslos. Stattdessen seien zunehmend infizierte Menschen unterwegs statt in Quarantäne. Sie sorgen dann unwissend für eine Verbreitung des Virus“, zitiert der MDR.

    Mit dem Ergebnis, dass die meisten Ansteckungen im ländlichen Raum im Familienkreis passieren, wie Sozialministerin Petra Köpping feststellte: „Diese enge freundschaftliche Bande, diese engen Familienfeiern, vielleicht auch im Dorf, dass man sich trifft, die führen dazu, dass man in diesen Kreisen sehr leichtsinnig wird.“

    Was alles mit dem ÖPNV nicht das Geringste zu tun hat.

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