Seit einigen Jahren werden die Leipziger auch gefragt, wie zufrieden sie mit den Radanlagen und deren Ausbau in der Stadt sind. Und es überrascht nicht, dass regelmäßig Radfahrende das völlig anders sehen als Leute, die sich den Straßenraum durch die Windschutzscheibe anschauen. Wobei es der Stadtverwaltung viel wichtiger ist zu erfahren, ob ihre Aktivitäten für bessere Radwege auch von den Leipzigern gewürdigt werden. Oder ob es dazu noch lange nicht reicht.

Die Autor/-innen des Beitrags zur Bürgerumfrage 2022 jedenfalls sehen eine positive Entwicklung: „Die Zufriedenheit mit der Dichte des Radwegenetzes entwickelt sich seit mehreren Jahren positiv: Der Anteil der Befragten, die sich (sehr) zufrieden äußern, ist seit 2020 von 30 auf 37 Prozent gestiegen. Die Zufriedenheit nähert sich damit dem bisher höchsten Wert aus dem Jahr 2016 an. Der Anteil der (sehr) unzufriedenen Befragten geht gegenüber 2020 um 2 Prozentpunkte auf nun 25 Prozent zurück.

Das Meinungsbild variiert jedoch erheblich entlang der Häufigkeit der Fahrradnutzung: Unter starken Fahrradnutzer/-innen halten sich (sehr) zufriedene und (sehr) unzufriedene Nutzer/-innen annähernd die Waage (30 gegenüber 29 Prozent, ohne nicht einschätzbar). Unter den Personen mit geringer Fahrradnutzung bewerten 45 Prozent der Befragten die Dichte des Radnetzes positiv. Besonders positiv wird das Radwegenetz von Befragten mit starker Nutzung des MIV bewertet (49 Prozent (sehr) positiv), wobei sich allerdings 35 Prozent zu keiner Einschätzung in der Lage sehen.“

Womit schon deutlich wird, dass die Menschen, die das Fahrradwegenetz regelmäßig nutzen (müssen), die Sache wesentlich kritischer sehen als die Menschen, die eher aus dem Auto auf den Radverkehr schauen. Wer direkt betroffen ist, sieht, wo die Wegeführung gefährlich ist, der Wegeszustand miserabel und ausgewiesene Radwege überhaupt fehlen.

Zufriedenheit der Leipziger mit Radanlagen im Zeitverlauf. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2022
Zufriedenheit der Leipziger mit Radanlagen im Zeitverlauf. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2022

Nach wie vor bekommt Leipzig für das Sicherheitsgefühl im Leipziger Radwegenetz schlechte Noten, wie auch der letzte ADFC-Fahrradklimatest belegte.

Wer Rad fährt, sieht die Problemstellen

Und das wird auch aus Sicht der Autor/-innen des Beitrags deutlich: „Der Blick auf die unterschiedlichen Mobilitätstypen verdeutlicht die Abhängigkeit dieser Einschätzung vom eigenen Nutzungsverhalten: 50 Prozent der Befragten mit starker Fahrradnutzung wünschen sich größere, weitere 12 Prozent sogar viel größere Anstrengungen für den Radverkehr in der Stadt. 27 Prozent der Personen mit geringer Fahrradnutzung schätzen die Anstrengungen für den Radverkehr als zu gering ein, 45 Prozent als zu hoch.

Dies bestätigt die Vermutung, dass bestehende Mängel bei Infrastruktur und Bedingungen für den Radverkehr erst bei höherer Nutzungsintensität als problematisch wahrgenommen werden, während sie sich für Gelegenheitsnutzer/-innen nur nachrangig auswirken. Personen mit starker Autonutzung (mindestens drei Wegearten werden überwiegend mit dem MIV zurückgelegt) sehen nur zu 15 Prozent stärkeren Handlungsbedarf. Dagegen sind zwei Drittel der Befragten dieses Mobilitätstyps der Meinung, dass in Leipzig eher zu viel oder viel zu viel für den Radverkehr getan wird.“

Wie man es ja auch in den Verkehrsdiskussionen in der Ratsversammlung immer wieder zu hören und zu sehen bekommt: Wer meistens mit dem Auto fährt, empfindet den Ausbau des Radwegenetzes geradezu als Eingriff in seine Hoheitsrechte. Und selbst die Bürgerumfrage zeigt, wie der Konflikt sich verschärft, seit Leipzig tatsächlich sichtbar das Radwegenetz ausbaut.

„Dieses Ergebnis lässt sich als Ausdruck der Konkurrenzsituation zwischen Radfahrer/ -innen und den Nutzer/-innen des MIV auffassen“, stellen die Autor/-innen des Beitrags deshalb fest.

„Im Jahr 2011, als diese Frage erstmalig im Zuge der Kommunalen Bürgerumfrage gestellt wurde, war eine Konkurrenz noch nicht zu beobachten und entwickelt sich seither vor dem Hintergrund des deutlichen Bevölkerungswachstums und – damit einhergehend – der Verkehrsströme in der Stadt: In der Zwischenzeit nahm die städtische Bevölkerung um gut 100.000 Personen und die Zahl der zugelassenen Pkw um rund 45.000 zu. Hinzu kommt, dass eine Aufwertung bzw. ein Ausbau des Radverkehrsnetzes, wie sie sich aus dem per Stadtratsschluss legitimierten Nachhaltigkeitsszenario der Mobilitätsstrategie 2030 ergeben (Stadt Leipzig, 2017), in aller Regel mit einer faireren Aufteilung vorhandenen Verkehrsraumes zu Lasten des motorisierten Individualverkehrs einhergeht. Dies kann die Wahrnehmung einer Konkurrenz zwischen MIV und nMIV, speziell dem Radverkehr, weiter verstärken. Jedoch wünschen sich selbst 23 Prozent der Befragten, die das Rad nie nutzen, ein stärkeres Handeln zugunsten des Radverkehrs.“

Was so betrachtet auch verständlich ist, denn viele Leipziger steigen nur deshalb nicht aufs Fahrrad um, weil ihnen das Fahren im Alltagsverkehr nach wie vor zu gefährlich erscheint. Da macht der Ausbau eines sicheren Radwegenetzes auch aus Autofahrersicht Sinn.

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