Da war nicht nur die Landtagsabgeordnete Susanne Schaper erschrocken, als sie von der Staatsregierung die Zahlen für die Stromsperren bekam, die 2025 in Sachsens Großstädten verhängt wurden. Besonders in Leipzig schoss diese Zahl wieder in die Höhe, machte deutlich, wie viele Haushalte mit so wenig Geld auskommen müssen, dass selbst die Stromrechnung zum Problem wird. Im Leipziger Stadtrat fragte die Linksfraktion deshalb nach, woran das eigentlich lag und ob Stadt und Stadtwerke sich überhaupt bemühen, diesen Menschen aus der Klemme zu helfen.

„Von Energiearmut sind Menschen häufiger betroffen, die wenig Geld haben und relativ viel Zeit zu Hause verbringen, etwa Empfänger/-innen von Leistungen wie Bürgergeld, Grundsicherung im Alter oder Sozialhilfe, Rentnerinnen und Rentner oder Studierende. Dadurch fällt ihr Energieverbrauch höher aus. Gleichzeitig können sie sich aber keine neuen, effizienteren Geräte leisten“, begründete die Linksfraktion ihre Anfrage.

„Für die Betroffenen sind Stromsperren eine erhebliche soziale und gesundheitliche Belastung, weil zentrale Grundlagen des täglichen Lebens – etwa Licht, Kochen und die Kühlung von Lebensmitteln und Medikamenten oder digitale Kommunikation – wegfallen. Besonders schlimm sind die Folgen für Kinder sowie für ältere, kranke oder pflegebedürftige Menschen. Für die Jahre 2023 und 2024 hatten wir mit Anfrage VIII-F-00995 nachgefragt.“

Laut der Anfrage der Landtagsabgeordneten Susanne Schaper (Fraktion Die Linke) stieg die Zahl der Stromabschaltungen bei Privathaushalten in Leipzig von 1.200 im Jahr 2024 auf 3.600 im Jahr 2025 (Landtagsdrucksache-Drucksache Nr.: 8/5701).

Was war da los? Wie kam es zu diesem rapiden Anstieg?

Das abrupte Ende eines Moratoriums

„In den Jahren 2020 bis 2022 wurden infolge eines gesetzlichen Moratoriums und des Verzichts auf Liefersperren aufgrund der Pandemie zeitweise keine Liefersperren angedroht oder durchgeführt. Für Kundinnen und Kunden mit Zahlungsrückständen wurde bei Wiederaufnahme des Mahnverfahrens der Mahnstatus zurückgesetzt und das Mahnverfahren von vorn begonnen“, versucht das Sozialamt in seiner Antwort den starken Anstieg 2025 erklären.

„Zudem musste im Jahr 2023 die gesetzlich festgelegte Strompreisbremse gegenüber den Kundinnen und Kunden abgerechnet werden. Dies war mit erheblichen Herausforderungen für die IT-Systeme der Leipziger Stadtwerke verbunden. Aufgrund der damit verbundenen Verzögerungen und des erhöhten Rückfrageaufkommens der Kundinnen und Kunden haben die Leipziger Stadtwerke bis Mitte 2024 keine Liefersperren angedroht oder durchgeführt.“

Entwicklung der Stromsperren in Leipzig. Grafik: Stadt Leipzig
Entwicklung der Stromsperren in Leipzig. Grafik: Stadt Leipzig

Die Forderungen haben sich also gestaut. 2025 gab es dann einen Nachholeffekt. Aber eben einen sehr heftigen. Der die betroffenen Haushalte dann unter Druck setzte, schnellstmöglich das ausstehende Geld aufzutreiben. Denn erst wenn die Zahlung erfolgt ist, wird die Sperre wieder aufgehoben.

„Insgesamt können 70 Prozent der Liefersperren innerhalb von 15 Tagen aufgehoben werden. Sie werden unverzüglich aufgehoben, sobald der Grund für die Sperre entfällt, also die Forderung ausgeglichen ist“, teilt das Sozialamt mit. Was eben auch heißt: 30 Prozent der Haushalte saßen deutlich länger im Dunkeln, weil sie das Geld schlichtweg nicht auftreiben konnten.

Ein Darlehen vom Sozialamt

In solchen Fällen geht es dann nicht ohne Hilfe der Stadt, wie das Sozialamt erläutert: „Bei drohender oder eingetretener Stromsperre verweisen die Leipziger Stadtwerke Kundinnen und Kunden an das Sozialamt. In allen bekannten Fällen drohender Liefereinstellung findet eine enge Abstimmung zwischen der Abteilung Soziale Wohnhilfen des Sozialamtes und den Leipziger Stadtwerken statt.

Im Jahr 2025 wurde in 738 Fällen ein Antrag auf Gewährung eines Darlehens zur Übernahme von Energieschulden beim Sozialamt gestellt. Davon wurden 345 Anträge positiv beschieden, sodass die Haushalte wieder mit Energie versorgt wurden bzw. eine Unterbrechung verhindert werden konnte.“

In der Antwort wird dann auch deutlich, um welche Beträge es da geht – für Gutverdiener-Haushalte sind das alles Peanuts. Für die vielen Haushalte mit niedrigen Einkommen in Leipzig aber sind das existenzielle Summen: Bis zu 130 Fälle pro Woche sind mit bis zu 200 Euro im Rückstand, um die 140 Haushalte fallen mit bis zu 300 Euro an, 53 Haushalte mit bis zu 400 Euro und 94 mit noch höheren Zahlungsrückständen. Das ist – wie das Sozialamt angibt – ein durchschnittlicher Wochenwert und lässt ahnen, wie schnell ein einkommensschwacher Haushalt offene Stromrechnungen mit mehreren hundert Euro offenstehen hat.

Eigentlich würden da vorbeugende Beratungen helfen, bestätigt auch das Sozialamt. Aber im Vergleich mit den verhängten Stromsperren nutzen doch recht wenige Haushalte dieses Angebot.

„Die Anzahl der Beratungen wird nicht zentral statistisch erfasst. Zwischen 2023 und 2025 erfolgten 52 Beratungen im Beratungszentrum der Stadtwerke Leipzig“, stellt das Sozialamt fest. „Die KEB erreichte mit den angebotenen Beratungen und Informationsveranstaltungen im Jahr 2024 durchschnittlich 40 Interessentinnen und Interessenten. Im Jahr 2025 waren es durchschnittlich 45 Interessentinnen und Interessenten.“

Die KEB ist die Kommunale Energiesparberatung der Caritas.

Wenn es stimmt, dass in den 3.600 Stromabschaltungen ein Nachholeffekt für die Vorjahre steckt, müsste diese Zahl 2026 wieder sinken. Aber sie erzählt trotzdem davon, dass gerade die einkommensschwachen Haushalte derzeit besonders unter den deutlich gestiegenen Energiepreisen leiden und eine wirkliche Entlastung nicht in Sicht ist.

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