Eine Studie beleuchtet mal den kreativen Flickenteppich der Stadt Leipzig

Gerade die Informationstechnologie sorgt für das starke Wachstum der Leipziger Medien- und Kreativwirtschaft

Für alle LeserDie Nachrichten über den Zustand der Leipziger Kreativwirtschaft sind widersprüchlich. Was auch daran liegt, dass sich jeder unter Kreativität etwas Anderes vorstellt. Unter Medien übrigens auch. Aber dass die Medien- und Kreativwirtschaft in Leipzig ein enormes Potenzial bietet, dessen war sich Wirtschaftsbürgermeister Uwe Albrecht schon sicher, bevor er die jetzt vorgelegte neue Studie beauftragte.

Denn auch vorhergehende Zahlenwerke zu diesem bunt geflickten Cluster haben gezeigt, wie viele Leipziger hier versuchen, kreativ zu sein. Auch wenn Vieles davon nichts mit Malen, Tanzen oder Gedichteschreiben zu tun hat.

Seit dem Jahr 1996 wird die Entwicklung des Medienstandortes Leipzig in regelmäßigen Abständen durch wissenschaftliche Erhebungen analysiert. Nach bislang sieben Untersuchungen liegt nun die nächste, vom Amt für Wirtschaftsförderung beauftragte „Studie zur Medien- und Kreativwirtschaft in Leipzig 2017“ vor. Sie analysiert die Lage Leipziger Unternehmen der Medien- und Kreativwirtschaft einschließlich ihrer sieben Subbranchen, darunter erstmals mit besonderem Schwerpunkt der Informations- und Kommunikationstechnologie.

Tatsächlich ist es die erste Studie zum Thema, betonte Uwe Albrecht bei der Vorstellung des Papiers am Donnerstag, 17. August. Denn man hat extra eine kompetente Hochschule beauftragt, die Zahlen zusammenzutragen und Aussagen für mögliche weitere Entscheidungsschritte zu finden. Denn da der kreative Haufen so bunt ist, ist es fast unmöglich, ein einziges Regelwerk für alle zu entwickeln.

Die aktuelle Erhebung stützt sich auf strukturelle amtliche Daten und verzichtet, abweichend von der letzten Standortstudie, auf Aggregierungen und Hochrechnungen statistischer Angaben. Mit ihren Daten reicht sie teilweise bis ins Jahr 2016. Und da vor allem harte Umsatzzahlen die Grundlage sind, ermöglicht diese Vorgehensweise Vergleiche mit relevanten Wirtschaftsstandorten bzw. innerhalb der Branchen. Studienpartner war das Forschungs- und Transferzentrum Leipzig e.V. der Hochschule für Technik Wirtschaft und Kultur Leipzig, die fachliche Betreuung oblag dem Forschungsteam unter Leitung von Prof. Dr. rer. oec. Rüdiger Wink.

Nicht ganz auf dem Stand der Gegenwart ist die ermittelte Anzahl der Betriebe im riesigen Cluster Medien- und Kreativwirtschaft: Sie stieg von 3.831 (2009) um 684 auf 4.515 (2014). Und wahrscheinlich liegt sie längst viel höher. Dafür spricht schon der Anstieg der Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in diesem Cluster – von 2009 bis 2014 von 24.726 auf 29.597. Bis 2016 stieg die Zahl weiter auf 31.494.

Was schon einmal einer der Gründe ist, warum es in einzelnen Medienbranchen schon spürbare Probleme gibt, jungen Nachwuchs zu finden. Denn das ist eine der zentralen Erkenntnisse der Studie: Die Personalgewinnung wird zum Problem.

Die Auslandsumsätze der einzelnen kreativen Subcluster. Grafik: Prof. Wink, HTWK

Die Auslandsumsätze der einzelnen kreativen Subcluster. Grafik: Prof. Wink, HTWK

Wofür in diesem Fall insbesondere Jens Heinrich von der ccc software gmbh und Vorstandsmitglied im Cluster-IT-Mitteldeutschland e.V., sprechen konnte. Die ccc gehört in das Subcluster Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT), an das man nicht unbedingt gleich denkt, wenn von Kreativwirtschaft die Rede ist. Und wenn man nach bedeutenden Leipziger Unternehmen aus der Branche fragt, beginnt ein großes Rätselraten. Was aber nicht bedeutet, dass es sie nicht gibt. Aber sie haben zumeist sehr technisch klingende Namen – und ihr Ruhm erstreckt sich vor allem auf sehr speziellen Gebieten der Informationstechnologie – von der Anwendersoftware bis zum Datenschutz. Nach ein wenig Grübeln fallen einem dann doch Namen ein wie GESA und Comparex.

Als Privatkunde hat man mit ihnen fast nichts zu tun. Sie arbeiten fast ausschließlich mit gewerblichen Auftraggebern zusammen. Und ihre Produkte sind – mal so formuliert: virtuell. Leipzigs am stärksten wachsende Branche produziert vor allem lauter Nullen und Einsen. Und das nach Aussage der befragten Unternehmen selbst, zu einem Drittel in einer Position der Marktführerschaft.

Aber das bedeutet auch, dass die Großen in dieser Branche ihre Kundschaft nur zum kleineren Teil in Leipzig oder Sachsen haben, sondern zu 60 Prozent darüber hinaus. Manche agieren längst weltweit. Und da diese Firmen zwar manchmal viel Bürofläche brauchen, aber selten spektakuläre Werkhallen mit Gleisanschluss bauen, spürt man kaum, wie stark gerade die Firmen der IKT gewachsen sind: von etwas über 8.000 Beschäftigten im Jahr 2009 auf über 12.000 im Jahr 2016. Da weiß eigentlich auch Jens Heinrich, wo das Personal geblieben ist, das er gern eingestellt hätte.

Wobei er auch die Ausbildung an den Hochschulen für den Mangel verantwortlich macht. Und das stimme auch zum Teil, gesteht Prof. Rüdiger Wink von der HTWK zu: Die Verschulung des Studiums (Stichwort: Bologna-Prozess) hat dazu geführt, dass die Studiengänge zunehmend normiert sind und kaum noch Raum bleibt, die Verknüpfung in die Praxis herzustellen. Dazu käme ein Schulsystem, das seine Schüler mit umfassender Ahnungslosigkeit entlässt, was die Möglichkeiten der Leipziger Berufswelt betrifft. Sie hätten zwar alle gelernt, auf der Benutzeroberfläche technischer Geräte herumzuspielen, kritisiert Heinrich. Aber sie wüssten nicht, wie aufregend die Welt hinter den Bildschirmen sein könne.

Er spitzt es auch gern zu: „Wir brauchen mehr Nerds.“

Das könnten wahrscheinlich auch Geschäftsführer aus den anderen Subbranchen sagen. Wobei es im Feld „Künste und Musik“ von Nerds geradezu wimmeln sollte. Die gute Nachricht: Die Zahl der hier Beschäftigten wuchs ebenfalls, wenn auch nicht so stark. Denn nach wie vor heißt Künstler-Sein eben zumeist auch volles Risiko für einen Ein-Mann-/Ein-Frau-Betrieb. Knapp 3.500 Leipziger sind hier trotzdem sv-pflichtig beschäftigt. Sogar die Branche „Werbung und Öffentlichkeitsarbeit“ wächst.

Rüdiger Wink, Professor für Volkswirtschaftslehre an der HTWK Leipzig. Foto: Johannes Ernst/HTWK Leipzig

Rüdiger Wink, Professor für Volkswirtschaftslehre an der HTWK Leipzig. Foto: Johannes Ernst/HTWK Leipzig

Aber für die großen Zahlen in der Medien- und Kreativwirtschaft ist neben der IKT vor allem die Branche „Messen und Dienstleistungen“ mit verantwortlich. Von knapp über 4.000 wuchs hier die Zahl der Beschäftigten auf rund 7.500. Hier stecken zum Beispiel auch die Leipziger Callcenter mit drin.

Aber einen ordentlichen Wermutstropfen gibt es natürlich: In Leipzig, das ein paar Leute vor Jahren mal zur „Medienstadt“ machen wollten, schrumpfen die beiden großen Branchen „Druck und Verlagsgewerbe“ und „Rundfunk und Filmwirtschaft“. Letzteres, so Prof. Wink, habe mit der veränderten Auftragsvergabe beim Koloss MDR zu tun, von dem viele kleine Firmen als Auftragnehmer abhängig sind.

In diesem Zusammenhang geht er auch noch auf den Vorteil der sehr kleinteiligen Leipziger Kreativbranche ein: Gerade dadurch, dass sie aus sieben völlig unterschiedlichen Subbranchen besteht, sei sie für Krisen weniger anfällig. Verluste in einem Subcluster können durch Wachstum in einem anderen meist ausgeglichen werden.

Insgesamt wächst das ganze Cluster. Von 2011 bis 2015 gab es ein Umsatzwachstum von 49,8 % auf 2,753 Milliarden Euro. Das haben logischerweise eher die Unternehmen der IKT-Branche erwirtschaftet als die berühmten Malerinnen und Maler der Leipziger Schule.

Oder die Verleger. Die scheinen manchmal aus dem Fokus der Stadtpolitik zu verschwinden. Aber sie sind es noch nicht gänzlich, auch wenn die Zahl der hier Beschäftigten von fast 3.000 auf knapp über 2.000 schrumpfte. Woran das direkt lag – ob es so viele Verlagsschließungen gab oder die dort Beschäftigten ihre (prekären) Jobs verloren, kann auch Wink nicht sagen. So detailliert hat er nicht in die Branche hineinleuchten können.

Der Vergleich mit anderen Großstädten zeigt aber auch, dass Leipzig auch vorher nicht zu den Städten gehörte, in denen die Verlagslandschaft auch wirtschaftsprägend war. Und Wink hat Leipzig mit durchaus namhaften Städten von München bis Berlin verglichen. Dabei fiel auch auf, dass gerade im Osten (Berlin, Chemnitz, Leipzig, Dresden – genau in dieser Reihenfolge) die Kreativwirtschaft besonders stark gewachsen ist seit 2009. Sie hat hier also sehr massiv zum Wachstum anspruchsvoller Arbeitsplätze beigetragen.

Wobei es aus Winks Sicht zwei Gründe gibt, dieses Wachstum zu relativieren. Zum einen hatten Städte wie München schon vorher eine stark entwickelte Kreativwirtschaft – man wuchs also von einem wesentlich höheren Niveau her. Und außerdem gebe es im Westen schon starke Verdrängungseffekte. Wer sich die steigenden City-Mieten nicht mehr leisten könne, wandere mit seinem Unternehmen in den Speckgürtel ab.

So weit ist es in Leipzig noch nicht.

Aber Jens Heinrich sieht hier die nächste Herausforderung für das ganze Cluster (nicht nur für Maler und Musiker) heranreifen: Die preiswerten Büroflächen in Leipzig werden knapper. Die Stadt werde schon bald eine deutlich steigende Nachfrage nach Büroflächen gerade aus der IKT haben.

Nur eines macht ihm derzeit keine Sorgen: Die Stadt ist gut mit Breitband ausgestattet. Was wohl auch einer der Gründe dafür ist, dass viele kleine IKT-Unternehmen in den letzten fünf bis sieben Jahren nach Leipzig wechselten. Und die Kleinteiligkeit der Branche werde Leipzig wohl noch viele Jahre erhalten bleiben, sagt Wirtschaftsbürgermeister Uwe Albrecht. Zur Herausbildung großer, schlagkräftiger Mittelstandsunternehmen sei das nicht so gut. Aber wenn man ins Detail schaue, seien die Arbeitsfelder der Firmen so unterschiedlich, dass man sie auch nicht einfach in einen Topf werfen kann, meint Wink.

Letzte nicht unwichtige Nachricht: Das kreative Cluster trägt mittlerweile 12,3 Prozent zur gesamten sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung in Leipzig bei.

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