Stadtführer für Leipzig gibt's mittlerweile in allen Farben, Formen, Größen. Die meisten führen das Besuchervolk zu den üblichen Plätzen, den üblichen Berühmtheiten, den immer gleichen Geschichten. Einige davon sind so oft nachgeplappert, dass sie schon lange falsch sind. Und sie zeigen Leipzig einseitig: einheitlich gefönt. Als hätte es nie ein anderes, rebellisches Leipzig gegeben.

Eine Zeit lang versteht man ja, dass man gerade im Tourismus-Gewerbe seine Stadt gern von der schönen Seite zeigt. Ohne Kratzer, Abgründe, Dissonanzen. Herrlich sanierte Gebäude, sonnenlichtüberströmte Plätze, ruhmreiche Sprüche.

Aber das ist nur Leipzigs Sonntagsseite. Was aber passierte eigentlich an den sechs Werktagen? Was macht diese Stadt tatsächlich unverwechselbar? – Wenige beschäftigen sich damit. Einer tut es seit Jahren intensiv und gründlich, weil er mit der glattgebügelten Stadtgeschichte à la Wustmann schon lange im Clinch liegt: Otto Werner Förster. Er schreibt ungern ab. Er geht lieber in die Archive und sucht die Quellen. Er sucht auch Quellen, die andere nicht mal kennen, weil sie mit den Leuten nichts anfangen können, die sie verzapften. Und die Wahrheit ist: Wenn es um Literatur in Leipzig geht, kommen die meisten über Goethe nicht hinaus.

Natürlich kann auch Otto Werner Förster nicht alle, die wichtig sind für die Leipziger Literaturgeschichte, in einem Spaziergang unterbringen. Auch muss er sich beschränken. Schon die kompakte Innenstadt allein steckt voller Geschichten. Aber einen Besseren hätte der Seume-Verlag für dieses erste Buch einer neuen Reihe wohl nicht finden können. Bisher war der seit Kurzem in der Hainstraße zu findende Verlag mit Kinderstadtführern auf dem Markt präsent.

Mit literarischen Spaziergängen erobert er jetzt ein neues Segment. Für Heidelberg ist einer für 2013 in Planung. Leipzig macht den Beginn. Auch wenn die Autoren fast alle – von Lessing bis Reimann – feststellen mussten, dass Leipzig für Autoren ein schweres Pflaster ist. Die direkte Nähe zu Verlagen und Buchdruckereien machte das Leben der Literaten nicht leichter. Wer nicht anderweitig einen Unterhalt fand – wie Gellert und Gottsched zum Beispiel als Professoren der Universität, der darbte oft.

Und trotzdem war da etwas, was Autoren nach Leipzig lockte. Hier brodelte etwas. Denn Leipzig profitierte Jahrhunderte lang auch von der Tatsache, dass es zwar eine Stadt der Krämer und Kaufleute war, die Kultur immer nur als schöne Folie betrachteten (und trotzdem immer wieder mal richtig Geld dafür spendierten), dass die Residenzstadt Dresden aber weit weg war und dass Sachsen immer etwas liberaler war als die großen Spieler am Tisch – Preußen und Österreich.

Der Aufstieg der Buchstadt fiel nicht zufällig mit der Rolle Leipzigs als eins der deutschen Zentren der Aufklärung zusammen. 2009 eindrucksvoll vorgeführt mit der Ausstellung “Erleuchtung der Welt” im Alten Rathaus. Aufklärung hat mit Bildung zu tun, Bildung mit Büchern. Und mit der Freiheit, sich über Gott und die Welt öffentlich austauschen zu können. Was die Leipziger taten. Zur Aufklärung gehören die berühmten Kaffeehäuser, in denen sich die diskutierfreudigen Leipziger trafen – im Richterschen. im Zimmermannschen, im Lehmanschen Kaffeehaus trafen sie sich im 18. Jahrhundert. Schiller schwärmte davon.

Die Tradition riss nicht ab. Bis heute nicht. Selbst die jüngst im Alten Rathaus eröffnete Ausstellung “Moderne Zeiten” zeigt ein Schmuckstück dieser rebellischen Diskussionskultur: den “Verbrechertisch” aus der Gaststätte “Gute Quelle” am Brühl, an dem die einst verurteilten und gemaßregelten Demokraten aus den revolutionären Jahren um 1848 / 1849 saßen – vom jungen August Bebel maßlos beneidet.

Die meisten der einst berühmten Kaffeehäuser und Kneipen sind aus der Innenstadt verschwunden. Die Leipziger Kaufleute haben immer gern auch abgerissen, wenn sie alles neu haben wollten. Deswegen helfen da und dort Gedenktafeln an den Häusern ein bisschen bei der Orientierung – etliche von Förster selbst initiiert. Denn Stadtgeschichte macht wenig Sinn, wenn man nicht merkt, was sie lebendig macht und wie sich das vernetzt, verquickt und begegnet. Wo logierte Goethe und wo traf er das schöne Käthchen? Wo lässt sich die Geschichte Rowohlts und seiner genialen jungen Autoren verorten? Wo trifft man auf E.T.A. Hoffmann, auf Laube, Blum, Brehm und Freytag? Auch Karl May und Friedrich Gerstäcker tauchen auf. Der eine mit Pelz – der andere schrieb hier tatsächlich seine berühmten Amerika-Romane.

Fontane findet logischerweise genauso wie Heinrich von Morungen. Luther natürlich, denn der Mann steht exemplarisch für saftige deutsche Streitkultur in gedruckter Form. Und das Schöne: Förster nimmt die jüngere Kritik an der Verortung des alten kurfürstlichen Schlosses, in dem die Disputation zwischen Luther und Dr. Eck stattfand, auf. Während die anderen, der derzeit Stadtführer verfassen, immernoch das Märchen nachplappern, das Schloss hätte dort gestanden, wo heute das neue Rathaus steht.

Förster weiß, wo die Autoren logierten, die er erwähnt. Manche hatten gleich mehrere Adressen in der Stadt – so wie Seume, der nicht nur dem Verlag seinen Namen gab, sondern in diesem Buch auch mehrfach auftaucht. Seit seinem großen runden Todestag 2010 ist auch einigen Leipzigern wieder etwas bewusster, was für ein kritischer und kluger Kopf Seume war. Und dass auch das kein Zufall war. Denn Leipzig war Jahrhunderte lang attraktiv für kritische Köpfe. Einer wie Lessing wäre gern da geblieben – die Atmosphäre war anregend. Nur das Geld war knapp.

Es war – für kritische Autoren – also immer so wie heute auch. Wer sich nicht anbiedert an die Macht, lebt prekär. Eine Geschichte, die sich über das 20. Jahrhundert hinaus weitererzählen ließ. Doch gefühlt macht Förster um 1920 einen Schnitt. Sonst wäre sein Spaziergang wohl wirklich zu umfangreich geworden. Und zu bissig. Das Titel-Zitat “… daß ich in Leipzig glücklich seyn werde …” stammt von Schiller. Seinen Aufenthalt in Leipzig nach dem “Räuber”-Drama in Mannheim hat er wohl wirklich genossen, bevor er weiterreiste nach Dresden.

Eine Faltkarte im Buch ermöglicht dem Leser, alle Stationen von 1 bis 14 auch selbst nachzulaufen. Die Punkte auf der Karte ermöglichen auch das gezielte Nachschlagen im Text. Was sich gut macht, wenn man wie Förster einfach losspaziert am Gasthaus Alte Nikolaischule und unterwegs die Einladungen der Freisitze und Cafés einfach so nimmt, wie sie kommen. Und das Schöne an diesem Spaziergang ist: Er funktioniert immer. Er ist nicht auf Sonnenschein oder verkaufsoffene Sonntage angewiesen. Im Gegenteil. Man hat ganz bestimmt auch seine Freude daran, wenn es nebelt, nieselt oder grau ist. Nur dem Wetter gemäß muss man sich anziehen. Und eine gehörige Portion Phantasie braucht man, denn Vieles hat sich ja gründlich verwandelt im Stadtbild. Nur der Geist dieser Stadt, die schon vor 800 Jahren rebellisch war, ist überall irgendwie noch da. Nicht totzukriegen. Unbezahlbar.

Otto Werner Förster “daß ich in Leipzig glücklich sein werde … Unterhaltsame literarische Spaziergänge durch das alte Leipzig”, J. G. Seume Verlag, Leipzig 2012, 16,90 Euro

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