Napoleons gescheiterten Russlandfeldzug versteht der englische Historiker Adam Zamoyski als Symbol, "wie Hybris am Ende von ihrer Nemesis eingeholt wird". In seinem eindrucksvollen Werk "1812" ruft er uns die zerstörerischen Dimensionen dieses "ersten modernen Krieges" und dessen Bedeutung für die europäische Geschichte in Erinnerung.

Vor 1813 kommt 1812. Bevor also in Leipzig die große Doppel-Jubiläums-Friedensfest-Feierei startet, ist ein Rückblick auf das europäische Schicksalsjahr 1812 angezeigt. Das Jahr, in dem die Grande Armee von Napoleon nebst Verbündeten und Satelliten sich in den Weiten Russlands verlor.

Denn dass sich Frühjahr 1813 Österreich und Preußen zur Bildung einer großen, von Russland angeführten antinapoleonischen Allianz zusammenfanden, hatte ursächlich mit dem grandiosen Scheitern des Kaisers der Franzosen in den Weiten des Zarenreiches zu tun. “Der katastrophale Ausgang des Russlandfeldzuges besiegelte Napoleons Schicksal”, bilanziert Zamoyski am Ende seines Werkes.

Der Krieg verlagerte sich 1813 entlang der alten Handelsstraßen westwärts: Bei Großgörschen/Lützen (2. Mai), Bautzen (20. Mai) und Dresden (26. August) konnte Napoleon mit frischen Truppen die jetzt gegen ihn verbündeten Mächte schlagen. Am 16. Oktober 1813 wurde bei Leipzig die blutige Vorschlussrunde der Napoleonischen Kriege eingeläutet. So findet sich denn auch im Finale des Buches der Hinweis auf die Völkerschlacht und den chaotischen Rückzug der französischen Streitmacht über die Elster. An die übereilte Sprengung der dortigen Brücke und den Tod des polnischen Fürsten und französischen Marschalls Jozef Antoni Poniatowski (1763-1813) erinnern noch heute Denkmäler zwischen Jahnallee und Elsterstraße.

Die – aus zeitgenössischer Sicht – eilige Rückreise von Franzosenkaiser Napoleons I. (1769-1821) vom Herbst 1812 vom russischen Kriegsschauplatz nach Frankreich wurde ja schon werbewirksam von niederländischen Pferdefreunden nachgestellt (L-IZ berichtete).

Der fatale Marsch auf Moskau
Doch so postkartengerecht ging es damals nicht zu, schon wegen der jahreszeitlichen Verschiebung nicht. Die reichlich 500.000 Soldaten unter französischem Oberkommando überschritten die russische Grenze erst am 24. Juni 1812. Am 14. September erreichten französische Einheiten Moskau. Ab Mitte Oktober ging das dann retour: entlang der breiten Schneise der Verwüstung, die sie seit Juni geschlagen hatten.

Schon im Herbst war die große Armee weder groß, noch glorreich. Ausgemergelte, Mitleid erregende Gestalten seien es gewesen, die Mitte Dezember ihre Ausgangspositionen erreichten, so gehen die Schilderungen seit nunmehr zwei Jahrhunderten.

Dieses große und schreckliche europäische Drama hat Adam Zamoyski an Hand der bekannten Quellen anschaulich und nachvollziehbar rekonstruiert. Im englischen Original von 2004 heißt das Opus magnum des in London lebenden Historikers “1812: Napoleon’s Fatal March on Moscow”. In diesem Jahr ist es auf deutsch bei C.H.Beck als “1812. Napoleons Feldzug in Russland” erschienen.

Fatal war der Kriegszug des Empereur auf alle Fälle. Zuerst für die vielen Opfer, machtpolitisch aber auch für den Korsen mit dem Titel “Kaiser der Franzosen”.

Bald nach der Napoleonischen Epoche brach das Zeitalter des Nationalismus über Europa herein. So entstanden verschiedene nationale Erzählungen über das, was damals geschah. Für die Russen selbst war der “Vaterländische Krieg” das Zentralereignis ihrer Geschichte, bis er von den Schrecken des “Großen Vaterländischen Krieges” 1941/45 in den Hintergrund gedrängt wurde.

Und dann Deutschland. “Tatsächlich ist Napoleons Umgang mit Preußen symptomatisch für seine falsche Handhabung der deutschen Angelegenheiten insgesamt, woran seine Nachfolger noch 1940 zu tragen hatten”, schlägt Zamoyski den Bogen noch drei preußisch-französische beziehungsweise deutsch-französische Kriege weiter.

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1812
Adam Zamoyski, CH-Beck-Verlag 2012, 29,95 Euro

In der Tat: Die Folgeschäden der Napoleonischen Kriege wogen schwer. Und auch die Deutungen, die die staatsamtlichen Geschichtspropagandisten seit 1815 – dem finalen politischen Ende Napoleons – lieferten, haben manchen Flurschaden angerichtet. “Nachdem nunmehr nationalistische Leidenschaften und politische Vorgaben weitgehend verschwunden sind, sollte das Vorhaben weniger beängstigend sein”, schreibt der Autor eingangs optimistisch.

Gleich mehr dazu: Warum nicht die EU der Erbe Napoleons ist, sondern der säbelrasselnde Nationalismus.

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