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Auf den Spuren der Völkerschlacht: Was Leipziger Straßennamen über die Völkerschlacht, ihre Akteure und ihre Folgen verraten

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    Auch so kann man die Dimensionen der Völkerschlacht nachempfinden: Man sucht ihre Spuren auf Straßenschildern im Stadtgebiet. Denn von den 3.033 offiziellen Straßen- und Platznamen in Leipzig haben wenigstens 85 mit der Völkerschlacht zu tun. Steffen Held hat sie alle ausgezählt und 2013, zum 200. Jahrestag der Völkerschlacht, erstmals als Zeitungsserie veröffentlicht. Aber wer sammelt sowas schon?

    Wobei: Eigentlich schwebte die Idee, aus den kleinen Beiträgen ein Buch zu machen, die ganze Zeit im Raum. Bis Steffen Held sich mit Reinhard Münch zusammentat, der schon einen ganzen Stapel von Büchern zur Napoleonzeit vorgelegt hat. Entstanden ist ein Büchlein, das man sich in die Jackentasche stecken kann. Und dann los. Selbst für alle Geschichtsinteressierten, die schon die Wanderung zu allen Apelsteinen im Stadtgebiet gemacht haben, erschließt das Buch neue Dimensionen.Denn natürlich ist es nicht nur die Völkerschlacht allein, die Leipzigs Stadtväter und Stadtmütter dazu veranlasste, Persönlichkeiten und beteiligte Nationen mit einer Straßenbenennung zu ehren. Oder das Völkerschlachtdenkmal selbst und diverse Erinnerungsmale im Stadtgebiet auch noch zusätzlich auf Straßenschilder zu packen.

    Gerade in der Diskussion am 8. Juli 2020 im Leipziger Stadtrat um die Petition zur Umbenennung der Straße des 18. Oktober in Franklin-Delano-Roosevelt-Straße wurde deutlich, wie sehr die Erinnerung an die Völkerschlacht zur Leipziger Identität gehört und auch den gewählten Stadträt/-innen das Gefühl gibt, dass Leipzig damals mitten im Zentrum der Weltgeschichte stand. Zumindest dessen, was bisher immer wieder als das in die Geschichtsbücher kam, was man unter Geschichte zu verstehen hatte. Und was meist mit großen Kriegen, gewaltigen Schlachten und bitteren Siegen oder Niederlagen zu tun hatte.

    Es wird noch viele Generationen von Historikern brauchen, um diese verquere Sicht auf Geschichte aus den Köpfen der Menschen zu verdrängen. Sehr viele. Denn das Auftrumpfen der Autoritären gegenwärtig in sämtlichen Demokratien des Westens erzählt davon, dass vielen Wählern noch immer das Bild vom Helden der Geschichte im Kopf steckt, egal, ob der sich nun Kaiser, Diktator oder Führer nennt. Das viele Blut, das diese Leute jedes Mal vergießen, die Zerstörungen, das Leid, die heftigen Rückschläge für die Zivilisation – sie werden einfach ausgeblendet, verschwinden hinter dem Bild des siegreichen Eroberers.

    Weshalb ich in Helds akribischer Sammlung auch einen tragischen Helden der Völkerschlacht vermisse: Friedrich August I., seit 1806 König von Sachsen von Napoleons Gnaden, 1813 sein letzter treuer Begleiter, ausharrend im Königshaus am Markt, während Napoleon schon den Rückzug befohlen hatte. Nach ihm wurde 1839 der Augustusplatz benannt.

    Was sich durchaus zu wissen lohnt, denn gerade auch dafür liebten die damaligen Sachsen ihren König und begrüßten ihn, als er aus preußischer Gefangenschaft zurückkehrte, mit grün-weißen Fahnen. Auch das gehört zum großen Thema Völkerschlacht. Genauso wie der Seitenwechsel eines Teils der sächsischen Truppen während der Schlacht, was Napoleon danach die schöne Ausrede an die Hand gab, er hätte die Schlacht wegen der verräterischen Sachsen verloren. Womit er den Begriff „Sachsen“ quasi in Frankreich zum Synonym für Verräter machte.

    Wie viel Propaganda in solchen Meldungen aus Stabsquartieren steckt, hat ja Wolfgang David gerade in seinem großen historischen Roman „Im Aufwind der Macht“ gezeigt, in dessen Zentrum der sächsische General Johann Adolf von Thielmann steht, der schon Monate vor der Völkerschlacht den Dienst aufkündigte und zu den Alliierten wechselte, nach dem Russlandfeldzug endgültig enttäuscht von Napoleon, der lieber blutige Kriege führte, als das versprochene einige Europa zu schaffen.

    Und Thielmann sah sehr wohl, dass sich das Blatt gewendet hatte und Sachsen auf der falschen Seite stand, wenn es weiter den Kopf für Napoleon hinhielt. Aber David zeigt eben auch, wie schwer sich selbst Offiziere tun, die Realitäten zu begreifen und ihren blinden Gehorsam durch verantwortungsvolles Handeln zu ersetzen.

    Deswegen erzählen die Leipziger Straßenbenennungen sehr viele Geschichten, von vielen verschiedenen Seiten. Hier werden nicht nur berühmte militärische Führer geehrt wie Schwarzenberg, Blücher, Yorck oder der so tragisch in der Weißen Elster ertrunkene Fürst Poniatowski, den die beiden Autoren sogar auf dem Titelblatt besonders ehren. Auch deshalb, weil es die Leipziger fertiggebracht haben, 1933 die Poniatowskistaße aus dem Stadtbild zu entfernen (während in Meusdorf gerade erst das große Namengeben mit Generalen der verbündeten Truppen begann).

    Heute erinnert wenigstens der Poniatowskiplan an den Feldmarschall Napoleons. Ein Polenweg erinnert an die an der Schlacht beteiligten polnischen Soldaten auf beiden Seiten. Und mit Dombrowski wird seit 1998 auch an den zweiten wichtigen Befehlshaber der polnischen Truppen erinnert.

    Überhaupt ist ab 1990 eine Veränderung eingetreten, stellen die beiden Autoren fest, denn seitdem werden nicht mehr nur die militärischen Führer geehrt, sondern auch die beteiligten Völker an der Völkerschlacht: Franzosen, Russen, Tschechen, Preußen, Schweizer … es fehlen noch etliche.

    Und es fehlt eigentlich auch eine Straße für den Dichter und damaligen Zeitschriftenredakteur Achim von Arnim, der den Begriff Völkerschlacht überhaupt erst prägte und damit der Sache einen völlig neuen Dreh gab. Denn wenn es nach den Militärberichten von 1813 gegangen wäre, wäre dieses Gemetzel als Volksschlacht in die Geschichtsbücher eingegangen. Nicht auszudenken. Niemand ist unschuldiger an Schlachten als das Volk.

    Und erst diese frühe Beharrlichkeit Arnims macht die Erinnerung an die Völkerschlacht heute zu einer gemeinsamen Erinnerung aller daran beteiligten Nationen. Genau das ermöglicht erst die Aussöhnung.

    Und bei den Kapiteln Thiemestraße und Schmitzstraße (gewidmet den Schöpfern des Völkerschlachtdenkmals) erinnern die beiden Autoren natürlich auch daran, dass auch das Völkerschlachtdenkmal nicht als Ruhmesdenkmal für den deutschen Kaiser und das Bismarcksche Reich gedacht war und auch nicht als Triumph über die „verhassten“ Franzosen, sondern als Mahn- und Erinnerungsmal für alle in dieser Schlacht getöteten Soldaten. Von außen wirkt es sehr wuchtig und imperial, aber spätestens wenn man die Rotunde betritt, merkt man, dass das eigentlich eine große Trauer- und Feierhalle für die getöteten Soldaten in der Schlacht ist.

    In Baalsdorf und Dölitz werden auch die zivilen Akteure mit Straßennamen gewürdigt, die vor Ort das Schlimmste für ihr Dorf zu verhindern versuchten. Und mit Leuten wie Körner, Schenkendorf, Jahn und Arndt wird natürlich auch das geistige Umfeld der Befreiungskriege benannt. Durchaus kritisch, wie man auch in den Kapiteln zu Ernst Moritz Arndt, Friedrich Ludwig Jahn und Theodor Körner nachlesen kann.

    Auch das zeigt das Buch nämlich: Dass Straßennamen nicht für die Ewigkeit stehen, sondern stets die Sicht der Zeitgenossen zeigen, die auch in Leipzig nach 1871 stark national und preußisch geprägt war. Was natürlich die Frage aufwirft: Sind sie wirklich das „Gedächtnis der Stadt“, wie Leipzigs Verwaltung es gern formuliert? Oder in Wirklichkeit auch Auseinandersetzung mit Geschichte und mit vorhergehenden Generationen, deren Sichtweise man nicht teilen muss – man denke nur an die Straßenbenennungen in der NS-Zeit oder die aus der DDR.

    Manchmal steckt auch einfach Dankbarkeit gegenüber Menschen dahinter, die sich für die Stadt oder die Erinnerung eingesetzt haben – wie den russischen Stadtkommandanten Prendel oder Theodor Apel mir seiner Apelstein-Initiative.

    Im Vergleich mit dem Besuch aller Apelsteine und Erinnerungsmale wird der Stadtraum so nicht nur zum Erinnerungsraum an die Völkerschlacht, sondern auch an den Umgang mit der Erinnerung an diese Schlacht, der letztlich für Leipzig wieder typisch wird, weil dem stark nationalistischen Moment der Kaiserzeit heute ein starkes völkerverbindendes Moment gegenübersteht. Logisch, dass Leute wie Jahn und Arndt heute Kritik aushalten müssen.

    Das Buch ist eine sehr schöne Einladung, die Stadt einmal auf diese Weise zu erkunden. Die Straßen sind von Am Doppeladler in Holzhausen bis Zum Apelstein in Lindenthal alphabetisch geordnet. Aber am Schluss des Buches sind sie auch noch einmal nach Ortsteilen geordnet, sodass man sich einfach vor Ort auf den Weg machen kann von Straßenschild zu Straßenschild.

    Was hier geschah oder warum das Schild hier hängt, wird in den Texten zu jeder Straßenbenennung erläutert. Und es gibt natürlich Ortsteile wie Liebertwolkwitz, Meusdorf und Probstheida, wo es sehr viele solcher Straßen der Erinnerung gibt, wo man also die Entdeckung des Ortsteils gleich verbinden kann mit einem Stück Völkerschlachtgeschichte. Muss man nur noch losgehen oder losfahren. Auch so wird Leipzig zu einem erlebbaren historischen Pflaster.

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