Kriege sind ein einziges großes Töten. Und der Krieg in der Ukraine erinnert daran, dass Putin nicht der erste Diktator ist, der meint, mit dem brachialen Einsatz einer hochgerüsteten Armee ein Nachbarland niederwalzen zu können. Das Vorbild für viele modernere Diktatoren war immer auch Napoleon. Und im Kampf gegen seine Armeen starben nicht nur hunderttausende Soldaten, sondern auch Dutzende Generale. Reinhard Münch würdigt mal ein paar von ihnen.

Denn während Marschälle meist relativ weit ab vom Schuss stehen, um das Schlachtfeld dirigieren zu können, sind Generale in der Regel bei ihren Truppen. Und in den Napoleonischen Kriegen saßen sie auch nicht in gepanzerten Fahrzeugen, verfügten über keine Funkgeräte, sondern gerieten auch wie die niedrigeren Offizierschargen in Gefechte, in denen sie dann oft genug kämpfen mussten wie ihre Mannschaften.

Und die prächtige Generalsuniform schützte sie dann nicht mehr davor, niedergestochen oder erschossen zu werden. Oder eine der Wunden einzufangen, die damals in vielen Fällen zu einer Blutvergiftung führten und zu einem qualvollen späten Tod.

Der bekannteste Fall – auch in Münchs kleiner Sammlung mit 33 Generalen verschiedener Armeen – ist natürlich Blüchers Generalstabschef Gerhard von Scharnhorst, der in der Schlacht bei Großgörschen im Mai 1813 am Fuß verwundet wurde, die Wunde aber nicht auskurierte und daran im Juni in Prag starb.

Der Beginn des modernen Schlachtens

Mancher wird auch mit dem Namen Bagration etwas anfangen können, einem der besten russischen Generale, der nach einer langen Karriere in vielen der Schlachten um das Jahr 1800 dann 1812 bei Borodino verwundet wurde und Tage später an Wundbrand starb.

Im Grunde werden die von Münch zusammengestellten biografischen Skizzen auch zu einer Art Zeitgemälde bzw. dem Bild einer Zeitenwende, in der sich auch das Bild der Offiziere in den Armeen Europas veränderte.

Dazu haben ja bekanntlich die Franzosen den Anstoß gegeben, die schon in den Koalitionskriegen der 1790er Jahre mit einer Armee antraten, in der begabte Bürgerliche Karriere machen und auch höchste Kommandopositionen erreichen konnten, während in den Armeen der feudalen Gegner noch das alte Adelsprinzip galt.

Sämtliche höheren Chargen waren den Söhnen aus Adelsfamilien vorbehalten und in höhere Kommandoposten rückte man nicht nach Begabung und Erfolg auf, sondern nur, wenn diese Posten aus Altersgründen frei wurden. Was zum Beispiel dazu führte, dass das preußische Offizierskorps 1806 völlig überaltert war und nur wenige Kommandeure überhaupt das Zeug hatten, mit der neuen Art der napoleonischen Kriegsführung zurechtzukommen.

Einige dieser Offiziere zeichneten sich ja in dieser Niederlage der Preußen und Sachsen aus und wurden später wichtige Akteure in der u. a. von Scharnhorst mitgestalteten preußischen Heeresreform. Manche aber, die hier hätten mitgestalten können, fanden freilich in diesen Gefechten schon den Tod – so der preußische Prinz Louis Ferdinand, dessen Tod in einem Reitergefecht schon das Titelbild zeigt.

Eine Legende war damals schon Karl Wilhelm Ferdinand, Herzog von Braunschweig, der – als er das Oberkommando der preußischen Hauptarmee übertragen bekam – schon 71 Jahre alt war. In der Schlacht von Jena und Auerstedt wurde er verletzt und erlag ebenfalls Wochen danach dieser Verletzung.

Loyalität in Zeiten des Krieges

Man lernt Haudegen kennen, die sich selbst in der Schlacht nicht schonten. Man begegnet aber denselben Generalen auch in verschiedenen Armeen. Manche hatten sogar in Napoleons Armee gekämpft. Der bekannteste in diesem Buch ist Jean-Victor Moreau, einer der wohl begabtesten Generale der französischen Armee, den Napoleon aber 1804 verhaften ließ, weil er ihn der Beteiligung an einem Komplott verdächtigte.

Was so abwegig nicht war. Denn zu diesem Zeitpunkt lag die Möglichkeit, Napoleon zu stürzen, praktisch nur noch bei der Armee. Und einige Generale dachten ja tatsächlich daran, den eroberungssüchtigen Diktator, der sich zum Kaiser gekrönt hatte, zu beseitigen.

Moreau kämpfte dann 1813 in der russischen Armee und wurde am Rand der Schlacht um Dresden verwundet und starb wenig später an diesen schweren Verletzungen durch eine Kanonenkugel.

Und auch wenn Reinhard Münch das nicht so geplant hat, wirft auch dieses Büchlein ein Schlaglicht auf die russische Armee, die auch 1812 mit so hohem Blutzoll kämpfte, wie sie das auch 2022 in der Ukraine tut. Was nicht nur die hohen Mannschaftsverluste betrifft, sondern auch die Vielzahl hoher Offiziere, die in der Schlacht ihr Leben ließen.

Allein für die Schlachten in Russland 1812 listet Münch neun russische Generale auf (mit Bagration), die hier ihr Leben ließen. Wie brutal gerade die Schlacht bei Borodino war, kann man ja in Wolfgang Davids Roman „Im Aufwind der Macht“ um den sächsischen General Thielmann nachlesen.

Dort diskutiert er ja literarisch auch die Frage der Loyalität, die für Offiziere damals ganz und gar nicht mehr so einfach zu beantworten war. War es selbstverständlich, dass sie auch Napoleon loyal gegenüberstanden, wenn ihre Heeresverbände in die Grande Armée eingeordnet wurden?

Oder hatten sie nur ihrem Landesherrn gegenüber loyal zu sein? Die Biografien, die Münch zusammengestellt hat, zeigen ja auch, dass damals auch der Begriff des Vaterlands anders definiert wurde als heute. Er war eben nicht mit der Nation identisch, sondern bezog sich ursprünglich immer auf den Landesvater, also den regierenden Fürsten.

Lernfähige Offiziere

Wenn begabte Offiziere also die Dienstbarkeit wechselten, wechselten sie auch die Loyalität. Sie stellten ihren Säbel also nicht einfach einem neuen Dienstherrn zur Verfügung, jedenfalls nicht in den hohen Rängen, die Münch hier thematisiert. Was sie durchaus in Gewissenskonflikte führen konnte – so wie die holländischen Generale, die noch unter Napoleon gekämpft hatten und in Waterloo dann auf der anderen Seite – bei den Engländern und Preußen – standen.

Es gibt zwar zu einigen der legendären Generale schon entsprechende Biografien. Aber eine größere Zusammenfassung zu diesem Offiziersstand in der Napoleon-Zeit gab es bislang nicht. Eine echte Lücke in der Erinnerung an diese Kriegszeit, wie Reinhard Münch fand, der schon einen ganzen Stapel von Büchern veröffentlicht hat, die in ihrer Fülle die ganze Vielschichtigkeit dieser Kriege sichtbar machen.

Unvollständig, wie er selbst weiß. Um allein die 33 Generale zu porträtieren, die er für sein Büchlein ausgewählt hat, musste er teilweise auf ältere Veröffentlichungen und Lexikoneinträge zurückgreifen.

Die Historiker beschränken sich auch bei diesem Thema viel zu oft nur auf die eh schon immer benannten Namen und interessieren sich für gewöhnlich nicht einmal für die Aktionen und Lebensumstände der Generale, die aber oft genug ganze Schlachten mitentschieden.

Mal weil sie besonders kühne (und tödliche) Attacken ritten, mal weil sie Befehlen nicht gehorchten und lieber auf dem Schlachtfeld aushielten, wenn Rückzug vielleicht das Überleben bedeutet hätte.

Es sind völlig unterschiedliche Charaktere, die man hier kennenlernt. Einige noch ganz im Geist Friedrichs II. von Preußen erzogen und altgedient, andere in den Kriegen Napoleons geschult, die dann auch dessen Taktiken in der Schlacht übernahmen und damit für den auf seine militärische Stärke vertrauenden Korsen zum ernsten Gegenspieler wurden.

Das vergessen die großen Feldherren zumeist, wenn sie von Ruhm und Blut betrunken sind: Dass sich ihre Gegner nicht dauerhaft übertölpeln lassen und in den Schlachten dazulernen.

Ein General ohne Titel

Kriege haben nicht wirklich viel mit Genialität zu tun, auch wenn einige Historiker das auch heute noch viel zu gern erzählen. Die napoleonischen Kriege stehen nicht nur am Beginn neuer militärischer Taktiken und Strategien. Sie stehen auch am Beginn einer Modernisierung des Krieges, die im Lauf des 19. Jahrhunderts zu immer tödlicheren Kriegsmaschinen führen sollte und zu Kriegen, in denen immer öfter auf Distanz getötet werden sollte.

Was eine Zeit lang den höheren Offiziersstab aus dem direkten Kampfgeschehen herausnahm. Das hat sich spätestens mit dem Ukraine-Krieg wieder geändert. Sodass man sich zu Recht erinnern darf daran, dass Generale noch 1813 und 1815 sehr nah dran waren am Kampfgeschehen und entsprechend oft auch zu Tode kamen.

Nur dass die heutigen Generale wohl eher keine Nationalbegräbnisse mehr bekommen und so anonym verschwinden, wie sie ihre Truppen dirigiert haben.

Anders als so manche dieser Männer, die Reinhard Münch hier dem Vergessen entreißt. Samt einem Burschen, der nie offiziell General war, aber als Truppenführer berühmt und einer der Gegner, die Napoleon wirklich ärgern konnten – der Tiroler Bauernführer Andreas Hofer, den Napoleon 1810 erschießen ließ.

In Tirol und Spanien musste auch der Kaiser der Franzosen lernen, dass er nicht nur gegen Fürsten kämpfte, sondern es auch mit dem Freiheitswillen der Menschen zu tun bekam, die überhaupt nicht einsehen wollten, dass sie Teil eines französischen Imperiums sein sollten.

Was einen dann auch wieder an die Gegenwart erinnert. Nur dass augenscheinlich einige Kriegsherren einfach nichts lernen aus der Geschichte.

Dr. Reinhard Münch Generale gegen Napoleon
Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2022, 11 Euro.

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