Seit Jahren schon widmet sich Reinhard Münch all den Armeen und Truppenteilen, die einst in die vielen Napoleonischen Kriege und Schlachten verwickelt waren. Sein Ausgangspunkt war natürlich immer die Völkerschlacht bei Leipzig, wo auf beiden Seiten der Front Soldaten aus allen Ecken Europas beteiligt waren. Auch in der französischen Armee, der sich Münch in diesem Buch ganz speziell widmet.

Dass auch die vielen kleinen Fürstentümer, die Napoleon in Deutschland unter seine Botmäßigkeit gebracht hatte, Truppen für Napoleons Große Armee stellen mussten, darüber hat Münch ja schon mehrere dieser kleinen handlichen Bücher verfasst. Angefangen von den sächsischen Leibgrenadieren, zu denen er 2012 das Buch „Des Königs Butterkrebse“ veröffentlichte, bis zu den Truppen aus den thüringischen Herzogtümern und denen aus dem heutigen Sachsen-Anhalt.

Aber natürlich war auch die Armee, die Napoleon bei Leipzig zusammenzog, viel bunter, als man sich das bei den üblichen Schlachtenberichten vorstellt. Vielleicht ist sogar den Franzosen selbst viel bewusster, wer da alles mitkämpfte, als den hiesigen Besuchern des Völkerschlachtdenkmals. Münch geht im Kapitel „Königreich Sachsen“ extra noch einmal darauf ein, dass es selbst im heutigen Französisch noch das Wort „un saxonne“ geben soll, mit dem jemand bezeichnet wird, der sein Wort bricht.

Aber das könnte mittlerweile auch schon wieder Geschichte sein. Begraben unter ganzen Bergen deutsch-französischer Begegnungen, hinter denen Napoleons Beleidigtsein über die Niederlage bei Leipzig verblasst.

Die Sachsen marschieren ab

Auch wenn mit dem Überlaufen von rund 3.000 Sachsen zu den Alliierten am Nachmittag des 18. Oktober 1813 auch eine historische Tatsache hinter dem Vorwurf steckt. Nur war dieser Übergang eines Großteils der sächsischen Truppen nicht schlachtentscheidend.

Aber wie das so ist mit Diktatoren und gescheiterten Feldherren: Sie suchen die Schuld nie bei sich. Und Napoleon wusste sehr wohl, wie man die Propagandamaschine seiner Zeit bediente und den Daheimgebliebenen erzählte, die Schlacht bei Leipzig wäre nicht verloren gegangen, wenn diese verflixten Sachsen nicht die Seiten gewechselt hätten.

Dass gleichzeitig ähnliche Geschichten über Hessen und Württemberger lanciert wurden, kann man in Münchs kleiner Übersicht ebenso erfahren. Und dass flott schreibende Romanautoren die Legende auch nur zu gern übernahmen, kann man bei Alexandre Dumas d.Ä. in seinem 1839/1840 erschienenen Roman „Napoléon“ nachlesen.

Diese Sachsen!

Aber wenn man Münchs Buch mit den dramatischen Nachrichten aus dem heutigen Ukraine-Krieg vergleicht, kommt einem das doch sehr vertraut vor. Und nicht einmal Napoleon war der erste, der den Geschichtsschreibern seine Version der Ereignisse versuchte aufs Auge zu drücken. Wer eines der ältesten Beispiele dieser militärischen Selbstverklärung lesen möchte, landet bei Cäser und seinem „Gallischen Krieg“.

Glaubt keinem Feldherrn, wenn er über seine Siege und Kriege erzählt. Sie lügen wie gedruckt. Selbst dann – oder erst recht dann – wenn ihre tollkühnen Kriege sich in ein veritables Desaster verwandelt haben. Man lese nur Christian Stöckers Kommentar dazu im „Spiegel“.

Wenn Kräfteverhältnisse sich drehen

Und Napoleon ging es nicht anders. Schon die Schlachten bei Bautzen und Dresden hatten ihm gezeigt, dass sich die Waage geneigt hatte. Die Gegner hatten dazugelernt und vor allem gelernt, sich zusammenzutun und sich nicht mehr einzeln von Napoleon plattmachen zu lassen.

Und vor Leipzig standen sie geschlossen. Und eigentlich war die Schlacht schon am ersten Tag entschieden, als die Preußen die Franzosen im Norden der Stadt so hart attackierten, dass dort bis zum Schluss wichtige Truppenverbände gebunden waren, die anderswo gebraucht wurden.

Und Napoleons Armee bröckelte ja sowieso schon. Das Königreich Bayern hatte schon am 8. Oktober seinen Abfall von Napoleon bekannt gegeben. Was freilich die bayerischen Truppen vor Leipzig bis zur Völkerschlacht nicht erfuhren.

Also kämpften sie auf Napoleons Seite genauso mit wie die Hessen und Würzburger, die eigentlich auch schon dabeiwaren, den Rheinbund zu verlassen. Dass sie trotzdem die Front nicht verließen, deutet Münch als militärischen Anstand – es wäre sonst Verrat gewesen. Was einem als Zivilisten ja einiges Kopfzerbrechen bereitet.

Aber genau so funktionieren ja Armeen: Die Entscheidungen werden ganz oben an der Spitze gefällt. Alle anderen gehorchen nur Befehlen, auch dann, wenn sie wie der sächsische General Thielmann dadurch in heftige Gewissenskonflikte geraten. Thielmann nahm lieber schon vor der Völkerschlacht seinen Abschied von den sächsischen Truppen. Über sein Leben und seine Konflikte schreibt ja Wolfgang David in „Im Aufwind der Macht“.

Sei tapfer, Mann!

Wie geht man um mit so einem Ehrenkodex? Auf dem ja das ganze Funktionieren von Napoleons Großer Armee aufgebaut war. Die Truppen aus seinen Vasallenstaaten schonte er ganz und gar nicht – weder 1812 beim Russland-Feldzug noch 1813.

Etliche der Soldaten, aus deren Erinnerungen Münch zitiert, erlebten mit, wie ihre Landsleute in der Völkerschlacht verheizt wurden. Das Misstrauen um ihre Kampfbereitschaft muss allgegenwärtig gewesen sein, sonst gäbe es nicht so viele Berichte über tapfere und aufopferungsvolle Einsätze und die kindische Freude über ein paar aufmunternde Worte des Kaisers.

Und letztlich noch verstörender: den Stolz, bis zu Ende dabei geblieben zu sein mit riesigen Verlusten und dann vom Kaiser freundlichst auf den Weg nach Hause verabschiedet zu werden.

Einige dieser Truppen standen dann schon im nächsten Jahr auf der anderen Seite und kämpften ebenso tapfer gegen den französischen Kaiser und seine Truppen. Der Rheinbund war nach der Völkerschlacht erledigt. Die Fürsten ließen ihre Truppen wieder nach Hause kommen.

Und so ist Münchs Buch ein kleines Spektrum vor allem deutscher Fürstentümer, die mit ihren Truppen an der Völkerschlacht auf der Seite Napoleons beteiligt waren – neben den Sachsen, Hessen, Bayern und Württembergern auch Soldaten des Großherzogtums Würzburg, des Großherzogtums Berg und des Großherzogtums Baden.

Dazu ein paar Schweizer aus Neuenburg, ein spanisches Regiment, dem Napoleon höchst misstrauisch gegenüberstand, und die armen Polen, die bei Leipzig auch noch ihren begnadeten Marschall Poniatowski verloren, der in der von Hochwasser aufgeschwemmten Weißen Elster ertrank.

Schmucke Uniformen im Schlamm von Leipzig

So sauber und trocken wie auf den Illustrationen von Richard Knötel ging es in Leipzig jedenfalls nicht zu. Die Soldaten berichten nicht nur von Schlamm und fehlender Fourage, sondern auch von den überbelegten Kirchen der Stadt, in denen die Verwundeten wie die Fliegen starben.

Und vom Chaos des Rückzugs natürlich, in dem die Brücke über die Weiße Elster zu früh gesprengt wurde und auch etliche der napoleonischen Verbündeten in der Falle saßen und in Gefangenschaft gerieten.

Dass man einigen Augenzeugenberichten trotzdem nicht alles glauben sollte, merkt Münch auch an. Selbst frühere Gesamtdarstellungen der Schlacht sind oft mit Vorsicht zu genießen.

Denn der Mensch ist nun einmal ein geschichtenerzählendes Tier, das sich die eigene Geschichte gern als Heldengeschichte erzählt, in der er mit Bravour die kühnsten Taten vollbracht hat. Auch wenn er vielleicht nur glücklich überlebt hat und seine Haut gerettet in einem großen Schlachten, in dem am Ende 90.000 Soldaten schwer verwundet wurden oder gestorben sind. Viele von ihnen ganz und gar nicht freiwillig dabei, sondern von ihren Landesherren per Befehl zu den Waffen gerufen.

Mit Ausnahme vielleicht der diversen Freikorps wie des Lützow’schen, das im Zusammenhang mit dem württembergischen Grafen von Normann in diesem Buch eine Rolle spielt. Eine nicht ganz unwichtige, wenn es um die Frage geht: Was sind reguläre Kämpfer, die nach Militärrecht fair behandelt werden müssen, und was sind Freischärler oder gar „Söldner“, wie das heute heißt in Putins Krieg, der noch viel sinnloser ist als alle Napoleonischen Kriege?

Dr. Reinhard Münch 1813 – Mit Napoleon in der Völkerschlacht Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2022, 12 Euro.

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