Die Völkerschlacht hat ihren Namen ja zu Recht bekommen. Hier standen auf beiden Seiten die verschiedensten Völker Europas im Kampf. Aufseiten der Österreicher, Russen und Preußen auch die Schweden, die seit den diversen preußischen Deutungen der Geschichte (die bis heute meist dominieren) eine scheinbar eher kampfunlustige Rolle spielten. Jedes Königreich bastelt sich seine eigenen Legenden. Zeit, ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen, fand Reinhard Münch.

Sein Buch über die Schweden reiht sich ein in eine ganze Reihe Bücher, mit denen er die unterschiedlichen Landsmannschaften in den Befreiungskriegen würdigt. Gespickt mit Lebenserinnerungen überlebender Soldaten und anderer Zeitgenossen, die auch den Alltag im Feld, das Schlachtenerleben und die Schicksale der Kriegsteilnehmer würdigen, die ja all das, was Napoleon aus seiner Feldherrensicht anrichtete, aus völlig anderem Blickwinkel erlebten.Die bunten Uniformen – mit denen auch der Schweden-Band wieder reich bebildert ist – täuschen ja darüber hinweg, wie hart und blutig diese Kriege waren. Und ihre Hauptfunktion war ja auch nicht das schmucke Aussehen, sondern die Unterscheidbarkeit auf dem Schlachtfeld, wo sich Armeen verschiedenster Länder trafen und dichter Pulverdampf meist sehr erschwerte zu erkennen, wer denn nun Freund und wer Feind war.

Ganz abgesehen davon, dass das im Verlauf der Koalitionskriege auch immer wieder wechselte, je nachdem, wie gut Frankreich seine unterlegenen Feinde in die eigene Große Armee einbinden konnte oder diese die Seiten wechselten.

Schweden und seine Ostseehäfen

Etwas, was ja auch den Schweden passierte, die 1806 und 1807 schon gegen Napoleon kämpften, dem der schwedische Besitz in Vorpommern ein Dorn im Auge war, denn über die schwedischen Häfen dort kamen weiterhin englische Waren nach Deutschland – Napoleons Blockade hatte ein Loch.

Und an den Feldzügen gegen die Schweden war auch einer seiner berühmtesten Marschälle beteiligt – Jean Baptiste Bernadotte, der sich gegenüber den besiegten Schweden augenscheinlich so human benahm, dass er 1810 fast wie selbstverständlich zum Kandidaten als Thronfolger in Schweden wurde, als die Schweden einen modernen Nachfolger für ihren König suchten, dem sie zutrauten, das Land aus den alten Feudalverhältnissen herauszuführen.

Was dann dazu führte, dass Bernadotte 1813 als adoptierter Kronprinz Karl Johann die schwedischen Truppen anführte, die im Verband der Nordarmee über Paunsdorf nach Leipzig vorrückten. Vorsichtiger als die Truppen Blüchers in Möckern – das stimmt wohl. Und da hat die preußische Legende wohl genauso ihre Wurzeln wie in den Erinnerungen des preußischen Majors Carl Friccius, aus denen Reinhard Münch zitiert.

Denn bevor der preußische Landsturm das Grimmaische Tor stürmte, waren es die Schweden, die hier vordrangen, sich bei Beschuss aus der Stadt aber lieber in Deckung begaben. Wie das wohl auch viele Landsturmmänner getan haben dürften, betont Reinhard Münch, der den preußischen Heldengeschichten vom aufopferungsvollen Tod für König und Vaterland berechtigterweise sehr skeptisch gegenübersteht.

Die offiziellen Legenden der Sieger bilden meist nur die ruhmreiche Seite der Kriege ab, nicht das Erleben der einfachen Soldaten. Wobei selbst die ausgebildeten Berufssoldaten diese Kämpfe völlig anders erlebt haben dürften als die vielen erst kurz zuvor zu den Waffen Gerufenen.

Wie man seine Soldaten schont

Und bei den Schweden kam hinzu, dass Bernadotte einerseits genau wusste, wie Napoleon als Schlachtenlenker agierte. Und viele der schwedischen Kämpfe vor der Völkerschlacht, die Münch hier einmal übersichtlich erzählt, zeigen eben auch, wie Bernadotte auf Napoleons Kriegstaktik reagierte – vorsichtig natürlich.

Statt den Verlust seiner Regimenter zu riskieren, ließ er sie lieber zurückziehen, sodass die überraschenden Vorstöße der Napoleonischen Generäle immer wieder ins Leere liefen. Eine Taktik, die nur dann feige wirkt, wenn man – wie die preußische Generalität – nicht wirklich viel Rücksicht auf die Mannschaften nahm.

Leipzigs Straßen sind ja auch nicht nach den tausenden toten preußischen Soldaten benannt, sondern nach den schillernden Heerführern. Womit sich die preußische Sicht auf Völkerschlacht und Ruhm der Geschichte eben auch im Leipziger Straßenbild wiederfindet.

Indem Müch auch das schwedische Rekrutierungssystem erläutert, wird auch etwas greifbarer, wie sich das schwedische Heer zusammensetzte und warum Bernadotte kein Interesse daran hatte, seine Soldaten in unübersichtlichen Schlachten zu verheizen. Auch wenn es einige markante Gefechte gab, in denen die Schweden eine zentrale Rolle spielten – wie die Kämpfe am Elbübergang bei Roßlau.

In der Einleitung des Buches sind alle Kampfhandlungen der Schweden in dieser Zeit aufgelistet. Auch die gegen Russland, mit dem Schweden eigentlich grundlos in Zwist geriet – mit dem Ergebnis, dass Schweden sein 600-jähriges Besitztum an Finnland verlor. Das war noch vor der Adoption von Bernadotte, auch wenn einige der dort tapfer kämpfenden Generäle dann auch unter ihm in den Koalitionskrieg von 1813 zogen, in dem die Schweden immer wieder auch dafür sorgten, dass den Preußen der Rücken freigehalten wurde.

Die letzten Gefechte der Schweden

Skizzenhaft wird sehr wohl deutlich, wie klug Bernadotte agierte. Und außerdem brauchte er seine Truppen noch, um Dänemark zu schlagen, denn er wollte Norwegen für Schweden in Besitz nehmen – was ihm dann nach ein paar Gefechten in Norddeutschland auch gelang. Den letzten Gefechten übrigens, die Schweden außerhalb seines Territoriums schlug.

Denn mit Bernadotte, der 1818 zum König von Schweden wurde, begann auch Schwedens Neutralität. Seitdem hat Schweden über 200 Jahre Frieden erlebt. Etwas, worauf Könige stolz sein können, wenn sie so eine Tradition begründen.

Deswegen waren die Schweden dann auch nicht dabei, als die Alliierten den Rhein überquerten und bis nach Paris marschierten, um Napoleon abzusetzen. Das hatte sich Bernadotte als ehemaliger Napoleonischer Marschall auch strikt verbeten, dabei sein zu müssen.

Denn auch wenn Napoleon in Bernadotte einen möglichen Konkurrenten sah, achteten sich die beiden Männer. Immerhin war Bernadotte ja sogar mit Napoleons ehemaliger Verlobter Désirée Clary verheiratet, die damit ja auch zur schwedischen Königin wurde.

Wie man 200 Jahre Frieden schafft

Aber das kurze Porträt, das Münch auch von Bernadotte liefert, zeigt eben auch einen Mann, der nicht nur in Militärdingen ein exzellenter Organisator und Stratege war, sondern auch in zivilen Angelegenheiten. Und der augenscheinlich deutlich andere Visionen von einem modernen Staatswesen hatte als Napoleon, eben auch solche, in denen ein einst als Kriegsmacht bekanntes Land auf militärische Machtoptionen verzichtete.

1815 verzichtete Schweden auch komplett auf seine Besitzungen in Pommern, wo jetzt Preußen zum Zug kam. Wer an der Ostseeküste gern einen Spaß macht, spricht auch gern mal von Südschweden. Und manches erinnert ja durchaus noch an die Schwedenzeit.

Mit Denkmalen, die an die schwedischen Truppen in den Koalitionskriegen erinnern, sieht es hingegen etwas mau aus, wie Reinhard Münch feststellen kann. In Leipzig ist es eigentlich nur der Apelstein an der Kreuzung Torgauer/Leupoldstraße, der an den Standort der Truppen von Kronprinz Karl Johann erinnert.

Dabei war Bernadotte der einzige unter den Heerführern der Alliierten, der dem sächsischen König nach dem Ende der Schlacht noch seine Reverenz erwies. Die anderen Könige und Kaiser wollten den geschlagenen Verbündeten Napoleons nicht mal mehr sehen, bevor er als Gefangener nach Berlin geführt wurde.

Auch so ein Punkt, an dem sichtbar wird, dass dieser Bernadotte auch noch eine gewisse Ritterlichkeit als selbstverständlich empfand. Etwas, was sich gründlich vom knurrigen und „schneidigen“ Agieren der preußischen Generäle unterschied. Und was natürlich den Gedanken anregt darüber nachzudenken, wie sehr menschlicher Respekt auch den Stil bedingt, mit dem einer dann regiert.

Was fast nie passiert in den üblichen historischen Exkursen. Als würden die meisten Historiker vor lauter Anhimmelung der großen Kriegshelden völlig übersehen, dass der Umgang mit den Soldaten auch eine Menge darüber aussagt, wie so einer auch mit dem gewöhnlichen zivilen Volk umgeht. Aus der alten – nicht nur preußischen – Schlagedrein-Verehrung sind wir noch lange nicht heraus.

Schwedenstraße und Bernadotteweg

In Sellerhausen-Stünz und Paunsdorf erinnert heute die Schwedenstraße an die Beteiligung der Schweden an der Völkerschlacht. Und in Meusdorf erinnert der Bernadotteweg an den schwedischen Kronprinzen.

Das Büchlein bringt jetzt kompakt einmal all das zusammen, was man über die Schweden in den diversen Koalitionskriegen auf deutschem Boden wissen kann und holt sie damit ein Stück weit aus dem übermächtigen Schatten jener Kriegsteilnehmer, die hinterher quasi die Feder der Geschichtsschreibung in die Hand genommen und uns das Bild gemalt haben, das wir von den Befreiungskriegen bis heute im Kopf haben – mit scheinbar zaudernden und zögerlichen Schweden.

Aber 1813 war es tatsächlich gesünder, ein Soldat der schwedischen Armee zu sein als einer unter Napoleon oder unter Marschall „Vorwärts“ Blücher. Das einzige, was fehlt, sind eigentlich die Erinnerungen schwedischer Soldaten aus dieser Zeit, wenn man von jenem Musiker aus dem Bergischen Land absieht, der zeitweilig in schwedischen Farben diente.

Denn schon die Sicht auf den schwedisch-dänischen Konflikt zeigt, dass die Schweden diese Zeit völlig anders betrachtet haben müssen als die preußischen oder sächsischen Geschichtsschreiber. Was ja auch beruhigend ist zu wissen: dass Geschichte niemals so eindeutig und gar historisch geradlinig ablief, wie es uns alte Geschichtsbücher gern weismachen wollen. Selbst heute versucht sich Politik ja nur zu gern genau so zu verkaufen und redet uns Eindeutigkeiten ein, wo keine sind.

Stattdessen sind da mühsam zu Koalitionen zusammengeschweißte Interessen, die sich unter anderen Rahmenbedingungen explosiv entladen würden. Aber auch dafür steht ja dieser Kronprinz Karl Johann: für die Fähigkeit zu taktieren, auszuweichen, dem Angriff die Spitze zu nehmen und über zeitweilige Bündnisse die Basis für Lösungen zu schaffen, die dann tatsächlich mal ein paar Generationen halten und einem vormals armen Bauernland wie Schweden Frieden und Wohlstand gebracht haben.

Dr. Reinhard Münch Mit den Schweden gegen Napoleon, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2022, 15 Euro.

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