Es ist - wie schon "1813. Kriegfeuer" - ein wuchtiges Stück Buch: 1.080 Seiten. Das ist selbst im Genre des historischen Romans ein seltener Umfang. Aber von Sabine Ebert kennen es die Leser: die Sprachwissenschaftlerin gibt Stoff, wenn sie eintaucht in die Geschichte. Denn sie hat ihn. Bevor sie die erste Zeile schreibt, hat sie ganze Bibliotheken durchackert. Und zwar keine wohlsortierten.

Das konnten die Leser schon mit ihrem ersten Buch zu den Befreiungskriegen – sorry, da geht’s schon los: Freiheitskriegen – erfahren, “1813. Kriegfeuer”, das mit der Völkerschlacht bei Leipzig endet. Ihre Heldin Henriette Gerlach ist mitten in diesem Schlachtgetümmel gelandet, versucht in Leipzigs Lazaretten das Grauen ein wenig zu mildern. Aber wer sich 2013 mit den diversen Publikationen zur Völkerschlacht und dem in Leipzig begangenen Jubiläum beschäftigt hat, weiß, wie lückenhaft das Material ist, wie widersprüchlich und auch wie verstreut. Im Nachwort zu diesem Band jetzt geht Sabine Ebert noch einmal darauf ein, dass es über 100, wohl über 200 Jahre keine wirklich konsistente Geschichtsschreibung zu dieser Zeit gab, in der wesentliche Weichen für das moderne Europa gestellt wurden, etliche Hauptakteure aber alle Mittel nutzten, die Ereignisse in ihrem Sinn zu instrumentalisieren und die Geschichtsschreibung in ihrem Sinne zu gestalten.

So wurden aus den Freiheitskriegen schon ziemlich bald Befreiungskriege, aus einem Kampf um ein einiges und freies Deutschland ein simpler Kampf um die Befreiung von der napoleonischen Besetzung. Sabine Ebert weist zu Recht darauf hin, dass das für die nächsten 100 Jahre die Krux deutscher Geschichte ausmachen würde. Und dass das bis heute nachwirkt. Die seltsame deutsche Unausgeglichenheit zwischen Größenwahn und Untertanengeist hat genau hier ihre Wurzeln.

Und die wichtigsten Weichen wurden genau in der Zeit gestellt, die Sabine Ebert nun in diesem Band “1815. Blutfrieden” beschreibt, auch wenn nur der geringste Teil der Handlung im Jahr 1815 spielt. Aber Recht hat sie: Gerade diese Zwischenzeit, die keine Zwischenzeit war, ist heute fast vergessen, selbst in den Städten und Regionen, in denen nach der Schlacht bei Leipzig 1813 und 1814 die Schlachten weiter tobten und die Belagerungen weiter gingen. Denn aufgegeben hatte Napoleon seine Eroberungen nicht. Über 100.000 Soldaten ließ er in den Festungen zurück – in Hamburg, Magdeburg, Wittenberg, Torgau, Dresden, Erfurt.

Alles Schauplätze, die in Sabine Eberts gewaltigem Zeitpanorama wieder auftauchen.

Dazu hat sie wieder auf die Erinnerungen, Chroniken und Zeitzeugenberichte dieser Epoche zurückgegriffen, hat die Orte der Handlung bereist und sich nicht nur in die Bibliotheken vertieft, in denen das Material in oft unüberschaubaren Einzelteilen zu finden ist, sondern auch mit Forschern vor Ort, Heimatkundlern und vielen Aktiven, die seit Jahren allen Fleiß daran setzen, die Ereignisse der Napoleonzeit aufzuarbeiten. Dabei kommen auch die Erinnerungen der Berühmten mit ins Bild, die sie auch auftreten lässt in ihren Büchern.

Zuweilen erinnert das sehr an die Arbeitsweise von Alexandre Dumas, dem Altmeister des Genres, der genauso emsig versuchte, mit originalen Zeitdokumenten und realen Personen der Zeitgeschichte zu arbeiten. Mit dem Unterschied: Er ließ sich nicht so viel Zeit, das Material zu verarbeiten. Seine gewaltigen Romane entstanden ja regelrecht im Tagesgalopp und wurden noch während der Arbeit in Zeitungen als Fortsetzungsromane veröffentlicht. Was das Material zuweilen sehr heterogen macht. Mal abgesehen von der romantischen Übersteigerung seiner Helden.

Ein gewisses Pathos ist auch Sabine Eberts Helden nicht abzusprechen.

Ist das ein Manko? – Eher nicht. Denn wie kann man sich den Lebenswelten der Menschen vor 200 Jahren nähern, wenn man Sitten, Moral und Verhaltensregeln einfach weg lässt? Bei Sabine Ebert sind sie auch Kontrastprogramm zu einer Welt, die durch die blutigen Schlachten mit all ihren Folgen völlig aus den Angeln zu geraten droht. Auch das lange Zeit kein Thema in der Geschichtsschreibung zur Napoleonzeit, die gern glorifiziert wurde. Auch auf den üblichen Schlachtengemälden sieht man nicht die Berge von Toten, die geplünderten Leichen, die zerschlissenen Uniformen, die Leiden der Verstümmelten auf dem Schlachtfeld. Die Armeen wallen dort in prächtigen Uniformen in ordentlicher Formation. Das prägt die Bilder vom Krieg. Und auch 1813 / 1814 gaben sich schon etliche Leute richtig Mühe, diesen Krieg zu glorifizieren, einige Feldherren zu strahlenden Siegern zu stilisieren, von den Fürsten, die sich am Ende die Beute teilten, ganz zu schweigen.

Aber wie macht man plastisch, dass es anders war? Wie zeigt man die Widersprüche und die Ursachen der späteren Entwicklung? Sabine Ebert nutzt die Chance ihres Genres und lässt die Entwicklung auf mehreren Schauplätzen und Ebenen ineinander greifen. Ihr Hauptstrang ist natürlich die Erzählung um Jette, die eigentlich in die Leipziger Lazarette gegangen ist, um hier zu sterben. Eigentlich hat sie abgeschlossen mit allem, hat zu viel erlebt, was ein unbeschadetes Leben künftig nicht mehr möglich erscheinen lässt. Aber Sabine Ebert liebt ihre Hauptfiguren. Was eine unübersehbare Stärke ist. Die traurige Wahrheit über viele, viel zu viele deutsche Romane ist: Ihre Autoren sind so verkopft, dass sie nicht ansatzweise mehr fähig sind, ihren Helden echtes Leben einzuhauchen oder sie gar mit Liebe zu zeichnen, mit der absoluten Hinwendung zu ihren Schöpfungen, die man von Autoren eigentlich verlangen darf als Leser.

Kleine Zwischenfrage: Hätte Sabine Ebert vielleicht den Preis der Leipziger Buchmesse verdient?

Eindeutige Antwort: Deutlich eher als jeder der Nominierten. Aber das wird nie passieren. Dazu verachten die üblichen Juroren die “unterhaltsamen” Genres zu sehr. Mal ganz zu schweigen davon, dass sie von den Tugenden des Erzählens keine Ahnung haben. Von diesen ganz simplen Handwerkertugenden, lebendige Figuren zu schaffen, echte Interaktionen, lebendige Dialoge, straffe und stimmige Handlungen, stringente Dramaturgien und – so ganz nebenbei und keineswegs unabsichtlich – echte Berührungen mit den Emotionen und Lebenswelten der Leser.

Autorinnen und Autoren, die das alles noch wollen, die landen fast automatisch in den “unterhaltsamen” Genres. Weil sie dort auch das Publikum finden, das all diese Dinge honoriert.

Und Sabine Ebert beherrscht diese Klaviatur. Sogar besser als die meisten Autoren im historischen Genre, weil sie sich, bevor sie schreibt, wirklich tief in die Archive kniet und alles herauszufinden versucht, was man wissen muss, um historische Gestalten nicht nur wie kostümiert aussehen zu lassen, sondern farbecht in einer echten historischen Kulisse. Wozu oft genug auch Korrekturen der offiziellen Geschichtsschreibungen gehören, wie es ihr mit den Bildern aus der Schlacht, den Lazaretten, von den martialischen Märschen der Armeen, den zermürbenden Belagerungen, dem zunehmenden Nahrungsmangel und all den anderen nur scheinbar unwichtigen Dingen gelingt, die Militärhistoriker am liebsten weglassen, weil man damit ganz bestimmt keine Kriegsbegeisterung auslösen kann.

Habe ich schon erwähnt, dass auch “1815” ein gewaltiges Plädoyer gegen den Krieg ist?

Ist es nämlich.

Dazu gleich mehr im 2. Teil der Besprechung.

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