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Die Bindestrich-Sachsen in Napoleons Kriegen: Ein kriegerischer Fürst, ein Dichter mit Ehrenkreuz und mehr als eine Sachsenklemme

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    Eines der großen Rätsel der Napoleonzeit ist: Warum hat Napoleon zwar lauter neue Königreiche gegründet - aber warum hat er - außer im Königreich Westphalen - nicht gründlich aufgeräumt mit der deutschen Kleinstaaterei? Sie machte ja auch seine Truppenaushebungen komplizierter, auch wenn die deutschen Fürsten gehorsam mitspielten, wenn es um das Beschaffen von Kanonenfutter ging. Auch die in Thüringen.

    „Klein, kleiner, am kleinsten“ betitelt Reinhard Münch das Kapitel in diesem Buch, das den Anteil Thüringens an den diversen napoleonischen Kriegen ab 1806 ein wenig beleuchtet. Noch ärger als das heutige Sachsen-Anhalt war Thüringen zersplittert in allein fünf kleine Herzogtümer aus der Ernestinischen Linie der Wettiner. Dazu kamen fünf Reußische Fürstentümer, zwei Schwarzenburgische und die Stadt Erfurt mit ihrer Sonderrolle als „kaiserliche Domäne“.

    Aber Napoleon ging mit den Zwergen in Thüringen nicht anders um als mit denen in Anhalt. Sie waren dem Rheinbund beigetreten. Also hieß es für sie auch: Truppen stellen für Napoleons männerverschlingende Armeen. Und dabei hatten die Fürsten eigentlich schon zu sparen begonnen. Armeen waren nutzlose Kostenfaktoren (und sind es heute immer noch, auch wenn Regierungen etwas anderes erzählen). Auch das Fürstentum Sachsen-Weimar-Eisenach, wo ein gewisser Goethe Minister war, hatte die Vorjahre genutzt, seine Truppen deutlich zu reduzieren. Eigentlich brauchte man nur ein paar Wachmannschaften und ein paar Garnisonsbesatzungen – und alle paar Jahre mal ein großes Exerzieren.

    Man hatte keine Kriege auszustehen, wenn man sich denn nicht gerade dazu drängte, weil man unbedingt militärische Lorbeeren einheimsen wollte. Was Carl August, den sonst so musenfreundlichen Herzog von Sachsen-Weimar, dazu animierte, als Offizier des preußischen Heeres Karriere machen zu wollen.Wozu dann Goethe ein paar durchaus grimmige Worte zu sagen hatte, denn zur „Kampagne in Frankreich“ 1792/1793 musste der Minister mit ins Kriegsgebiet, fand das Ganze zwar ungemein historisch, aber auch erhellend. Bis hin zum überlieferten Wunsch des Herzogs von Braunschweig, Goethe möge doch als Berichterstatter bitte klar machen, man sei von den Elementen geschlagen worden und nicht von den Franzosen.

    Die Herren wurden dann noch 20 Jahre lang von den Franzosen geschlagen. Bis Napoleon sich mit seinem Gewaltritt nach Russland völlig übernahm und den Verlierern die Chance eröffnete, alles retour zu drehen. Was sie dann auch taten. Kanonenfutter gab es ja genug.

    In der „Völkerschlacht“ bei Leipzig spielten freilich die paar Truppen aus Thüringen keine besondere Rolle, wobei durchaus ein paar auf Seiten der Preußen mitgefochten haben könnten. Die eigentlichen regulären Truppen aus den Thüringer Wäldern waren zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich in Danzig und Magdeburg eingesetzt. Wobei von den ersten Rekruten von 1807 nur noch die allerwenigsten dabei waren. Das erste Kontingent wurde schon 1809 in Tirol zusammengeschlagen, als die bis dahin wacker paradierenden Bindestrich-Sachsen, wie sie Reinhard-Münch nennt, zur Belohnung Avantgarde spielen und dem Truppenkontingent des Generals Lefebvre vorweg marschieren durften, das den Tiroler Bauernaufstand niederwerfen sollte.

    In der engen Schlucht in Richtung Brenner, die noch heute den Namen Sachsenklemme führt, wurden sie von den rebellierenden Bauern niedergeschossen und unter ganzen Felslawinen begraben. Wenig später waren die Truppen aus Thüringen – durch neue Leute verstärkt – im nächsten Brennpunkt des napoleonischen Imperiums – in Spanien. Und gerieten sofort in die heißen Konflikte. Und Blutzoll zahlten sie auch im Dezember 1812. Da waren sie eigentlich eingesetzt, um den Rückzug der Großen Armee aus Russland zu sichern. Doch als sie eben zu dieser Sicherung ausrückten, gerieten sie direkt in die Konfrontation mit den angreifenden Kosaken. Eine Große Armee, die zurückkehren konnte, gab es praktisch nicht mehr. Dafür lernten nun auch die Bindestrich-Sachsen den Frost, den Hunger und die Not des Rückzugs kennen.

    Natürlich fragt man sich: Wo blieb denn eigentlich der kriegsbegeisterte Herzog? – 1806 war er als preußischer Kommandeur an der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt beteiligt. Und blamierte sich unsäglich, weil er den angreifenden Napoleon auf seinem eigenen Heimatterritorium völlig unterschätzte. Die Niederlage der Preußen hat ein gutes Stück mit diesem naiven Carl August zu tun. Er legte dann ziemlich schnell das Kommando nieder, wechselte die Seiten und ließ seine Untertanen jetzt für Napoleon in den Krieg ziehen. Ihr erster Auftritt in Napoleons Armee war dann die Belagerung der preußischen Festung Kolberg in Pommern, die sich verteidigte, bis Preußen den Friedensvertrag unterschrieb. Daraus entstand später in der nationalistischen Geschichtsschreibung die Durchhaltelegende. Man unterschlug dann einfach, dass die meisten preußischen Festungen ziemlich schnell kampflos übergeben wurden und in Kolberg zwei Männer wirkten, die überhaupt nicht in dieses alte, so gründlich gescheiterte Preußen passten: der „Bürgerrepräsentant“ Nettelbeck und der junge Offizier, den er sich extra beim preußischen König bestellt hatte, weil der alte Festungskommandant völlig überfordert war. Der junge Mann, der kam wie bestellt, war ein gewisser Major Gneisenau.Der ja dann bekanntlich mit Scharnhorst, Boyen und Clausewitz zusammen das preußische Heer reformierte. Sonst hätte im Oktober 1813 auch kein Blücher vor Leipzig gestanden. Und diese Reform bedeutet eben auch, dass Napoleon von seinen gelehrigsten Schülern geschlagen wurde. Feldherren rechnen immer wieder nicht damit, dass ihr Feind lernfähig sein könnte. Sie rennen in den Krieg, lassen ihre Triumphe feiern und merken erst, wenn es zu spät ist, dass sieben Jahre genug Zeit sind zu lernen. Wenn man denn lernen will und zwei Minister mit Rückgrat im Rücken hat, die die Reformen ermöglichen – in diesem Fall die Herren Stein und Hardenberg.

    Dass nach 1815 in Preußen und auch in den Thüringer Kleinst-Fürstentümern (fast) alles wieder zurückversetzt wurde in den alten Zustand, hat Folgen – bis heute. Münch hält die Gründung des Freistaates Thüringen 1918 für eine späte aber zwangsläufige Folge der unvollendeten Napoleonischen Reformen. Genauso wie das spät – erst 1900 – in Kraft getretene Bürgerliche Gesetzbuch, das damit mit fast einem Jahrhundert Verspätung auf den „Code Napoleon“ reagierte.

    Bei fast allem, was die Ausformung eines modernen Staatswesens betrifft, kam Deutschland um Generationen zu spät. Was dann auch die Ursache mit dafür war, dass sich das im 20. Jahrhundert in zwei großen Kriegen und einer faschistischen Diktatur austobte. Ein wenig versteht man da die Begeisterung des Bindestrich-Sachsen Goethe für Napoleon, der im Kaiser der Franzosen einen Mann seines eigenen Formates sah. Dichter möchten das ja so gerne, dass die Mächtigen mit ihnen auf Augenhöhe reden.

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    Napoleons Völkerschlacht-
    soldaten aus Thüringen

    Reinhard Münch, Tauchaer Verlag 2013, 9,95 Euro

    Aber man darf sich sicher sein, dass wenn das Wort „Augenhöhe“ fällt, einer von beiden auf jeden Fall nach oben geschaut hat. In diesem Fall war es wohl der Kaiser der Franzosen, der im Sessel saß, während Goethe „sich in Bescheidenheit übte“ und stand. Dafür bekam er dann das Kreuz der Ehrenlegion. Genauso wie einige Offiziere der Thüringer Truppen, die in Napoleons Schlachten zusammengehauen wurden. Die einfachen Soldaten sind irgendwo in Europa namenlos begraben. Die Bindestrich-Sachsen genauso wie die Reußischen und Schwarzenburger. Zumindest eins lernt man daraus: Es kann zuweilen töricht sein, unbedingt die Avantgarde sein zu wollen. Insbesondere dann, wenn Generäle und Feldmarschälle jovial werden und die Tapferkeit der Auserwählten über den Klee loben. Dann wird es in der Regel mordsgefährlich.

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