Sachsen-Anhalt gab es zur Zeit Napoleons natürlich noch nicht. Es war auch damals schon ein typisches Bindestrich-Gebiet. Ein Teil gehörte zu Sachsen, einer zu Preußen, einer zu Braunschweig. Mittendrin tummelten sich diverse Grafschaften und Fürstentümer - auch die Bindestrich-Fürstentümer in Anhalt. Insofern ist Reinhard Münchs Buch über Napoleons Soldaten aus Sachsen-Anhalt eher ein Versuch, aus winzigen Puzzle-Stücken ein Ganzes zu machen.

Was ja bekanntlich auch Napoleon schon versuchte, als er 1807 das Königreich Westphalen gründete, in dem er seinen Bruder Jerome als König einsetzte. Das hielt, wie man weiß, nur bis zu Napoleons Niederlage in der Völkerschlacht 1813. Danach gingen die deutschen Fürsten wieder zur geliebten Kleinteiligkeit über, die sie bis heute hätscheln und pflegen. Der geheime Hofrat steckt ihnen tief in den Knochen. Sie können nicht anders.

Eine umfassende Aufarbeitung der diversen Truppenkontingente aus dem heutigen Sachsen-Anhalt in den diversen napoleonischen Truppenteilen gibt es nicht. Gerade wegen dieser Kleinteiligkeit. Für die drei Fürstentümer Anhalt, die 1806/1807 zu Herzogtümern aufgewertet wurden, sind die Nachrichten noch am dichtesten. Einiges weiß man auch über die Braunschweiger, die natürlich in die Armee des Königreichs Westphalen eingegliedert wurden. Verstreutes weiß man über die ehemaligen preußischen Soldaten, die nach der Niederlage von Jena/Auerstedt nicht nur Teil einer geschlagenen Armee waren, sondern auch zumeist erst einmal ohne Job dastanden, weil Napoleon dem preußischen König vorerst eine Verkleinerung der Armee befahl.Es sind – wie so oft – die Lebenserinnerungen einiger Beteiligter, die heute noch die fundiertesten Auskünfte geben über die Schicksale derer, die freiwillig oder unfreiwillig in den Truppenkontingenten Napoleons landeten. Die Völkerschlacht spielt dabei eher keine Rolle. Dafür waren die Soldaten aus den westphälischen Truppenkontingenten an anderen heiklen Brennpunkten des napoleonischen Imperiums eingesetzt – in Tirol 1809, in Spanien 1810. Beim Russlandfeldzug traten die “anhaltinischen” Truppen vor allem bei der Deckung des Rückzugs in Wilna und der Verteidigung der Festung Danzig auf.

Eine Ausnahmeerscheinung war das schwarze Korps des braunschweigischen Herzogs Friedrich Wilhelm – sein Herzogtum hatte er verloren an Napoleon. Im schlesischen Exil baute er aus eigener Schatulle ein Freikorps von 2.000 Mann auf, das 1813 hinter den feindlichen Linien wesentlich erfolgreicher und professioneller agierte als etwa das Lützowsche Freikorps.

Aber wenn man Tirol 1809 hört, dann sollte es den Aufstand der Tiroler Bauern unter Andreas Hofer wachrufen. Und die fragten natürlich nicht, welcher Art Landeskinder die Soldaten waren, die gegen sie in Marsch gesetzt wurden. Das bekamen bayerische Regimenter genauso zu spüren wie die Rheinbund-Truppen aus den sächsisch-thüringischen Fürstentümern. Auch das waren solche Bindestrich-Fürstentümer wie die anhaltinischen. Sie bildeten die Vorhut jener Truppen, innerhalb derer auch die Anhaltiner 1809 versuchten, den Brenner zu überqueren. Die Truppen aus den sächsisch-thüringischen Fürstentümern wurden dabei an einer Stelle zusammengeschossen und mit Felsbrocken niedergewalzt, die noch heute die Sachsenklemme heißt.

Die ihnen nachfolgenden Truppen aus Anhalt gerieten zwar noch unter Beschuss, kamen aber noch glimpflich davon, hofften nach diesem Einsatz sogar kurz, wieder nach Hause zu dürfen Richtung Bernburg, Zerbst, Dessau. Aber nichts war. Dem großen Kaiser der Franzosen begann sein Konstrukt eines europäischen Reiches zu wanken. Nicht nur die Tiroler Bauern griffen zu den Waffen. In Spanien kochte es schon lange. Und die Spanier wehrten sich mitleidlos gegen die französischen Truppen. Das bekamen auch die “Westphalen” zu spüren, als sie zur Verstärkung nach Spanien geschickt wurden, wo sie am Ende nichts ausrichteten, hohen Blutzoll zahlten und dann auch noch in die Gefangenschaft auf die Balearen verschifft wurden.Mit seiner kleinteiligen Aufarbeitung der Soldatenschicksale in der Zeit der Völkerschlacht hat Reinhard Münch begonnen, ein tatsächlich großes Panorama dieser Kriege zu zeichnen. Baustein fügt sich zu Baustein und der Leser erfährt, wie der gemeine Mann, der in die jeweiligen Truppen befohlen wurde, zum Spielball der Heerführer wurde. Die einen krepierten in Russland, die anderen in Spanien, Tirol oder auf den Feldern vor Leipzig. Die “Völkerschlacht” ließ nur kulminieren, was sowieso schon seit Jahren auf den napoleonischen Schlachtfeldern geschah.

Wo immer er seine Satrapen einsetzte oder Bündnisverträge schloss, war die Bereitstellung frischer Truppen immer Teil des Vertrags. Und für die drei anhaltinischen Herzogtümer mit ihren gerade einmal 70.000 Einwohnern waren immer neue Kontingente von 800 Mann durchaus nicht leicht aufzubringen. Die Männer mussten ausgelost, uniformiert, fouragiert und ausgebildet werden. Und wenn die Männer, die zuvor in der Regel einfache Handwerker, Bauern, Tagelöhner waren, in Napoleons Kriegen verheizt waren, hatten die Herzöge den nächsten Posten von 800 Mann zu stellen.

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Napoleons Völkerschlachtsoldaten
aus Sachsen-Anhalt

Reinhard Münch, Tauchaer Verlag 2013, 9,95 Euro

Dass Teile des heutigen Sachsen-Anhalt hier nicht vorkommen, liegt natürlich an der Quellenlage. Wer in Braunschweig geboren wurde, dem konnte es durchaus passieren, dass er mal zu den Preußen, dann zu den Franzosen gehörte. Das konnte auch den jungen Männern aus Köthen, Halberstadt oder Magdeburg passieren. In der Einführung gibt Münch einen kleinen Eindruck von den etwas komplizierten Herrschaftsverhältnissen in jenem Gebiet, das sich heute stolz Sachsen-Anhalt nennt. Was dann auch daran erinnert, dass das Sachsen vorm Bindestrich an die preußische Provinz Sachsen erinnert, zu der dann auch etliche ehemalige Landesteile des Königreichs Sachsen gehörten, die sich Preußen 1815 abschneiden durfte vom Nachbarland.

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