Hinterzimmerei: Ein kleines Stück Ernüchterung aus der politischen Provinz

Das Buch hätte auch schön in blutrot eingewickelt sein können, in piratenorange oder hellblau. Mit einem Äskulapstab drauf oder einem Stethoskop, denn "Hinterzimmerei" ist nur auf den ersten Blick ein Roman. Auf den zweiten ist es eine Pathologie der Parteienklüngelei. Nicht der ganzen. Aber auch wenn die großen Volksparteien ausgenommen scheinen, wird ihnen das, was Vera Luchten hier schildert, so fremd nicht sein.
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Ort der Handlung ist ein fiktives Städtchen irgendwo im Westen der Republik. Der Hans im Glück, der sich hier in der Politik versucht, heißt Heiner van der Velden, Dozent an der örtlichen Universität, Theologe und Suchender. Das passiert. Wer Ansprüche an sich und seine Welt hat, der möchte sich einbringen. Erfahrungen in einer Bürgervereinigung hat er schon gesammelt. Jetzt will er in die Politik, liest sich vorher genau die Parteiprogramme durch. Macht ja auch nicht jeder. Und dann stellt er den Mitgliedsantrag bei einer jener kleinen Parteien, die gern den Sprung in die Stadtparlamente, Land- und Bundestage schaffen wollen. Im Buch heißt sie schlicht die Partei.

Und Heiner kommt, wie es aussieht, gerade recht, der kleinen Truppe den Weg in den Stadtrat zu bahnen. Er wird gewählt. Und damit beginnt das Drama. Denn das war so nicht geplant. Jedenfalls nicht von dem kleinen Häuflein, das ihn eben noch in einem verlorenen Hinterzimmer einer Gaststätte aufgenommen hatte und so stolz war darauf, dass er sich in die Arbeit stürzte, Wahlprogramme schrieb und dem Häuflein ein Gesicht gab. Dass er nun Anspruch erhebt auf sein Mandat und nicht einfach zurücktritt davon, sogar den Fraktionsvorsitz beansprucht für sich, kommt bei den anderen gar nicht gut an – deren Vorgeschichte er erst im Laufe der Zeit erfährt.Es ist wohl kein Zufall, dass manche vagen Spuren in dieser Geschichte auf eine eher linke Partei hindeuten. Bis hin zu den seltsamen Akteuren, die den Kreisverband des fiktiven Städtchens Oberhausen bestimmen – etliche davon mit ostdeutscher Herkunft, was zumindest eine eigenartige Gemengelage ergibt. Denn was machen diese Gestalten im fernen Westen, wenn sie dort doch nur von ALG II und 400-Euro-Jobs leben? So recht astrein ist gerade die Herkunft der Spitzenkandidatin, die dann auch noch das Mandat für den Bundestag erobert, wohl nicht.

Am Ende wird Heiner natürlich ausgebootet – nach Strich und Faden und nach allen Regeln der Kunst und der Strippenzieherei. Da kann er noch so fleißig sein, so gut kommunizieren, wie es ihm gegeben ist, Freunde um sich sammeln und öffentliche Sympathien gewinnen. Es nützt ihm nichts.

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Für den Leser ist es ein Lehrbuch. Und mancher wird sich beim Lesen schon der ersten Seiten sagen: Warum tut er sich das an? Warum bleibt er bei diesem Haufen von Leuten, die weder etwas tun noch etwas ändern wollen? Denen auch der tatenfreudige Heiner egal ist. Mancher wird auch beim Lesen nicken und sich bestätigt fühlen: Hier liest er Gründe genug, warum es gut war, in keine Partei einzutreten.

Ob das, was Heiner erlebt, nur auf linke Parteien zutrifft, darf bezweifelt werden. Parteien sind keine Freundeskreise, sondern Machtmaschinen. Diese Ernüchterung kehrt schnell ein. Samt der Frage: Ist es in anderen Parteien andernorts anders? – Wohl nicht. Vielleicht nicht so grell, so böse und dumm, wie hier geschildert. Es sind nicht immer nur die Macht- und Postengierigen, die es in Parteien treibt. Manche wollen tatsächlich Dinge verändern und der Welt im Großen und Ganzen etwas Gutes tun.Doch die Wenigsten sind selbstlos. Auch nicht in der Politik. Diese Geschichte hier ließe sich auch in blau, schwarz, grün oder gelb schreiben. Es wird geklüngelt und gemobbt. Und es liest sich über weite Strecken wie tatsächlich erlebt. Schreibt hier eine, die so etwas hinter sich hat? – Kann wohl sein. Sie ist nah dran. Die Wut knistert noch zwischen den Seiten. Was für einen Roman nicht gut ist, wie man seit Flaubert weiß. Es verwandelt die Autorin nicht in ihren Helden. „Madama Bovary, c’est moi.“ Das ist die große schwere Arbeit, die aus der beispielhaften Geschichte einen mitreißenden Thriller machen könnte.

Das ist schwer. Gerade, wenn man sich mit den Feinheiten des deutschen Parteienrechts und all den Paragraphen beschäftigt, mit denen Leute in diesem Land Karriere und Politik machen. All den Dingen, mit denen sich auch Heiner eingehend befasst – bis er ganz am Ende begreift, dass er dagegen keine Chance hat, dass all die Paragraphen nur jenen nützen, die Politik als Netzwerkerei und Postengeschacher verstehen. Und dass es natürlich all jene wie magisch in die Politik zieht, die genau so denken – in Kategorien der Macht. Das macht auch den Parteien, wie sie sind, das Arbeiten schwer. Selbst das so wichtige Suchen nach Kompromissen. Denn kaum sind sie gefunden, bildet sich mit lautem Getöse am Ende der Abgeordnetenbank ein neuer Arbeitskreis, stellt alles in Frage und macht einen Lärm, dass das ganze Land glaubt: Jetzt haben sich die Mehrheitsverhältnisse wieder völlig umgekehrt.

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Hinterzimmerei
Vera Luchten, Einbuch Verlag 2012, 14,90 Euro

Als hätte nicht schon Jonathan Swift darüber geschrieben. Aber Liliput ist überall. Oder war’s Brobdingnag? – Egal. Die Geschichte handelt zwar irgendwo nahe der westlichen Grenze, wurde von einer Schwäbin aufgeschrieben, könnte aber auch von einer Berlinerin über einen Wahlverein in Meck-Pomm geschrieben sein.

Und was bleibt nach dieser dicken Dosis Ernüchterung über Politik im Einzelnen und Lilafarbenen? – Vielleicht der Trost, dass Politiker nicht anders sind als andere Menschen. Und das Wissen, dass man ein dickes Fell und gute Netzwerke braucht, wenn man in menschlichen Entscheidungsgremien auch nur das Geringste erreichen will.


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