Steffi Böttger auf der stillen Insel Hedins: Spaziergänge auf Hiddensee

Das handliche 64-Seiten-Heft erscheint zwar im selben Format wie die "An-einem-Tag"-Stadtführer im Lehmstedt Verlag. Aber auf eine Insel wie Hiddensee fährt man eben nicht nur, um sie mal an einem Tag von oben bis unten zu erlaufen. Das ist zwar leicht möglich. Die Insel ist ganze 13 Quadratkilometer groß und würde fast 23 Mal ins Leipziger Stadtgebiet passen. Aber die städtische Eile darf man am Festland zurücklassen. Das Auto übrigens auch.
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Hiddensee ist bis heute autofrei. Man kommt nur über einen der drei Häfen hin. Und selbst für Fahrräder sind Teile der Insel gesperrt, weil sie Schutzgebiet sind. Also läuft man am besten gleich zu Fuß. Zu vier Spaziergängen lädt Steffi Böttger ein – dem ersten rund um den Hauptort der Insel, Kloster. Der zweite führt hinauf zum Enddorn, der dritte rund um Vitte und der vierte in den Süden der Insel mit Neuendorf. Gleich beim ersten Spaziergang erfährt man natürlich, warum die Insel Hiddensee heißt und warum der Name des Hotels Hitthim falsch geschrieben ist. Denn Namensgeber war der Norwegerkönig Hitthin, der sogar in der Edda vorkommt – als Hedin. Und seine Insel – Hedins Oe – taucht auch beim dänischen Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus auf, der sie in seiner „Historica Danica“ erwähnt. Er lebte im 12. Jahrhundert. Und wesentlich älter ist die Aufzeichnung der „Edda“ auch nicht. Manches, von dem ein paar Leute glauben, es sei unsere Ur-Geschichte, ist praktisch fast neuzeitliches Schriftgut. Selbst die Ersterwähnung Leipzigs ist älter.

Ansonsten spielte die Insel mit ihrer von Wind und Wellen stets neu geformten Gestalt in der Geschichte nicht wirklich eine große Rolle. Ab und zu wurde sie verkauft, mal wechselten auch die Besatzungen und Landesherren. Aber über Jahrhunderte dominierte der Fischfang, gab es ein bisschen Landwirtschaft und ab und zu einen Militärstützpunkt, weil irgendeine Macht den Vorposten der Zivilisation brauchte. Oder zu brauchen glaubte. Es wird vielleicht mal Zeiten geben, da werden Geschichtsschreiber auch das 20. und 21. Jahrhundert dem „finsteren Zeitalter“ zurechnen, weil die Menschen noch immer nicht gelernt hatten, Konflikte ohne Armeen und Zerstörung auszutragen. Und ein deutscher Kriegsminister von Drohnen träumte.Kommt man auf Hiddensee auf solch martialische Gedanken? – Natürlich. Auch hier hockte mal Militär und beobachtete das Meer. Nicht nur nach Feinden. Auch nach verdächtig abschweifenden Urlaubern.

Ansonsten ist das natürlich ein Stück Welt, in dem man das Rasen der Zeit vergessen darf. Hier suchten manche Leute einen Rückzugsort. Der Berühmteste unter ihnen ist bis heute Gerhart Hauptmann, dessen Haus man besuchen kann. Gleich nebenan findet man die „Lietzenburg“, die eng mit der Familie Kruse verbunden ist – dem Maler Oskar Kruse, dem Bildhauer und Bühnenbildner Max Kruse, mit dessen Frau Käthe Kruse, deren Puppen heute noch immer die Weltgemeinde faszinieren, und – nicht zu vergessen – ihrem Sohn Max, der das Kinderbuch „Urmel aus dem Eis“ schrieb. Nicht das einzige Kinderbuch übrigens, das mit Hiddensee eng verbunden ist. In Benno Pludras „Lütt Matten und die weiße Muschel“ kommt das einst sehr eindrucksvolle „Hotel mit Boddenblick“ als Illustration vor, gemalt von Werner Klemke.

Nicht alles ist Museum, was auf Hiddensee mit berühmten Namen verbunden ist. Die „Lietzenburg“ wird zu einer Pension. Und wo einst Asta Nielsen ihre Sommer verbrachte, bleibt dem Vorbeilaufenden meist nur der Blick auf das eindrucksvolle runde Haus. Gebaut hat es Max Taut, einer der bekanntesten Architekten der deutschen Moderne. Und zwar zu Zeiten, als Moderne noch rund war, nicht eckig und klotzig wie heute.

Maler haben sich immer wieder gern auf Hiddensee angesiedelt. Die „Blaue Scheune“ in Vitte ist heute wieder „Anziehungspunkt für kunstinteressierte Bürger“. Ist ja manchmal nicht so einfach, so ein Phänomen auf den Punkt zu bringen. Ein Stück weiter gibt’s Theater, betreibt Karl Huck die „Seebühne Hiddensee“, wo es natürlich auch „Lütt Matten“ zu sehen gibt. Man kann seine Kinder also ruhig mitnehmen, wenn man einen Urlaubsplatz auf Hiddensee gefunden hat. Vergnügungsparks und ähnlichen Quatsch gibt es zum Glück nicht. Was sicher Eltern Probleme macht, die ihre Kinder gern mit gekauftem Vergnügen ruhig stellen. Quengeln ist also bei diesen Kindern zu erwarten.

Aber wer seine Kinder liebt, setzt sie auch mal ein paar Tage und Wochen den simplen Elementen aus: Sonne, Wind, Wasser, Sand. Am Ende unterhält man sich vielleicht sogar wieder. Über Muscheln zum Beispiel, Hexenhäuschen, Leuchttürme, Vogelkolonien und die bedauernswerten Fährleute, die einst auf der Fährinsel lebten. Vielleicht auch über die Inselkirche mit ihrer Rosendecke oder die vielen namenlosen Ertrunkenen auf dem Friedhof. Vielleicht auch über wandernden Sand und abbrechende Steilküsten, die es auf Hiddensee auch gibt.

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Spaziergänge auf Hiddensee
Steffi Böttger, Lehmstedt Verlag 2013, 4,95 Euro

Und wenn man ein paar stürmische Tage erwischt, hat man sogar die Chance, am Strand ein Stück Bernstein zu finden. Und wenn nicht, kann man es kaufen. Es gibt auch ein Heimatmuseum, in dem die Arbeit der Fischer auf der kleinen Insel zu begutachten ist. Samt einer Replik des Hiddenseer Goldschatzes, der 1872 nach verschiedenen Sturmfluten im Süden der Insel gefunden wurde – entstanden irgendwann um 970/980. Wer Geschichte sucht, findet sie also auch hier, auf der Insel des Hitthin. Die Fotos im Band sind natürlich wieder beeindruckend voller großer blauer Himmel. Und fast spürt man schon den Sand herausrieseln wie nach einer flotten Flucht an die Ostsee. Wenn das Leipziger Neuseenland mal gut wird, dann wird es ein bisschen wie Hiddensee.

OstseeHiddensee
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