Der vierte Streich der Ahne-Besuche in der Choriner 61

Gott wohnt noch immer in der Choriner Straße 61, mitten auf dem Prenzlauer Berg. Zwischen Band 3 und 4 ist er nicht wieder umgezogen, auch wenn ihn ältere Ahne-Kenner noch aus der Choriner 63 kennen. Man ist ja in Berlin-Mitte nie sicher, was morgen aus dem Haus wird. Ob's eine Luxussanierung für Zugewanderte gibt oder aus den Wohnungen hübsche Urlaubsappartements werden und die alten Bewohner wieder weichen müssen,

Und Ahne und Gott sind ganz alte Bewohner, so aus Prenzlauer Bergsicht betrachtet. Sie kennen noch die alten Kneipen und wissen auch noch, wie das  früher so war, als ostseits der Mauer versucht wurde, den Sozialismus aufzubauen. Ein Experiment, das Gott zumindest mit Neugier betrachtet hat. Wie er das Treiben der Menschen seit Jahrtausenden mit Neugier zu betrachten scheint. So richtig klar ist ja nicht wirklich, wem Ahne da beim so fröhlichen Kurzbesuch in der Choriner 61 immer begegnet. Manchmal scheint der alte Knabe auch nur ein alter Berliner zu sein, der seine Pfandflaschen zum Supermarkt trägt und mit dem Geld manchmal etwas knapper ist.

Zu Silvester kocht er sich ein Ei und Toilettenpapier benutzt er schon seit 1599 oder so. Ahne hakt zwar gern ein bisschen nach, aber so richtig lässt sich der Alte doch nie in die Karten gucken. Ist eben ein alter Berliner, der die Tolldreistigkeiten der Menschen durchaus mit freundlicher Häme zu kommentieren weiß. Und darum geht es ja in den Zwiegesprächen mit Gott, die Ahne nun seit Jahren mit nie erlahmender Begeisterung schreibt und vorträgt. Selbst vorträgt, so dass man beim Anhören der beigelegten CD auch gleich wieder merkt: Ahne ist Gott. In gewisser Weise. Oder ist Gott Ahne? – Dann und wann kommt in einem der Dialoge immer wieder der hübsche Hinweis zum Vorschein, Gott habe ja nun einmal den Menschen nach seinem Bilde geschaffen. Da kommt natürlich auch mal ein Ahne dabei heraus.

Und ansonsten natürlich eine Menge Wirrsal. Wobei es meistens der kurz vorbeischnuppernde Ahne ist, der sich noch wundert über aufmüpfige ehemalige BDI-Präsidenten, Flughafen-Chaos-Großbaustellen, Unheilige Heilige Krieger, existenzgefährdete Kneipen oder närrische Parteien. Die Zeitung ist ja voll davon, die Nachrichten sowieso. Das passt gar nicht alles in einen Kopf, verstehen kann es ein vernünftiger Familienvater, der sich so langsam um das Altern sorgt, auch nicht. Im Gegenteil: Er regt sich tierisch darüber auf und sein Kurzbesuch bei Gott ist natürlich auch ein kleines bisschen Therapie. So wie gute Kumpel am Biertresen eine kleine Therapie sind. Man möchte ja nicht jeden Tag durch die Welt laufen und die ganze Zeit das Gefühl haben, dass man nicht mehr ganz bei Trost ist. Denn wenn die täglich ausgebreiteten Narreteien die Norm sind, was ist dann los mit der Welt? Dann muss man ja selbst irgendwie im falschen Kosmos gelandet sein. Und wer könnte einem das  besser erklären, ob’s stimmt oder nicht, als Gott?

Aber wie gesagt: Er ist ja selbst ein bisschen Ahne und lässt sich ganz und gar nicht in die Schuhe schieben, was die Menschen da in und aus seiner Schöpfung machen. Er schaut zu, freut sich, dass sie sich ab und zu ein paar vernünftige Dinge einfallen lassen – wie Toilettenpapier und lange Unterhosen. Aber er ist eindeutig nicht der zürnende Alte aus dem Alten Testament. Er richtet nicht. Er ist eben auch in tiefstem Herzen ein alter Berliner, der gelernt hat, dass man zwar eine große Klappe haben kann, aber man sollte sich selbst trotzdem nicht so wichtig nehmen. Der Nabel der Welt ist immer irgendwo anders. Und wenn es um Rekorde und andere Höchstleistungen geht, gibt es immer einen, der besser ist. Meistens ist es kein Berliner, sondern ein Chinese. Die große Sicht aus göttlicher Perspektive relativiert das lautstarke Treiben hienieden doch ein wenig. Und wenn Gott zu Ahne „Sportsfreund“ sagt, dann weiß man sowieso, wie sehr in jedem Ahne auch ein mahnender Papa steckt, der dem nie erwachsen Gewordenen mit liebevollem Nachdruck klar macht, dass er gewisse Dinge in seinem Leben doch ein wenig ernster nehmen sollte. Er ist ja nun wirklich kein kleiner Steppke mehr, der seine Mitwelt beeindrucken muss, indem er 78 Sekunden die Luft anhält oder wie Charlie Brown erklärt, wie schrecklich depressiv er heute wieder ist.

Aber was macht einer, der in gestandenem Alter noch immer über Laurel und Hardy lachen kann wie ein kleiner Junge? Immerhin kann er das jetzt seinen eigenen Kindern in die Schuhe schieben und so tun als ob. Denn wirklich klar ist ja nicht, dass man als erwachsener Vater nicht auch noch ein kleine Junge sein darf und noch immer lauter alberne Fragen hat, die sonst ja keiner ernsthaft beantwortet. Die Choriner 61 ist also auch so ein bisschen wie ein Zuhause-Besuch, den sich Ahne regelmäßig gönnt. Und den sich jeder gönnen darf, der sonst so keinen alten Knaben kennt, den er einfach so mal mit närrischen Fragen überfallen kann. Wer nicht fragt, bleibt dumm, heißt es ja bekanntlich im Titellied der Sesamstraße. Nur dass erwachsene Leute ja sowas nicht mehr gucken, weil sie ja erwachsen sind und keine Fragen mehr haben.

Grässliche Leute.

Ahne hat noch welche. Einen ganzen Sack voll: blöde Fragen, doofe Fragen, schräge Fragen. Lauter Fragen, die man im Nachspann der täglichen Nachrichten nie erklärt bekommt, obwohl sie überreif sind, geklärt zu werden. Aber die Ernsthaften merken gar nicht mehr, über was für seltsame Dinge sie in bierischem Ernst berichten. Ahne fragt noch, fragt Gott Löcher in den Bauch. Auch wenn die Antworten eher nicht die Antwort sind. Aber deswegen tappelt er ja nicht die Treppen hoch, um bei Gott zu klingeln. Eher trifft er da einen, der ihm auf die schöne laxe Berliner Art sagt, dass er jetzt keine Froschpillen nehmen muss (jaja, das stammt aus einem anderen Buch), dass alles so weit in Ordnung ist und die Menschen so sind, wie sie sind, die einen noch mehr als die anderen. Zum Abschluss immer noch eine kleine Nachfrage. Man kann ja nicht einfach mit Tschüss wieder gehen. Und man hat sich wieder geerdet gemeinsam. Bis zum nächsten Mal. Es sei denn, aus dem Kurzbesuch wird ein echter Klingelzug, den jetzt die beiden gemeinsam durchziehen. Und Gott nimmt natürlich noch Zahnpasta mit: „Dit schockt mehr.“

43 neue, tiefschürfende Zwiegespräche mit Gott hat Ahne in diesem vierten Band gesammelt, elf gibt’s – von Ahne eingelesen – auf der beigelegten CD zu hören – plus fünf Bonus-Tracks, wie es sich gehört für einen, der in der Choriner 61 ein und ausgeht, als hätte er ein Dauerabonnement.

Ahne „Zwiegespräche mit Gott. Das vierte Buch“, Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2014, 14,90 Euro

BerlinLesebühne
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