Es ist immer wieder erstaunlich, zu welcher Verschwendung Fürsten und Herrscher fähig sind, wenn es um Bollwerke der Macht geht. Ein solches Bollwerk ist die Festung Königstein, die - anders als andere Festungen in Sachsen - heute noch besichtigt werden kann. Mit Begeisterung natürlich. Menschen können so erfindungsreich sein, wenn es um Trutzbauten geht.

Da staunt der Besucher, der die 240 Meter von der Elbe bis hier heraufgestiegen ist. Oben ist die Aussicht natürlich prächtig. Und schon die Slawen, die hier im 6. Jahrhundert einwanderten, standen wohl da, staunten und riefen: “He Leute, hier müssen wir eine Burg bauen.”

Haben sie dann auch getan, wie Angelika Taube zu berichten weiß, die jetzt dieses handliche Buch zur Festung Königstein geschrieben hat. Später – im 13. Jahrhundert – spielte die Burg auf dem Stein eine wichtige Rolle als Grenzmarke zwischen Böhmen und der Mark Meißen. Es dauerte schon ein Weilchen, bis die Wettiner den schönen Stein, der wohl nach dem böhmischen König als “lapis regis”, Königsstein, benannt wurde, in ihren Besitz bekamen mitsamt der Burg obendrauf, die tatsächlich ein einziges Mal erobert wurde. Man musste die Burgmannen einfach nur eine Weile aushungern. War ganz einfach.

Und war dann die erste Lehre für später, als die Wettiner etwas spät ihr Interesse für den Felsen entdeckten. Denn gebrauchen konnten sie das Ding eigentlich nie. Militärisch machte es im Grunde die ganze Zeit seiner Existenz keinen Sinn. Nicht mal zu den Zeiten, als die Schweden, die Preußen oder Napoleon mit seinen Truppen einfach ins Land marschierten. Die Schweden (oder waren es die Kaiserlichen?) drohten einfach mit der Abfackelung der kleinen Stadt Königstein, die Preußen marschierten in großem Bogen dran vorbei … Je nutzloser die Festung wurde, umso mehr Geld wurde da oben verbaut.Aber erst einmal überließen die Wettiner den Felsen diversen Lehnsleuten, am Ende ein paar Mönchen, die hier oben schönste Abgeschiedenheit fanden. Das Festungsfieber ergriff die europäischen Herrscher erst im späten 16. Jahrhundert so richtig. Das ist der Beginn dessen, was Historiker gern Neuzeit nennen. Festungsbaukunst wurde auf einmal ein fürstliches Steckenpferd. Jede einigermaßen wichtige Stadt wurde mit Bastionen und Festungswerk bestückt, die nun den immer schneller sich erneuernden Schusswaffen stand halten sollten. Dass die alten Stadtmauern nicht wirklich stand hielten, bekamen die Leipziger ja im Schmalkaldischen Krieg 1547 mit, als der größte Teil der Mauern und Türme auf der Südseite zu Klump geschossen wurden. In der Folge erhielt Hieronymus Lotter den Auftrag, die ganze Stadt in eine Festung umzubauen. Die Moritzbastei ist noch heute als Rest dessen zu besichtigen.

Genutzt hat das alles nichts. Im Dreißigjährigen Krieg brauchten die diversen Truppen stets nur ein Weilchen belagern, schon war die hungrige Stadt bereit, die Tore zu öffnen. Und im Siebenjährigen Krieg war es nicht anders.

Doch während die Städte irgendwann ihre Festungsbauwerke sprengten und schleiften, ist die Festungsgeschichte des Königssteins, die 1589 begann, die nächsten 300 Jahre munter immer weiter gegangen. Den 152 Meter tiefen Brunnen hatte Kurfürst August schon 1563 bis 1569 von Freiberger und Marienberger Bergleuten graben lassen. Seitdem hatte der Königsstein eine eigene sichere Wasserversorgung. Und als dann mit dem Festungsbau begonnen wurde, kamen auch noch gewaltige Korn-, Back- und Brauhäuser hinzu. Das ganze Areal auf dem Hochplateau wurde so umgebaut, dass sich eine Besatzung hier monatelang selbst versorgen konnte, egal, wie geduldig der Feind vor den Toren war.

Einige der neuen Bollwerke entstanden schon in dieser Zeit – integrierten auch Teile der alten Burganlage. Aber im Inneren der Festung wurde im Lauf der Zeit immer wieder um- und neugebaut. Es entstanden immer mal wieder neue Kasernen und Kasematten und Munitionslager, die alten Gebäude wurden verstärkt oder durch besser bewehrte ersetzt, wenn die Belagerungsgeschütze da draußen neue Durchschlagskraft entwickelten. Es gab zwar nie wieder jemanden, der den Königsstein ernsthaft angriff. Aber “politische Konstellationen”, die die Festung irgendwie strategisch wichtig erscheinen ließen, gab es immer wieder. Man musste sich nur den falschen Verbündeten suchen, und schon war der bisher beste Nachbar – rein strategisch betrachtet – ein potenzieller Feind. Was ja Sachsen im Lauf seiner Geschichte mehrfach passierte.

Militärisch sinnvoll war die immer stärker bewehrte Festung nie. Andere Zwecke hat sie dafür immer bestens erfüllt. Die Wettiner kehrten hier gerne ein, um sich mal vom rauen Leben in der Residenzstadt zu erholen. Dann brachten sie meist ihren ganzen Hofstaat mit und es wurde prächtig gefeiert. Zeitweise hatten sie hier auch das allergrößte Weinfass der Welt stehen – das dann aber rein aus Altersschwäche demontiert werden musste.

Immer wieder war der Königsstein auch sicherer Verwahrort für die Kleinodien des Staates. In Kriegszeiten wurde hier gern mal der Staatsschatz und die komplette Kunst- und Gemäldesammlung aus Dresden in Sicherheit gebracht. Und wo man Kunst gut verwahren kann, kann man auch Staatsgefangene gut arretieren. Rund 2.000 sollen es bis zum Ende der Festungszeit gewesen sein.Zu den Eingesperrten gehörten politisch einfach mal in Ungnade gefallene Personen wie Kanzler Nikolaus Krell (der dann 1601 in Dresden öffentlich geköpft wurde) oder der Leipziger Bürgermeister Conrad Romanus (der bis an sein Lebensende auf dem Königsstein einsaß). Wobei Krell noch das Pech hatte, den Ausbau des Königssteins selbst forciert zu haben. Und zu Romanus weiß Angelika Taube mal eine andere Geschichte zu erzählen als die übliche Leipziger: Er habe 1705 dem König ein Projekt vorgelegt, “dem Leipziger Rat und später allen anderen Stadtbehörden des Landes die freie Verwaltung zu entziehen, die Stadtvermögen unter kurfürstliche Aufsicht zu stellen” und damit dem starken August die Kassen zu füllen. Und sich selbst nebenbei auch.

Das konnte dann der Statthalter des Fürsten verhindern und der “höchst gefährliche Mann” wanderte lebenslänglich auf den Königsstein. Später waren es eher die echten Demokraten und Revolutionäre, die auf den Königsstein verbracht wurden. Wobei die Gefängniswärter dabei durchaus grausam vorzugehen wussten, wie die Geschichte um die beiden Dresdner Demokraten Bertholdi und Moßdorf belegt. Später landeten hier auch Berühmtheiten wie Bakunin, Wedekind und Thomas Theodor Heine. Und wenn er nicht so schnell ausgebüxt wäre, wäre wohl auch Richard Wagner hier gelandet wie sein Freund Röckel. Eigentlich schade: So gehört der Königsstein nicht zu den sächsischen Wagner-Orten.

Dafür erhält der Besucher ein eindrucksvolles Bild davon, wie der Festungsbau im 19. Jahrhundert immer wildere Blüten trieb, immer dickere Mauern und Ecken und bombensichere Kasematten gebaut wurden für einen Angriffsfall, der immer unwahrscheinlicher wurde. Schon seit Napoleons Zeiten entschied der Besitz von Festungen nicht mehr darüber, wer das Land beherrschte. Hingegen eigneten sich die Festungen gut als Unterbringung für Kriegsgefangene, wie das im 1. und 2. Weltkrieg dann der Fall war.

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Festung Königstein
Angelika Taube, Edition Leipzig 2014, 9,95 Euro

Erst als 1955 auch der Jugendwerkhof ausgezogen war, war der Weg frei, die Festung in einen Touristenmagneten umzuwandeln. Was sie heute ist.

Mit diesem Büchlein bekommt der Leser schon einen ganz guten Eindruck von dem, was ihm an militärischer Bollwerkerei da oben begegnen wird. Da und dort aufgelockert von den Resten fürstlicher Ausflugsfreuden. Ein Lageplan macht das Ganze übersichtlicher – in 70 Punkten noch einmal kurz erklärt. Es ist schon erstaunlich, wie eindrucksvoll etwas so völlig Nutzloses wie eine Festung sein kann. Man kann sich sogar trauen lassen, wenn man sich traut.

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