Es ist ein facettenreiches Plädoyer gegen den Krieg, das Sabine Ebert mit "1815.Blutfrieden" geschrieben hat, das nicht nur Jette in den dunklen Tagen des Krieges zeigt, sondern auch die Soldaten der unterschiedlichsten Armeen. Natürlich der sächsischen, die am 18. Oktober 1813 endgültig zwischen alle Fronten geriet, weil ihr greiser und entscheidungsschwacher König längst auf der falschen Seite stand, unbelehrbar - wie eine ganze Reihe honoriger Fürsten in diesem Buch.

Doch seine Gegner hatten fast alle das Glück, geniale Kanzler und Berater zur Seite zu haben. Der preußische König ja bekanntlich erzwungenermaßen, nachdem er 1806 bei Jena und Auerstädt sein militärisches Debakel erlebt hat und am Ende Leute wie Hardenberg, Stein, Gneisenau und Scharnhorst die Gelegenheit zur Reform des erstarrten preußischen Staates und der Armee geben musste.

Allesamt würden nur wenige Jahre später selbst enttäuscht werden, was sich in “1815” noch nicht mal andeutet, auch wenn Sabine Ebert schon einmal den Blick öffnet auf das Kommende, das die Deutschen als Karlsbader Beschlüsse und Metternich-Ära erleben würden.

Natürlich kommt der geniale, aber stockkonservative Metternich auch in diesem Buch vor. Denn ohne den Wiener Kongress und Metternichs Kunst, ein neues Europa nach seinen Vorstellungen zu schneidern, funktioniert die Geschichte ja nicht. Und was er da schmiedete am Rand des Wiener Kongresses, war nun mal ein Europa der alten Fürsten, das auch verhindern sollte, dass die Ideen der französischen Revolution je wieder auferstehen würden.

Das freilich war auch danach in vielen Geschichtsbüchern so nicht mehr zu lesen.

Genauso wenig, wie die Tatsache, dass das Gemetzel nach der Schlacht von Leipzig weiterging, auch weil zumindest Generäle wie Blücher genau wussten, dass ein Napoleon sich nie geschlagen geben würde. Auch wenn er oft glorifiziert wurde, steht dieser Napoleon auch für den modernen Diktatortypus, der keine Skrupel und keine Grenzen kennt und Menschen vor allem als Material betrachtet. Menschenmaterial. Auch Napoleon tritt in den Szenen dieses großen Zeitpanoramas so selbstverständlich auf, wie es Blücher und Metternich tun. Und auch hier lässt die Autorin spüren, das sie ihre Helden liebt: Sie hadert nicht mit ihnen, versucht sie auch nicht lehrhaft in eine Interpretationsschablone zu zwingen, wie es viele unerfahrene Autoren tun. Sie lässt sie ganz in ihrer eigenen Welt- und Zeitsicht agieren. Erst dadurch wird sichtbar, aus welcher Berechtigung heraus sie alle agieren, wie in sich logisch ihr Handeln ist, auch wenn es für ihre Gegenspieler unlogisch und fremd wirkt.

Was gerade die nicht so klugen Hauptakteure der Zeit ja so oft scheitern lässt. Wie den sächsischen König August, König von Napoleons Gnaden und in den entscheidenden Momenten nicht fähig, auf seine Berater zu hören. Was Sachsen am 19. Oktober 1813 zum Verlierer macht. Aber auch in den Monaten danach, die August in preußischer Gefangenschaft verbringt, verhält er sich nicht wirklich klüger.

Aber auch ihm gibt Sabine Ebert den Raum, seine Beweggründe zu zeigen, sein Handeln als logisch und begründet erleben zu lassen.

Mit dieser Methode macht sie auch sichtbar, was vielen Autoren von – nicht nur historischen – Romanen oft nicht gelingt: Wie die Dinge in der Regel gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen und an verschiedensten Orten geschehen und Geschichte erst aus der Summe des Ganzen entsteht und durchaus auch überraschende Wendungen erlebt, weil ein Spieler (etwa der geniale Spieler Metternich) eben doch nicht jeden einzelnen Gegenspieler durchschauen und einberechnen kann. Ein Effekt, der ja auf der anderen Seite auch Napoleon betraf, der mit den meisten seiner Kriegsgegner leichtes Spiel hatte – wären da nicht Blücher und sein kluger Stratege Gneisenau, die bei Napoleon eine Menge gelernt hatten.

Doch wenn die Großen derart aufmunitioniert Geschichte machen (und hinterher auch noch zurechtschreiben), erleben die Völker in der Regel blutige Tragödien. Und nicht nur Henriette ist ja mittendrin, auch Maximilian, der preußische Premierleutnant, dem sie in Freiberg das Leben gerettet hat und der sie nun aus dem Leipziger Schlamassel herausholt. Und damit ist nicht die Schlacht gemeint, sondern die grauenhafte Zeit danach, als tausende Verwundete die Stadt in ein Totenlager verwandelten. Und Sabine Ebert lässt es nicht bei der Leipziger Sicht, die besonders in den letzten Jahren mit einigen Publikationen untermauert wurde. Denn derart verwüstet und zur Totenstadt wurden damals viele Orte in Deutschland – im Grunde alle, die zum Schauplatz einer der vielen material- und menschenverschlingenden Schlachten geworden waren.

Und nicht nur all die jungen Männer, die sich zu den Fahnen gemeldet haben, sind mittendrin.

In Erfurt und Torgau sind ganze Städte in Geiselhaft, sind es lokale Überlieferungen, die Sabine Ebert zu weiteren Teilen ihres großen Mosaiks ausbauen kann. Und überall schildert sie persönliche Schicksale, manche direkt mit dem Schicksal ihrer Heldin Henriette verknüpft, die die jungen Männer in ihrer Umgebung auch deshalb fasziniert, weil sie klug und mitfühlend agiert und auch kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn mal wieder politische Korrektheit angesagt wäre. Was ihr auch deshalb Hochachtung einbringt, weil sie mitten in diesen kriegerischen Zeiten Menschlichkeit und Liebe über alles stellt, auch dann, wenn es sie selbst zu zerreißen droht.

Diesmal entführt sie ihr Schicksal erst nach Frankfurt, wo sie am Rande das erste große Treffen der Alliierten nach der Leipziger Schlacht miterlebt, und bald darauf nach Berlin, der unversehrten Hauptstadt der preußischen Sieger. Ihr Schicksal bleibt auch in diesem Buch bewegend, denn auch hier bleiben ihr Höhen und Tiefen nicht erspart. In ihrem Leben spiegelt sich der ganze Höllenritt der Zeit. Und wenn die Damen in den Berliner Salons beginnen vom Krieg zu reden, ist sie tatsächlich die einzige, die es wirklich erlebt hat.

Am Ende stapelt Sabine Ebert in ihrem Nachwort eher tief, wenn sie zwar betont, wie vergessen diese Zeit zwischen Leipzig und Waterloo heute ist.

Aber das liegt nicht nur an den widersprüchlichen Erzählungen auf allen Seiten, es liegt auch daran, dass sich auch die Historiker noch nicht daran gewagt haben, diese vielen gleichzeitig geschehenden Prozesse einmal so zusammenzuführen, wie es Sabine Ebert hier getan hat. Im Grunde steckt die ganze Tragödie des 19. Jahrhunderts in diesen zwei Jahren, all die so gern vertuschten oder glorifizierten Konflikte, die nicht nur zur falschen, nämlich der preußischen Lösung der “deutschen Frage” führten, sondern auch zu den Kriegen des 20. Jahrhunderts, die in ihrer Dramatik die Grauen der napoleonischen Kriegszeit wieder lebendig werden ließen.

Und so wie Sabine Eberts Helden in ihren Dialogen immer wieder Vermutungen anstellen, wie künftige Generationen in 100 oder 200 Jahren zurückschauen werden auf diese blutige Zwischenzeit, so lohnt sich auch die Frage: Steckt von diesem alten, von Fürsten regierten und mit Waffengewalt wieder hergestellten Europa nicht immer noch eine Menge im heutigen Europa? In Deutschland sowieso, wo ja bekanntlich nationalistische Ressentiments fröhliche Urständ feiern und uralte Demarkationslinien wieder aufreißen, als hätten eine Menge Leute wieder mal die Nase voll vom Frieden.

Auch Sabine Ebert betont in ihrem Nachwort: Wer sich nicht wirklich mit seiner Geschichte beschäftigt, lernt nichts draus. Und wird wohl die alten Fehler immer wieder machen. Sehr bedenkliche und kluge Worte, die auch deshalb schwer wiegen, weil Sabine Ebert auf über 1.000 Seiten gezeigt hat, wie viele Fragen damals offen geblieben sind, weil die Antworten in Kabinetten und in Stabsquartieren nicht zu finden sind.

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