1.1 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Eine etwas unfertige Geschichte aus der thüringischen Einsamkeit

Anzeige

Mehr zum Thema

Mehr
    Anzeige
    Anzeige

    Es gibt Bücher, die sind eigentlich noch nicht fertig. Dies hier ist so eins. Eigentlich soll es der erste Teil eines Romans in drei Teilen sein. Aber auch Romane in mehreren Teilen funktionieren nur, wenn sie das Spannungsmoment aufbauen und offen halten können. Erinnerungsarbeit ist etwas anderes.

    Und das, was der Thüringer Lorenz Kindel hier vorlegt, ist eigentlich Erinnerungsarbeit. Sogar eine zu einem nicht ganz unwichtigen Thema, jenem nämlich, das Politiker gern so ratlos als „demografische Entwicklung“ bezeichnen und ostdeutsche Dagebliebene heute gern mit dem alten Slogan von Helmut Kohl belegen: „blühende Landschaft“. Wirklich blühende Landschaften: Dörfer und Flecken, aus denen mittlerweile die letzten Bewohner verschwunden sind, leer gezogene Landschaften. So wie das Spindorf in Kindels Buch, in dem der Held Heiner versucht, sein Leben zu sortieren. Er ist der Letzte.

    Eigentlich war seine Oma Elfriede die Letzte. Bei ihr hatten die anderen Dorfbewohner, als sie der Arbeit und einer besseren Zukunft hinterher zogen, ihre Hofschlüssel abgegeben. Doch Elfriede ist jetzt auch tot und Heiner ist eingezogen in ihr Haus, das ihm sowieso schon immer Rückzugsraum war – auch damals schon, irgendwann kurz nach der „Wende“, die Kindel ohne Anführungszeichen schreibt, während er die hingestorbene DDR nur als DäDääR bezeichnet. Selbst so etwas verrät, wie komplex das Gespinst ist, das der Autor hier weben will. Und wie schwer er sich damit tut, denn da geht es ihm augenscheinlich wie so vielen Autoren im Osten: Sie haben ein Problem mit dieser Vorgeschichte. Ein unverkrampftes Verhältnis sieht anders aus. Die DDR spukt durch die gesamtdeutsche Erinnerung wie ein unerwünschter Verwandter, der besoffene Alfons, der sich auf jeder Feier blamiert und daneben benommen hat. Die einen Autoren machen sich lustig über Stasi &. Co., die nächsten schreiben düstere Thriller drüber. Und wenn der Alltag mal auftaucht, dann tun die meisten Autoren so, als wäre das alles nur noch peinlich, lächerlich, als schäme man sich dafür und würde sich mit dem flehenden Kichern des Klassenclowns dafür entschuldigen, dass man dummerweise die falsche Kindheit im falschen Land erwischt hatte.

    Dabei ist dieses nun immerfort getrötete „falsche Leben im falschen“ nur noch nervend. Was soll das?

    Das Alles steckt auch in Kindels DäDääR. Und es macht einen guten Teil der Ratlosigkeit seines Helden aus, der nun in diesem verlassenen Spindorf sitzt und versucht, sein Leben zu rekapitulieren. Das tut er im Zwiegespräch mit sich selbst, ist ja sonst weiter keiner da. Die Gefahr, so in der Einsamkeit närrisch zu werden, ist ihm durchaus bewusst. Und auch ein wenig peinlich, wenn dann doch mal ein paar Touristen auf Rädern durchkommen. Denn das gebrochene Verhältnis bezieht sich nicht nur auf das Land, das 1990 seine große Entvölkerung erlebte, sondern auch auf seinen Beruf, den er nach der „Wende“ an den Nagel gehängt hat, weil er in einer Arbeit als Musiklehrer einfach keinen Sinn mehr sah. Seitdem scheint das Prekäre zu seinem Leben zu gehören.

    Und man erfährt auch so nach und nach, dass es da mal eine Romy gab, von der der einsame Heiner eher störrisch erzählt, als wär’s nur eine etwas unglückliche Liebelei im letzten Sommer gewesen. Erst am Ende dieses ersten Teils seines Romans erfährt man, dass das mal eine Liebe fürs Leben war, dass beide auch verheiratet waren und mindestens einen gemeinsamen Sohn hatten. Das erfährt man quasi eine Sekunde vor Schluss. Es ist einer der Gründe dafür, warum man sich am Ende fragt, warum der Autor seine Geschichte nicht einfach runtergeschrieben hat, alles, was er in drei Teilen erzählen möchte.

    Dann hätte man noch kürzen und straffen können und es hätte ein griffiges Buch aus der thüringischen Provinz werden können. Aber auch der Untertitel „Gespinste aus Thüringen“ deutet darauf hin, dass der Autor doch ein wenig zu viel der ganzen deutschen Moritatenliteratur gelesen hat. Deutsche Autoren halten Grübeln und Spinnen für wichtig, ummalen die Gedanken ihrer Helden gern ausführlich, laden Landschaften und Dörfer mit Geraune auf, überhöhen und lassen Bedeutungen schwängern. Das macht Geschichte sehr gespinstig. Keine Frage. Aber eigentlich schaden sie dem Roman, der Story. Der Leser wird zu recht ungeduldig und fragt sich: Wann geht’s denn nun los? Wann packt er seine Handlung am Faden und erzählt sie konsequent herunter?

    Natürlich weiß man all die teuren Erfindungen der deutschen Erzählkunst zu schätzen, all diese Rückblenden, Einschübe, Abschweifungen, inneren und äußeren Monologe. Aber erfunden wurden sie in Zeiten, als Menschen noch mit der Postkutsche fuhren und der Taugenichts zu Fuß durch die romantischen Landschaften spazierte. Dieser alte romantische Blick auf Heimat, Dorf und Liebe scheint man nicht totzukriegen. Aber ist es nicht höchste Zeit, diese Verklärung endlich mal zu entsorgen? Verlassene Dörfer sind pittoresk, aber nicht romantisch, vergangene Lieben schmerzlich, aber nicht lyrisch.

    „Lyrische Geschichten aus einem deutschen Raum“? Das ist wie DäDääR: Verklärung und Schminke. Eine naive Verklärung, die aber irgendwie passt zum Selbstbild der ostdeutschen Provinz. Alles ist schon geschehen. Nichts kommt mehr, nicht mal mehr der Bus. Nur Heiner ist noch da und wird nicht fertig mit seiner Geschichte. Und deshalb steht dann dieser Titel da, der so klingt, als müsste sich jeder erst ein Ich basteln. Sehr gespinstig. Und eher nichts für Leute, die sich in Thüringens Wäldern auch mal ein bisschen Action wünschen.

    Lorenz Kindel „Das ICH ist eine vorübergehende Festlegung, Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2015, 12,90 Euro.

    Anzeige
    Werbung

    Mehr zum Thema

    Mehr
      Anzeige
      Werbung

      Topthemen

      - Werbung -

      Aktuell auf LZ

      Anzeige
      Anzeige
      Anzeige